Kristina Schröder und die Sache mit dem Feminismus
Es haben inzwischen schon ganz, ganz viele kluge Menschen sich zu dem furchtbaren Interview geäußert, das Bundesministerin Kristina Schröder dem Spiegel für seine jüngste Ausgabe gegeben hat. Natürlich hat auch Alice Schwarzer sich schon zur Wehr gesetzt, und der Spiegel schlägt auf seiner Website aus der selbst produzierten (und vermutlich bewußt lancierten) Diskussion mit auch nicht reflektierteren Folgeartikeln und dann angeblich stattfindendem parteiinternen Getröte noch Kapital. (Und ich verlinke das hier auch noch!)
Bei Neon versucht man sich mittels präzise gesetzter Bohrungen daran, das Niveau der Feminismen-Diskussion auf neue Tiefen zu senken, während die Bild-Zeitung sich nicht zu blöd ist (aber die ist sich ja zu nichts, etc.), die Meinungsverschiedenheiten zwischen Schwarzer und Schröder auf ihrer gestrigen Titelseite als “Bizarren Sex-Streit” zu bezeichnen, was auf so vielen Ebenen schon sprachlich falsch ist, daß mir die Magensäfte grummeln.
Aber natürlich ist auch das alles zwingend für einen durch Medien fabrizierten Mediensturm, Rauschen im (nicht nur virtuellen) Blätterwald. Manche Rollen darin sind für mich gar nicht so klar. Zum Beispiel würde mich brennend interessieren, wie das Interview und die Themenwahl präzise zustande gekommen ist. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Schröder nicht wußte, zu welchem Thema sie jetzt befragt werden würde – und auch mit solchen Gockeln als Gesprächspartner wird sie sicher schon öfter zu tun gehabt haben.
Das ist das eine; die furchtbaren Abgründe in dem, was Schröder so von sich gegeben hat – sowie die impliziten Denkvoraussetzungen, die sich dahinter verstecken -, das andere. Dazu gab es schon viel Kluges zu lesen, zum Beispiel:
- Svenja (Mädchenblog): Frau Schröder, Sie haben da was falsch verstanden…
- Anna (Mädchenmannschaft): Von Schmetterlingen und Ponys: Kristina Schröder spricht mit dem Spiegel
- Piratenweib (Missy Magazine): Feministin rechnet mit Ministerin Schröder ab
- Brigitte (Denkwerkstatt): Jungs spielen Fußball
- Anne (Spreeblick): Feminismus ist kein Ponyhof
- Gurkenkaiser: Rassifizierung und Individualisierung von Geschlechterungleichheit. Der Fall Kristina Schröder
Ich sage deshalb jetzt auch nichts Originelles, wenn ich meiner Irritation darüber Ausdruck verleihe, daß Schröder zwar Bedarf an Jungenförderung sieht und auch wahrnimmt, daß vor allem “die Jungs aus bildungsfernen Schichten” solchen Bedarf hätten – aber keinen Anlaß dazu sieht, danach zu fragen, ob dabei – womöglich sogar in bestimmten Gesellschaftsgruppen öfter auftretende – bestehende Geschlechtermodelle eine wichtige Rolle spielen könnten. Oder daß vielleicht die herrschenden Formen von Unterricht überhaupt für Kinder vielleicht nicht die bestmöglichen sind. Stattdessen will sie, inzwischen viel belächelt, “Diktate mit Fußballgeschichten” vorschlagen, die kämen bei Jungs eben besser an als “Schmetterlinge und Ponys”.
Jetzt mal abgesehen, daß ich mich auch als Kind da womöglich nicht so richtig einsortiert gefühlt hätte, kann ich mich nicht daran erinnern, daß wir seinerzeit enorm viele Diktate über Schmetterlinge und putzige Reittiere zu absolvieren hatten. Oder daß das irgendwas daran geändert hätte, ob wir Lust hatten, das Diktat jetzt gerade zu schreiben.
Aber Frau Schröder, die nicht daran glaubt, daß die Umwelt den Menschen macht – und deshalb konsequenterweise auch unter “Konservatismus” versteht, “die Realität zu akzeptieren” zeigt damit vor allem, daß sie nicht weiß, wovon sie redet. Daß jemand mit so unterkomplexem Denken und Argumentieren nicht nur Bundesministerin ist, sondern auch promovierte Soziologin, ist das eigentliche Armutszeugnis für unsere Ausbildungsinstitutionen voller fußballspielender Schmetterlinge. Und offenbar hat Schröder auch kein Interesse daran, ihre Bildungslücken zu stopfen – denn in den mittlerweile fast zwölf Monaten ihrer Amtszeit hätte sie sich auf ein solches Interview doch ein wenig besser vorbereiten lassen können. Für sowas hat man ja Mitarbeiter_innen.
Stattdessen offenbart die Ministerin ein allenfalls rudimentäres Verständnis davon, daß es womöglich unterschiedliche Vorstellungen zu Geschlechterkonzepten gibt, und eine mehr als lückenhafte, eben: Ahnung von Themen, Strömungen und Geschichte der feministischen Bewegungen (wobei da ihre Interviewer vermutlich nicht klüger sind, denn der Spiegel bezeichnet Alice Schwarzer beharrlich als “die deutsche Ur-Feministin” (danke, @lantzschi!) oder als “die oberste Verfechterin der Sache der Frau” – as if!). So hält sie auch den Begriff des “konservativen Feminismus” für eine “Worthülse” und sagt so schöne Sachen wie:
Ich glaube, dass zumindest der frühe Feminismus teilweise übersehen hat, dass Partnerschaft und Kinder Glück spenden. Es ist nicht der einzige Weg, aber es ist doch für sehr viele Menschen der wichtigste.
Nun tue ich “dem” frühen Feminismus sicher nicht unrecht, wenn ich sage, daß auch damals Partnerschaft (die Frau Schröder in diesem Zitat, davon muß man wohl ausgehen, ausschließlich heterosexuell definiert) und womöglich auch Kinder als Glücksspender in Betracht gezogen wurden – aber gerade im Kontext der Partnerschaft haben sich viele Frauen seinerzeit womöglich gefragt: Mit wem eigentlich? Und warum soll ich mir in der Partnerschaft vom Mann vorschreiben lassen, ob ich arbeiten oder ausgehen darf? Oder sie haben sich womöglich dazu entschlossen, dann doch lieber mit einer Frau zusammenzuleben, weil sie dies mit Männern für schlichtweg unmöglich hielten. (Oder sie liebten schlichtweg eine Frau. Oder… aber das wird endlos.)
Statt sich mit all diesen Fragen inhaltlich auseinanderzusetzen, sondert Schröder eine Reihe von Halbwahrheiten und Ungenauigkeiten ab und versichert aber schon am Anfang, “meine beste Freundin” (erinnert sich noch jemand an den irgendwann gräßlich sinnentleerten Spruch “Mein Freund ist Ausländer”?) sei Feministin, wähle auch Grün und so. Vielleicht sollte diese Freundin sich die Ministerin mal zur Brust nehmen – ganz ernsthaft, in deren eigenem Interesse – und ihr das mit dem Feminismus und der Frauenbewegung mal etwas auseinanderklambüsern.
Bei der Gelegenheit könnten sie auch einmal darüber diskutieren, wie man verstehen muß, daß Schröder die Einführung von Quoten als “Kapitulation der Politik” versteht. Denn Quoten, die Einführung also von bestimmten Mindestanteilen bei der Einstellung von Frauen in bestimmten Bereichen durch eine gesetzliche Regelung – also per Entscheidung des Gesetzgebers, der gewählten Volksvertreter_innen -, können keine Kapitulation der Politik sein, sind sie doch ein politisches Mittel. Davor mag man noch verhandeln, sich selbst verpflichten und all das – darauf hat Politik vielleicht Einfluß, mit ihren ureigenen Mitteln aber hantiert sie, wenn sie etwas regelt, das anders nicht zu erledigen ist. Das ist nicht Kapitulation, das ist eine Frage des politischen Gestaltungswillens. Den muß man in diesem Fall nicht haben – es gibt viele Gründe dafür, Quoten abzulehnen – aber sich auf “Sachzwänge” oder das Schlagwort “Kapitulation” zu berufen, ist unpräzise und für eine Person in Schröders Position schlichtweg feige.
Update:
- Manuela Heim (taz): Feminismus von vorgestern – Wenn Schwarzer und Schröder Feminismus definieren
- lantzschi (Medienelite): Kristina Schröder: Der Antifeminismus-Song
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Interessant. Ich hatte bei Frau Schwarzer kommentiert und auch darauf hingewiesen, dass es eines differenzierten Geschechterdiskurses bedarf, der auch die Frau als Täterin in der Gewaltdebatte sieht. Gelöscht. War ja nicht anders zu erwarten.
[...] Partnerschaft mit freien Menschen. Das ist mein Traum. Dieser Traum kann Wirklichkeit werden. Die Umwelt, die Sozialisation macht den Menschen, nicht die Geburt mit einem bestimmten Geschlechtsmerkmal. Und weil das so ist, kann die [...]
[...] Moment mal, Mannschaft… spielen die da etwa Fußball?!Update: Rochus Wolff hat beim Genderblog einen äußerst guten Überblick und Kommentar zur gesamten Debatte veröffentlicht.Das ist mir was wert: var flattr_wp_ver = '0.9.5'; var flattr_uid = '7956'; var [...]
[...] PS: Zusammenfassend und präzise berichtet das Genderblog über die “Kontroverse” Schröder/…. [...]
Die Vehemenz, mit der jetzt auf Schröder eingeprügelt wird, teilweise recht persönlich, unsachlich und (siehe Schwarzer) beleidigend, macht halt auch keinen Spaß.
Das sieht mir zu sehr nach einem Diskurs-/Ideengeschichtlichen Kleinkrieg aus, und zu selten nach einer Auseinandersetzung mit echtem Erkenntnisinteresse. Den Artikel der SZ zur Selbstüberhebung Schwarzers fand ich da recht wohltuend, weil sachlich. Darüber kann man dann diskutieren, über gegenseitige Kompetenz-/Bildungsnegation nicht.
http://bit.ly/dbo95M
Also sorry, aber nachdem ich noch mal die Kritikerinnen gelesen habe und das Interview, kann ich 95% der Kritik nicht nachvollziehen. In nahezu allen Punkten hat Schröder NICHT das gesagt, was dann widerlegt wird, sondern nur etwas ähnliches – was aber schon einen signifikanten Unterschied macht. Mal von der dämlichen (sorry für den Kalauer) Kritik von Schwarzer abgesehen.
Ich hab mir erlaubt, dazu was zu schreiben, so als alter Feminist:
Meine Frau (berufstätig und sehr erfolgreich) und ich sind absolut nicht in der Lage zu verstehen, was Frau Dr. Schröder eigentlich gesagt hat, was nicht von den allermeisten Menschen so als richtig akzeptiert werden kann. Sorry, die Entgleisung kommt von Frau Schwarzer, die sich damit einmal mehr demontiert hat. Aber abgesehen von pseudointellektuellen Artikeln wie hier und auf ähnlichen Seiten, hat Frau Schwarzer sicher nicht das erwünschte Medienecho bekommen. Die ihr da beispringen sind die üblichen Verdächtigen und alle anderen sind eher peinlich berührt.
Schröder schreibt ja, dass es “teilweise” übersehen wurde. Das ist doch richtig oder? Die Frage der Kindererziehung dürfte immer noch eines der Themen sein, die im Feminismus sehr unterschiedlich betrachtet wird.
Von Monique Wittig, die die reine Lesbenkultur hochhält und Kinder, Familie und Fortpflanzung als Bestandteil des Rollenbildes Frau ablehnt über die Frauen, die meinen, dass man alles über Fremdbetreuung regeln sollte und die Karriere das wichtigste ist bis hin zu denen, die gerne Mutter sein wollen und dabei die Nachteile abgefangen haben wollen
[...] diesen guten Artikel über Kristina Schröder und die Sache mit demFeminismus. [...]
[...] Die Blogsphäre zur Feminismus-Debatte (und mehr) von Helga Dieser Text ist Teil 83 von 83 der Serie Genderissimi: Die BlogschauDAS Thema der feministischen Blogosphäre war in dieser Woche natürlich die von Frauenministerin Schröder ausgelöste Debatte. Anne Wizorek outet sich auf Spreeblick als Feministin ohne klischeehafte Beinkleidung (lila Latzhosen), Antje Schrupp will lieber über feministische Inhalte sprechen und verzichtet nun sechs Monate auf den Begriff „Feminismus“, der Gurkenkaiser erläutert die Rassifizierung und Individualisierung in der Diskussion, inFEMME schreibt Alice Schwarzer, was an Frau Schröder wirklich zu kritisieren wäre und Rocchus Wolff hat im Genderblog noch weitere Blogbeiträge gesammelt. [...]
[...] Schröder rechnet mit dem Feminismus ab”, kalkulierte der Spiegel geschickt. Rochus vom Genderblog sammelte die wichtigsten Beiträge zu Schröders “Abrechnung” mit den [...]