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Genderblog

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Erving Goffman)

 

Auch ein schwuler Chor kann irren
Warum Judith Butler den Preis auf dem Christopher-Street-Day abgelehnt hat

 Sarah Schaschek   22. Juni 2010
 Gesellschaft, Politik, Queer

Anmerkung des Herausgebers: Dieser Beitrag ist ursprünglich für eine andere Publikation entstanden, wurde uns aber freundlicherweise von der Autorin zur Publikation überlassen.

Die Vorstellung beginnt draußen vor der Volksbühne und hat eine Menge Schauspieler angelockt. Frauen, die Frauen spielen, und Frauen, die Männer spielen, und Männer, die irgendetwas dazwischen spielen. So richtig weiß man das nicht genau, und darauf haben es die überwiegend schwul-lesbischen Versammelten angelegt. Für sie sind Geschlechterrollen nämlich tatsächlich Rollen – einstudierbar, aufführbar, eine große Schau. Und wer in eine Rolle schlüpfen kann, der kann auch in eine andere schlüpfen, glauben sie. Und spielen.

Diejenige, die das mit dem Geschlecht und der Schauspielerei formuliert hat, übernimmt an diesem Abend die Hauptrolle: Judith Butler, amerikanische Philosophin an der Universität Berkeley und Mutter der sogenannten „Queer“-Forschung. Vor 20 Jahren gab sie mit ihrem Buch Das Unbehagen der Geschlechter der schwul-lesbischen Szene ihren theoretischen Unterbau. Seitdem wird sie unter sexuellen Minderheiten als Ikone gefeiert. Auch deshalb will man ihr am Folgetag auf dem Berliner Christopher Street Day (CSD) den Zivilcouragepreis verleihen. Sie wird ihn ablehnen. Das Event ist ihr zu „kommerziell“.

Den eigentlichen Grund kann man schon am Vorabend erahnen. In ihrem Vortrag über „Queere Bündnisse und Antikriegspolitik“ in der Volksbühne ruft Butler Schwule und Lesben dazu auf, gemeinsam mit anderen Minderheiten gegen Gewalt einzutreten anstatt nur für die eigene Sache auf die Straße zu gehen. „Ich weiß nicht, was queer-Sein heißt“, sagt sie. „Aber ich weiß, was es bedeutet, Teil einer Allianz zu sein, die unser Leben lebbarer macht.“ Sie erteilt damit all denen eine Absage, die versuchen, sie für irgendeine Ideologie einzuspannen. Denn auch ein CSD vergisst vor lauter Feierei manchmal, dass es Andersdenkende gibt. Für politisch wichtiger hält Butler etwa den „Transgenialen CSD“, der an diesem Wochenende in Kreuzberg stattfindet. Hier geht man gemeinsam mit Migranten auf die Straße, kämpft gegen die Diskriminierung verschiedener Minderheiten. Auf die Frage eines Zuhörers, warum sie einen Preis entgegennehmen würde, der Homosexualität als neue Normalität darstelle, antwortet sie schon am Freitag ausweichend: „Ich fürchte tatsächlich, das meine Theorien an Stärke verlieren, wenn sie institutionalisiert werden. Das mit dem Preis warten wir mal ab.“

Ihr Autritt ist brilliant. Das Publikum, das so sehr an Butlers Schauspiel-Thesen glaubt, folgt verzückt ihren Ausführungen zu Homophobie und dem Recht, seine Liebe offen ausdrücken zu dürfen. „Es ist eine Form von Freiheit, auf der Straße man selbst sein zu können“, sagt sie. Solange es eine „Gender-Polizei“ gebe, die vorschreibe, wer sichtbar sein dürfe und wer nicht, mache sich ein Staat kriminell. „Denn damit erklärt eine Gesellschaft bestimmte Menschen für wertvoll und andere für verzichtbar.“

Das ist klassischer Butler-Stoff. Denn ihre Philosophie erklärt, wie wichtig es ist, sich nicht gegen das Fremde abzuschotten, sondern es als Teil des eigenen Lebens anzuerkennen. „Wir sind aneinander gebunden, von Anfang an.“ Den Satz wiederholt die 54-Jährige immer wieder. Und mit jeder Wiederholung dreht er sich ein bisschen weiter, der Satz, bis er schließlich nicht mehr nur klassisches Geschlechterdenken, sondern auch homosexuellen Hochmut kritisiert – das wohlige „Wir“-Gefühl, das Schwule, Lesben, Trans- und Intersexuelle sich seit ihrem Unbehagen der Geschlechter geschaffen haben. Mit dem Zivilcouragepreis lehnt Butler daher vor allem einen Guru-Status ab. Er ist ihr sichtlich unbehaglich.

Früher am Abend, bevor Butler kam, haben sie in der Volksbühne Rene Pollesch gespielt: „Ein Chor irrt sich gewaltig“. Normalerweise ist man sich unter Schwulen und Lesben einig, dass mit dem „Chor“ eigentlich nur die heterosexuelle Mehrheit gemeint sein kann, die immer noch nicht verstanden hat, dass Frauen und Männer eigentlich nur ziemlich gute Kostüme tragen. Als die Zuhörer gegen Mitternacht den Saal verlassen, hat der Pollesch-Titel einen neuen Beigeschmack. Butler hat ihre Fans heute abend selbst zu Chormitgliedern erklärt. Eine ungewohnte Rolle. Aber was hilft es? Die Bühne, das wissen sie, ist überall.

(Ein anderer Bericht zum Abend in der Volksbühne findet sich hier, unten findet sich die Ansprache Butlers auf dem CSD als Video [via]. Weitere Anmerkungen zu Butler zum Beispiel bei Theorie als Praxis oder bei Antje Schrupp.)

Sarah Schaschek ist Doktorandin am Institut für Amerikanistik an der Universität Bonn und forscht zum Thema Pornografie und Serialität. Nach dem Studium der Kulturwissenschaften in Bonn und einem kleinen Ausreißer nach Potsdam für ein Zeitungs-Volontariat (wo das Thema Feminismus noch praktisch unbekannt war), brach sie letzten Sommer nach Berkeley auf, um sich ganz auf ihre Promotion zu konzentrieren. Aus dem Freidenkerstaat Kalifornien hat sie viele genderpolitische Ideen mitgebracht, die sie nun ungeniert zu verbreiten gedenkt.

 
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