Anzeige

Anzeige

Genderblog

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Erving Goffman)

 

Noch einmal Pirat_innen
Gleichberechtigung kommt nicht von selbst

 Rochus Wolff   14. September 2009
 Feminismus, Netz, Politik

Seit meinem Blogeintrag zur Piratenpartei hat sich die Diskussion zum Thema an anderen Stellen rasant entwickelt, woran ich allerdings wenig Anteil hatte, zumal mein Beitrag wenig mehr wahr als das Bestärken bereits anderswo bereits und bereits besser geäußerter Positionen.

Ich habe immerhin zwar natürlich keine Kommentare bekommen (die sind und bleiben vorerst noch geschlossen), aber doch eine Handvoll Rückmeldungen per Mail, allesamt ziemlich höflich im Ton und ernsthaft im Inhalt. Da ist es in den Diskussionen bei Danilo, bei Antje Schrupp und Julia Seeliger sowie im Mädchenblog bisweilen ganz anders zugegangen.

Die unterirdischen Kommentare, die sich dort zum Teil finden, – es gibt ja in der Tat auch viele konstruktive und interessante – sind natürlich nicht repräsentativ für Mitglieder und Sympathisant_innen der Piratenpartei, aber es nützt auch wenig, sie als einfache Trolle abzutun. Es sind Trolle mit politischen Zielen, und ein wesentliches davon ist es, feministische Positionen zu diskreditieren, Feminist_innen zu beschimpfen und antifeministische Positionen salonfähig zu machen. Sie sind im Netz in zwar nicht unbedingt großer Zahl, aber mit hoher Aggressivität und wenig moralischer Zurückhaltung vertreten.

Es sollte die Piratenpartei doch stutzig machen, das sie, ohne bisher selbst eine klare politische Position im Feld Geschlechterpolitik formuliert zu haben, für ebensolche Positionen in Anspruch genommen wird. Und noch irritierender sollte sein, daß diese Positionen mit denen konservativer bis rechtsextremer Parteien starke Übereinstimmungen haben.

Daß mit Vereinnahmungsversuche gerade von rechten Parteien und Gruppen zu rechnen wäre, muß mit etwas Erfahrung und Belesenheit in politischen Dingen sofort einleuchten. Daß nun der stellvertretende Bundesvorsitzende der Piraten, Andreas Popp, der Zeitung Junge Freiheit ein Interview gibt, für deren Themenschwerpunkt zu Zensur etc., und sich nachher damit entschuldigt, er habe die Zeitung nicht einmal gekannt, zeigt nur, wie naiv die Piratenpartei politisch ist. Das ist gefährlich; nicht weil es die Partei automatisch nach rechts rücken läßt, sondern weil sie den Angriffen rechter Denkweisen als Organisation bislang offenbar hilflos gegenübersteht.

Es reicht auch nicht, die Existenz eines inhaltlichen Mangels anzuerkennen. Der per Mail mir von verschiedenen Leuten zugeschickte Hinweis – danke! – auf die AG Queeraten genügt mir nicht, um die Partei irgendwo einordnen zu können oder zu wollen. Alle großen Parteien (bis auf die FDP, aber das ist womöglich eine andere Geschichte) haben entsprechende Unterorganisationen und Arbeitsgruppen, von der AG Queer der Linkspartei über die AGs Lesben- und Schwulenpolitik bei den Grünen hin zu den Schwusos und der LSU. Sie alle machen unterschiedlich erfolgreiche Arbeit, was aber meist nicht an ihnen liegt, sondern am Widerstand innerhalb ihrer Parteien – mit anderen Worten: die Existenz und Aktivität einer AG Queer sagt null und nüscht über die Haltung der Partei aus.

Genau deswegen erwarte ich, wie ich es bereits geschrieben hatte, von der Piratenpartei, damit sie für mich auch nur potentiell wählbar wäre (das wäre dann zu entscheiden), daß sie sich in entscheidenden politischen Fragen positioniert, daß sie ihre Naivität ablegt, daß sie nicht so tut, als könne sie sich auf einer politischen tabula rasa neu ausbreiten.

Und das gilt eben für mich besonders auf dem Gebiet der Geschlechterpolitik, das zum Beispiel Antidiskriminierungsfragen, Transsexuellenrechtsprechung und Familienpolitik miteinander verbindet. Ich möchte hier sachkundige und auf die politische Realität auch außerhalb des Internets bezogene Äußerungen und Zielsetzungen lesen. Dafür muß die Piratenpartei aber auch in diesen Bereichen politisch denken und argumentieren – und sich positionieren.

Benni hat auf keimform.de die persönlichen Motive weiblicher Piraten gewürdigt, die sie in die Diskussion eingebracht haben, fragt aber auch:

Das ist eine wie ich finde völlig nachvollziehbare Einstellung. Wer einmal gelernt hat, nicht mehr Opfer zu sein, will sich diese Rolle auch nicht mehr aufdrängen lassen. Doch taugt es auch als politische Maxime?

Ich habe, das betone ich gerne noch einmal, zu keinem Zeitpunkt geschrieben, die Mitglieder der Piratenpartei seien sexistisch, ich glaube auch sehr gerne, daß Frauen sich im Kontext dieser Partei sehr wohl fühlen und dort für voll genommen werden. Ich finde nicht einmal den niedrigen Frauenanteil per se problematisch – obwohl ich es wichtig fände, wenn sich die Partei gedanken machen würde, welche Ursachen das hat und welche Schlußfolgerungen man für die Mitgliederwerbung aber auch für die eigene Politik ziehen möchte.

So zu tun aber, als verließe man mit dem Eintritt in die Partei die reale Welt, das Real Life, als habe man, weil man ja vor allem übers Internet zusammenkommt, keine geschlechtliche Identität mehr bzw. diese spiele keine Rolle mehr – wer mit dieser Utopie, die schon Mitte der 90er Jahre allenfalls noch in bekannt ahnungslosen Spiegel-Titelgeschichten ernsthaft propagiert und behauptet werden konnte, reale Politik machen will, hat im Bundestag nichts verloren.

Und in Sachen Geschlechterpolitik möchte ich wirklich nicht mehr hören, man habe jetzt genug von dem ganzen “Genderkram” und wolle jetzt endlich “echte Gleichberechtigung”, auch Quoten seien deswegen abzulehnen.

Wer so argumentiert, spricht so ahnungslos über Geschlechterfragen, Möglichkeiten und Bedingungen von Gleichstellung, wie Ursula von der Leyen über Netzsperren spricht. Und mehr noch: er/sie spricht so, wie konservative bis rechtsausliegende Politiker_innen argumentieren.

“Feminismus” (der richtigere Plural Feminismen wird meist nicht einmal zur Kenntnis genommen) wird da gerne als Ideologie ohne Bezug zur Realität gesehen, und eine solche Position findet man auch in der Diskussion zur Piratenpartei nun immer wieder – gelegentlich etwa mit dem Hinweis versehen, man müsse im Einzelfall objektiv, auf der Basis wissenschaftlich strukturierten Denkens, entscheiden.

Felix Neumann hat sehr präzise darauf hingewiesen (via), daß sich hinter einer solchen Auffassung weniger eine politische Position verbirgt, als eine Fehlwahrnehmung der Bedingungen von Politik – die allerdings selbst immer schon politisch bedeutsam und wirkmächtig wird.

Für die Gender-Debatte heißt das, daß sich die unter den Piraten, die eine Beschäftigung mit Genderthemen und Feminismus rundweg ablehnen, sich bewußt machen sollten, daß ihre Position, ein sehr operationaler und erstmal konsistenter Begriff von Gleichberechtigung – »alle dürfen sich beteiligen, jede kann kommen und mitmachen, Geschlecht ist bei uns irrelevant, es zählt Kompetenz« – auch nicht wertfrei ist. »Piratig« wäre wohl, sich zunächst darum zu bemühen, zu verstehen, warum die Feministen so eine unterschiedliche Sicht haben, und wie sich ihre Positionen soziologisch hinterfragen lassen.

Über Geschlecht, so die landläufige Meinung, können wir alle sach- und fachgerecht sprechen, schließlich haben wir das ja auch alle irgendwie wenigstens mal gehabt. Einer Partei mit so vielen intelligenten Mitgliedern und Sympathisant_innen wie die Piratenpartei sollte aber doch daran gelegen sein, komplexe Zusammenhänge sowohl in Individuen als auch in gesellschaftlichen Prozessen nicht einzudampfen und unterzubuttern, sondern zu durchdringen und in all ihrer Komplexität in ihre Vorstellungen zu integrieren. Die Umsetzung in mühsamer politischer Arbeit ist dann schließlich noch mangelbehaftet genug.

 
Teilen 
 
-->

Keine Kommentare

(RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel)

Noch keine Kommentare

Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.



WordPress · Login für AutorInnen · Impressum

URL dieser Seite: http://genderblog.de/index.php/2009/09/14/noch-einmal-pirat_innen/
blogoscoop