Anzeige

Anzeige

Genderblog

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Erving Goffman)

 

Von einer zeitgemäßen Suche nach Utopien

 Ilka Borchardt   13. August 2008
 Bücher, Buchrezensionen, Gesellschaft

María do Mar Castro Varela: Unzeitgemäße Utopien. Migrantinnen zwischen Selbsterfindung und Gelehrter Hoffnung. Transcript-Verlag: Bielefeld 2007. 29,80 Euro. ISBN 3-89942-496-4

Die Suche nach Utopien scheint sich im Gegensatz zu anderslautenden Behauptungen mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten nicht erledigt zu haben. Nach wie vor besteht Bedarf an der Auseinandersetzung mit Zukunftsvisionen. Darauf deutet u.a. die letzte Plakat- und Fernsehkampagne des Projekts “die Gesellschafter” hin. Die Frage “In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?” fordert dazu auf, sich an Diskussionen, Vernetzung und mit zivilgesellschaftlichem Engagement zu beteiligen. (Interessant ist dabei, dass diese neue Kampagne im Layout an Werbung eines gewissen Medienmarktes angelehnt ist und in meinen Augen damit eine Art Ausverkauf ihrer Ideen und Hintergründe betreibt.) Das Projekt selbst soll einen “tiefen Blick in das Reservoir utopischen Denkens in unserer Gesellschaft” bieten und in “die Bereitschaft, sich für eine bessere Welt auch zu engagieren”. In diesem medial aufbereiteten Alltagswissen sind utopisches Denken und zivilgesellschaftliches Engagement so eng miteinander verbunden, dass zu ihrer Beschreibung die Schlagworte “Nachdenken, Diskutieren, Handeln” zu genügen scheinen.

Dies steht in gewissem Widerspruch zu einer anderen alltagssprachlichen Bedeutung: “das ist doch utopisch” meint auch, etwas sei unrealistisch, und der Gedanke an jenes Utopische solle besser (aus Gründen der Nicht-Realisierbarkeit) aufgegeben werden. Und doch ist Utopien eine Faszination, eine Anziehungskraft eigen, deren Elemente auch in Science-Fiction-Produktionen wie Star Trek (v.a. in The Next Generation), den Werken von Stanisław Lem, einigen Filmen von Andrej Tarkowskij oder auch in feministischen Romanen wie Die Töchter Egalias von Gert Brantenberg zu finden sind. Im Gegensatz zur alltagssprachlichen Ablehnung des Utopisch-Unrealistischen scheint die gesellschaftspolitische Anziehungskraft in der Qualität als Vision, als Entwurf einer wünschenswerten Zukunft zu liegen, die das heutige Handeln nicht nur bestimmt, sondern auch inspirieren und zu Kreativität anregen sollen.

Antworten aus der Wissenschaft?

Die aktivierende und mobilisierende Kraft, die Diskussionen über Utopien freizusetzen vermögen, konnte María do Mar Castro Varela in ihrer eigenen politischen Tätigkeit feststellen. Konsequenterweise liegt sie auch ihrem Forschungsinteresse an “Unzeitgemäßen Utopien” zugrunde. In ihrer gleichnamigen Promotionsschrift geht sie davon aus, dass es eine Verbindung zwischen Denken und engagiertem Handeln gebe und stellt implizit die Frage, ob beide einander nicht sogar gegenseitig bedingen.

Trotz des zugegebenermaßen etwas trockenen Titels kann ich diese Arbeit nur ausdrücklich all jenen ans Herz legen, die auch nur ein wenig an Fragen nach dem Leben, unseren verschiedenen Universen und dem ganzen Rest interessiert sind. Auch wenn hier sicher keine Antwort auf oder Lösung für die mehrfach konstatierte Politikmüdigkeit in der Bundesrepublik gegeben wird, eröffnet do Mars Suche nach zukunftsfähigen gesellschaftskritischen Potentialen unerwartete Räume für produktive Imaginationen und nicht nur für eine erneute kritische Auseinandersetzung mit Selbst- und Fremdwahrnehmungen. Ihre Überlegungen und mehrfache Aha-Erlebnisse haben mich soweit überzeugt, dass selbst eine so pingelige Leserin wie ich über formale Unannehmlichkeiten wie Tippfehler, eine unvollständige Literaturliste und eine falsche Literaturangabe (in einer Fußnote wird fälschlich Orwell statt Huxley als Autor von Brave New World genannt) hinweg getröstet wird.

Um es vorwegzunehmen – das kritische Potential von Utopien besteht für do Mar u.a. darin, dass sie “über das zugeschriebene Fremdbild hinausweisen und die Veränderung auch der sozialen Position und Perspektive fordern” können (S. 13). Es geht mitnichten nur um den widerständigen Alltag, um Bewältigungsstrategien für die Effekte von Diskriminierung oder um den Kampf gegen soziale Ungleichheiten. Gerade do Mars Forschungssubjekte – Migrantinnen (verschiedener Generationen und geographischer Hintergründe) – sind oft genug Gegenstand von (“klassischen Migrations-”) Forschungen zu “kultureller Differenz”, jenem Phänomen, mit dem in der politischen Arena gern auch “Probleme bei der Integration” begründet werden.

Fragen der Wissenschaft

Demgegenüber ist es erklärtes Ziel der Unzeitgemäßen Utopien, über den widerständigen Alltag hinausgehend “die Frage nach der kritischen Gegenmacht” zu stellen und in migrantischen Utopien die Möglichkeiten für eine andere gesellschaftliche Ordnung zu untersuchen (S. 14). Dabei geht die Autorin nicht nur von der Handlungsmacht migrantischer Subjekte aus und siedelt ihre Visionen nicht nur zwischen individuellen “Selbsterfindungen” und “Gelehrten Hoffnungen” an, sondern untersucht gerade auch ihr kreatives und gesellschaftskritisches Potential.

María do Mar setzt sich dazu mit aktuellen theoretischen Standpunkten auseinander, die zunächst einmal grob in utopiefeindliche und utopiefreundliche unterschieden werden können. Doch hält diese Einteilung wirklich nur dem ersten Blick stand, insbesondere wenn UtopiegegnerInnen vor allem unter postmodernen DenkerInnen gesucht und gefunden werden. Do Mar hingegen illustriert mit einer Art “Gegen den Strich lesen” an ausgewählten Beispielen, “dass unter der Oberfläche poststrukturalistischer Theoriegebäude sich utopisches Denken und ein Glauben an eine noch zu kommende Gerechtigkeit befinden, die, würde sie erst einmal transparent, die unüberwindbaren Gräben zwischen Poststrukturalismus und kritischer Theorie überbrücken helfen würden.” (S. 19)

Zu diesem Zweck liest die Autorin zwei selten gemeinsam rezipierte Autoren (Ernst Bloch und Michel Foucault) kritisch miteinander. Auf dieser Grundlage entwickelt sie am Datenmaterial ein Verständnis von Utopie, das o.g. Forschungsziel zu realisieren hilft, ohne dabei die paradoxen, naiven und gleichzeitig politisch radikalen und strategisch durchdachten Entwürfe der interviewten Individuen und Gruppen zu verklären, beschönigen oder Migrantinnen als Opfer festzuschreiben.

Do Mar hat für diese Arbeit “nur” vier Frauengruppen interviewt, die auch noch verschieden stark politisch aktiv oder interessiert sind. Damit können natürlich lange keine repräsentativen Aussagen über “das utopische Potential” von MigrantInnen getroffen werden. Doch eröffnen gerade die Fokussierung auf, die Irritation durch die individuellen widersprüchlichen Aussagen und ihre Kontextualisierung in wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Entwicklungen neue Perspektiven für die Utopieforschung. Die Arbeit beweist, dass offensichtlich noch lange nicht alles zu Begriff, Phänomen, Konzept, Funktionen, Problemen und Hoffnung “Utopie” gesagt und geschrieben worden ist, auch wenn seit dem 16. Jahrhundert, seit Thomas Morus’ Utopia, viel Zeit dafür war.

Antworten in der Gesellschaft?

Der enge zeitliche Zusammenhang zwischen der Entstehung von do Mars Promotionsschrift und die Etablierung des Projektes “die Gesellschafter” ist auffallend. Oder in do Mars Worten: “Es stellt sich hier die Frage, ob nicht die Desillusionierung, die Teil der Milleniumshysterie war, als Verlust von Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten gedacht, geradezu in die Lage versetzte, utopische Visionen auszulösen. Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass utopisches Denken wieder zunimmt.” (S. 20) Insofern sind Utopien eigentlich zwangsläufig zeitgemäß; jede Zeit hat ihre Utopien, die meist auf aktuelle Missstände zu antworten versuchen oder in denen zumindest letztere beseitigt sind.

Es gibt sicher nicht nur eine Lesart des Interviewmaterials von do Mar, ebenso wie es nicht nur eine Lesart ihrer Interpretation von Bloch und Foucault gibt. Manchmal scheint es, als stelle do Mar mehr neue Fragen, als sie zu beantworten versucht – ein vielleicht nicht ganz unerwünschter Vorwurf für eine engagierte Wissenschaft, die sich auch politisch positioniert. Und das tun die “Unzeitgemäße(n) Utopien” zwangsläufig. Eine Frage, die ich bei María do Mar als neu gestellt herauslese, ist die nach dem Wesen und Ansehen von Politik: Muss politisches Engagement unbedingt institutionell, und sei es auch noch so informell, angebunden sein? Oder anders gefragt: ist nur in irgendeiner Weise institutionalisiertes Engagement politisch? Welche Rolle erhoffen wir dann nicht zuletzt auch von unserem Blog?

 
Teilen 
 
-->

2 Kommentare

(RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel)

  1. [...] Genderblog » Von einer zeitgemäßen Suche nach Utopien Ilka Borchard über María do Mar Castro Varelas "Unzeitgemäße Utopien. Migrantinnen zwischen Selbsterfindung und Gelehrter Hoffnung". (tags: buch migration utopie) « links for 2008-08-12 [delicious.com] links for 2008-08-05 [delicious.com]links for 2008-08-01 [delicious.com]links for 2008-08-12 [delicious.com]links for 2008-07-28links for 2008-07-29 [...]

  2. [...] Genderblog » Von einer zeitgemäßen Suche nach Utopien Ilka Borchard über María do Mar Castro Varelas "Unzeitgemäße Utopien. Migrantinnen zwischen Selbsterfindung und Gelehrter Hoffnung". (tags: buch migration utopie) [...]

Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.



WordPress · Login für AutorInnen · Impressum

URL dieser Seite: http://genderblog.de/index.php/2008/08/13/von-einer-zeitgemasen-suche-nach-utopien/
blogoscoop