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Genderblog

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Erving Goffman)

 

Queer-feministisches Internet?
Über (halb-)traditionelle Arbeitsteilung und neue Öffentlichkeiten im Web 2.0

 Rochus Wolff und Danilo Vetter   12. August 2008
 Feminismus, Netz

Dieser Text ist die leicht modifizierte Vorabpublikation eines Artikels, der auch in der analyse & kritik Nr. 530 vom 15. August 2008 erscheint.

Das Internet hat unsere Art zu arbeiten und zu kommunizieren verändert. Einerseits bietet es nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, Informationen zu suchen und über diese gemeinschaftlich zu kommunizieren. Andererseits ist auch das Web und von klassischen und neuen Machtstrukturen durchzogener Raum. Im Folgenden werden wir auf Weblogs eingehen und dabei aktuelle Auseinandersetzungen mit Geschlechterverhältnissen in der Blogosphäre herausarbeiten und eigene Erfahrungen zu feministischen Interventionen im Internet reflektieren.

Viele der neuen Kommunikationsmittel, die seit der Jahrtausendwende das Internet erweitern, werden unter dem Schlagwort “Web 2.0″ zusammengefasst. Gemeint sind damit primär technische Möglichkeiten, die die Partizipation im Internet vereinfachen und eine stärkere Verknüpfung von Informationen erleichtern. Zusammenfassend lassen sich Web-2.0-Anwendungen durch folgende Verschiebungen umschreiben: BenutzerInnen werden von LeserInnen zu AutorInnen oder BearbeiterInnen von Informationen (Wikis wie z.B. Wikipedia, Gender@Wiki; Weblogs); im Zentrum steht nicht mehr die Arbeit der/des Einzelnen, sondern das Teilen und das gemeinsame Ver- und Bearbeiten von Informationen. Dabei werden Informationen häufiger im Web statt auf der eigenen Festplatte gespeichert und sind damit für andere unmittelbar zugänglich (bekannte Beispiele dafür sind Flickr.com und Youtube.com). Auf diese Weise finden sich NutzerInnen mit gemeinsamen (Arbeits-)Interessen in Netzwerken zusammen.

Ein Weblog (Wortbildung aus World Wide Web und Logbuch) oder kurz: Blog ist eine regelmäßig aktualisierte Website, die oft in Form eines öffentlichen Tagebuchs geführt wird. Wesentliche Erkennungsmerkmale von Weblogs sind die Kommentarfunktion, die Kommentare und Diskussionen zu den einzelnen Einträgen ermöglicht; sogenannte Blogroll, d.h. Linklisten, die von AutorInnen des Blogs gelesen werden. Und schließlich die Möglichkeit, als LeserIn des Blog automatisch über neue Einträge informiert zu werden.

Verschiedenste Webloganbieter und vielfältige Blogsoftware ermöglichen es, technisch niedrigschwellig ein eigenes Weblog zu führen. Weltweit gibt es derzeit ca. 50 Millionen Weblogs, in Deutschland werden nach jüngsten Schätzungen ca. 130.000 aktiv genutzt, wobei ihre Anzahl wohl immer noch kontinuierlich ansteigt. Die Themenvielfalt und Inhalte der aktiven Weblogs sind enorm. So werden sie beispielsweise zur Vernetzung und Information politischer Gruppierungen genutzt, begleiten die Printausgabe von Zeitungen oder dienen als Kontaktbörse für Geschäftsleute.

In den letzten Jahren hat sich der gender gap in der Internetnutzung in Deutschland zunehmend geschlossen – insbesondere bei jungen Menschen gibt es kaum noch Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Jan Schmidt und Martin Weber haben aufgezeigt [PDF], dass sich auch in Bezug auf die Anzahl aktiver BloggerInnen nur noch geringe Geschlechtsunterschiede nachweisen lassen (Männer 54,4%; Frauen 46,6%). Im Sample, das Cilja Harders und Franka Hesse für ihre Studie “Gender Blogging” zugrunde legten, definierten sich sogar 66,1% der WeblogautorInnen als weiblich. Beide Studien konnten außerdem herausarbeiten, dass der Anteil der Bloggerinnen bei den unter 20-jährigen noch deutlich höher ist. Als Fazit könnte an dieser Stelle gezogen werden, dass die Blogosphäre, wie das gesamte, sehr disparate Netzwerk von Weblogs oft genannt wird, eigentlich durch junge Frauen dominiert wird – eine Beobachtung, die wohl auch auf Soziale Netzwerke im Web 2.0 übertragbar ist.

Tatsächlich richtet sich aber die Aufmerksamkeit einer größeren Öffentlichkeit vor allem auf Weblogs, die von Männern betrieben werden. Die Popularität von Weblogs innerhalb der Blogosphäre lässt sich über Top-100-Listen wie etwa die Deutschen Blogcharts abschätzen, deren Ranglisten das Kriterium zugrunde liegt, wieviele Links von anderen Blogs ein bestimmtes Weblog pro Monat erhält. Es kann kaum überraschen, dass vor allem Weblogs, die in dieser oder vergleichbaren Listen auftauchen – oft als A- oder Alpha-Blogs bezeichnet -, von den traditionellen Massenmedien wahrgenommen und zitiert werden, wie etwa das bekannte Bildblog oder das Berliner Gruppenblog Spreeblick.

Franka Hesse fand [PDF] in einer vergleichbaren Liste vor drei Jahren “bei den von Einzelpersonen geführten A-Blogs [...] nur 29,8 Prozent” Frauenanteil und führte dies auch auf die Altersverteilung in der verwendeten Liste zurück – Teenager seien mit gerade einmal 1,8% vertreten gewesen. Jan Schmidt hat 2006 die Deutschen Blogcharts untersucht und kam zu ähnlichen Ergebnissen [PDF]. Selbst wenn man Gruppenblogs mit einbezieht, so Schmidt, sind eine Mehrheit aller Weblogs aus den Deutschen Blogcharts nur von Männern geführt.”

Schmidt führt diesen Unterschied auf die Themenwahl der AutorInnen und “Praktiken des Bloggens” zurück. In der Tat finden sich in den Bestenlisten vor allem thematisch orientierte Weblogs, die sich mit Medien, Technologien, dem Internet selbst und mit politischen Fragen beschäftigen. Über solche Themen werden aber, wie auch aus der Studie von Harders und Hesse hervorgeht, auch in Weblogs vor allem von Männern geschrieben. Frauen hingegen schreiben größtenteils “private” Weblogs, also eher persönliche Tagebücher, in denen sie vor allem von eigenen Erlebnissen und Gedanken berichten. Diese Weblogs sind meist von vornherein für eine kleinere LeserInnenschaft gedacht und werden nur selten über diesen Kreis hinaus wahrgenommen.

Bemerkenswert ist hier also, wie sehr die von Schmidt genannten Praktiken geschlechtlich konnotiert sind und wie sich in der Tendenz den traditionellen Sphären männlichen und weiblichen Handelns anschmiegen, dem privaten und dem öffentlichen Raum. Es hieße allerdings die übliche Hierarchisierung dieser Dichotomie schlicht zu reproduzieren, würden wir das (vermeintlich) Politische als generell bedeutsamer und wichtiger als das (vermeintlich) Private ansehen. Weblogs sind als Medium nicht zweckgebunden; ein Weblog kann auch als privat gedachtes, öffentlich geführtes Tagebuch Akte der Selbstermächtigung ermöglichen.

Das politische Potential von Blogs erschöpft sich aber natürlich nicht in diesen Möglichkeiten. Vielmehr bieten Weblogs für queere/feministische AkteurInnen eine besonderes Potential, zentrale Themen und Fragestellungen, die nicht immer konform zu hegemonialen Diskursen verlaufen, im Internet im Sinne einer Gegenöffentlichkeit zu platzieren. Dabei lassen sich diese Weblogs in der Tradition von Grrrlzines[1] denken, die ebenfalls versucht haben, Bedeutung(szuschreibung)en von “Weiblichkeiten” und “Männlichkeiten” kritisch zu befragen und zu dekonstruieren.

Dieser poststrukturalistische Ansatz, sich eindeutiger Geschlechtsszuschreibungen zu entziehen, wird dadurch unterstützt, dass Weblogs anonym anlegbar sind und so auch nicht zwingend eine Geschlechtsidentität sichtbar wird. Bestimmte kommerzielle AnbieterInnen von Web-2.0-Technologien, wie z.B. manche soziale Netzwerke (facebook.com, studiVZ.net) fordern von den NutzerInnen eine eindeutige Zuordnung innerhalb einer dichotom gedachten Geschlechterordnung – was nicht zuletzt auch für das Schalten von geschlechtsspezifischer und Geschlechterstereotype verstärkender Werbung genutzt wird.

Neben der Möglichkeit, sich innerhalb der Blogosphäre und im Internet stärker zu vernetzen, erlauben Weblogs eine intensive, ortsunabhängige und öffentliche Auseinandersetzung mit feministischen Themen, wobei durch den Kommentarteil unterschiedliche Perspektiven Eingang in die Diskussion finden und verschiedenste feministische Positionen einander gegenüber und nebeneinander stehen können. Als Beispiele für intensiv geführte Diskussionen bietet sich die Durchsicht der Kommentare zum Frauentag im Genderblog oder die Diskussion zum Artikel “Die perfekte Partnerin” im Mädchenblog.

Durch die für Weblogtechnologien typische starke gegenseitige Verlinkung, Verweise und Kommentare wird die Vernetzung transparent. Diese Weblognetzwerke werden für politische Interventionen z.B. für Unterstützung und Verbreitung von Petitionen oder für die Ankündigung von Veranstaltungen besonders intensiv genutzt. Durch das hohe Ranking von Blogeinträgen in den Suchmaschinen und den Vernetzungsgrad der Weblogs können die Beiträge der AutorInnen wesentlich breiter gestreut werden als über andere Publikationswege.

Die Offenheit der Diskussion hat aber auch Schattenseiten. So finden sich gerade in den Diskussionen im Kommentarteil der Blogs häufig anonym maskulistische, antifeministische, homophobe und sexistische Reaktionen auf die Beiträge sowie Angriffe auf die AutorInnen. Die Community dieser Gegenbewegungen ist nach unserer Einschätzung klein, aber gerade im Internet besonders präsent und aktiv. Mit “Gendertrouble im Web 2.0″ hat sich Tanja Carstensen näher beschäftigt; no-racism-net setzte sich bereits 2005 intensiv mir Rassismus und Sexismus in der deutschen Wikipedia auseinander.

In den USA, wo Zahl wie Bedeutung von Blogs erheblich größer ist als in Deutschland, haben feministische Blogs bereits konkrete politische Erfolge vorzuweisen, etwa dass in einzelnen Fällen sexistisch bedruckte Kleidung vom Markt genommen wurde. In Deutschland hingegen ist der unmittelbare politische Einfluss von Weblogs noch klein, was auch am völlig anderen politischen Klima und an den hierzulande erheblich differenzierter berichtenden Massenmedien liegen mag. Die Diskussion, die in zahlreichen Weblogs um einen jüngst erschienenen Spiegel-Artikel zu diesem Thema (“Die Beta-Blogger”) geführt wurde, zeigt aber auch, dass unter den BloggerInnen ein Bewusstsein für diese Differenzen und für die Schwächen in der Arbeit politischer Weblogs vorhanden ist.

Unbestreitbar ist, dass die Bedeutung des Internet als Wissensquelle und erster Anlaufpunkt für Recherchen zugenommen hat. Betrachten wir Wissen keineswegs als statische Größe, sondern als in Diskursen hergestellte und stets politisch geprägte Wahrheit, die sich in fortwährender Bewegung und Veränderung befindet, so erscheinen feministische und queere Interventionen im Internet von essentieller Bedeutung, da sie ein Gegengewicht zu den im Internet hegemonialen Positionen bilden.

Dabei sind feministisch orientierte Weblogs nur eine Form der Gegenöffentlichkeit. So hilft eine opencrawl-Suchmaschine zur Geschlechterforschung bei der gezielten Suche auch nach Informationen, die für feministische und queere Initiativen relevant sind, und ignoriert dabei große Teile des hegemonialen Ballasts, der bei Suchgiganten wie Google unvermeidlich mitgefunden wird. Auch zahlreiche andere werden im Web vielfältig genutzt, wie Tanja Carstensen beschreibt. Die Möglichkeiten, die das Web 2.0 für die Vernetzung und Organisation politischer Gruppen bietet, werden von feministischen und queeren AkteurInnen aber noch lange nicht ausgenutzt.

Anmerkungen


  1. Der Begriff Grrrlzines bezeichnet unabhängig publizierte alternative feministische Zeitschriften („zines“ steht kurz für „magazines“). Eine schöne internationale Übersicht bietet grrrlzines.net. [zurück]
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5 Kommentare

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  1. [...] Genderblog » Queer-feministisches Internet? Artikel von Rochus Wolff und Danilo Vetter über Arbeitsteilung und neue Öffentlichkeiten im Internet (tags: internet feminismus queer öffentlichkeit) [...]

  2. “Es hieße allerdings die übliche Hierarchisierung dieser Dichotomie schlicht zu reproduzieren, würden wir das (vermeintlich) Politische als generell bedeutsamer und wichtiger als das (vermeintlich) Private ansehen.”

    Ist das nicht generell ein feministisches Grundproblem?

  3. @Tobias: Nein, wieso sollte es das sein?

  4. @Rochus

    Folgt aus “The personal is political” – wenn nicht dem Politischen eine Priorisierung vor dem Persönlichen eingeräumt würde, warum dann die bewußte Reduzierung von Kategorien wie “Macht” auf gesellschaftliche oder “öffentliche” Macht? Wenn das Private im Feminismus gegenüber dem Öffentlichen nicht als weniger bedeutend angesehen würde, warum dann die absolute Verneinung privater “Machtkategorien” wie Sexualität oder Beziehungen?

    Mag sein, daß das insbesondere ideologisch gebundenere Spielarten des Feminismus betrifft, aber die Hierarchisierung ist meines Erachtens auf jeden Fall gegeben. Ganz praktisch sieht man das aus meiner Sicht ja immer dann, wenn es um die Frage der Wertigkeit von Entscheidungen von Frauen für oder gegen ein primär privates oder primär öffentliches Leben geht.

  5. [...] Genderblog » Queer-feministisches Internet? Artikel von Rochus Wolff und Danilo Vetter über Arbeitsteilung und neue Öffentlichkeiten im Internet (tags: internet feminismus queer öffentlichkeit) [...]

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