Die Gemeinplätze der modernen Hirnforschung
Die Medienberichterstattung in Sachen Hirnforschung perpetuiert Geschlechterklischees
Ob Print, Hörfunk oder Onlinemagazine – die Hirnforschung ist Dauergast in den deutschen Medien. Mit großem Enthusiasmus wird dabei auch die alte biologische Steinzeitkeule für’s Frauen-Bashing wieder ausgepackt. Dank modernster Hochtechnologie kommt diese zwar nun etwas weniger naturburschig daher – doch die glatte Oberfläche kann bei genauerem Hinsehen über Eines nicht hinwegtäuschen: Die medialisierte Hirnforschung lebt von dem „bloßen Zeigen unter der Anmutung von Evidenz“.
Hirnforschung ist en vogue. Auch wer nicht gezielt die Wissenssparten diverser Medien in Hinblick auf Neuigkeiten zu diesem Thema durchkämmt, wird darüber auf dem Laufenden gehalten, was sich in den Neurowissenschaften so tut. Alle paar Tage leuchten uns auf SPIEGELonline – oder neuerdings auch auf elektronischen Werbeflächen der Süddeutschen Zeitung – Abbildungen von mittels modernster High-Tech-Scanner erstellten „Hirnscans“ entgegen, die FAZ widmete dem Thema wie viele andere Printmedien diverse „Specials“, und Deutschlandradio Kultur interviewte kürzlich eine Woche lang HirnforscherInnen in einer Reihe mit dem Titel Wie wir denken, was wir fühlen. Ob man will oder nicht – man lernt die moderne Hirnforschung kennen, denn sie ist Dauergast in den deutschen Feuilletons. Viel Neues erfährt man erstaunlicherweise jedoch nicht. Anders als die Flut an Artikeln vermuten lässt, gibt es nicht wirklich etwas Spektakuläres zu berichten. Da die Medien ihr neues Lieblingsthema jedoch offenbar ungern aufgeben möchten, wird eben in Ermangelung neuer Nachrichten auch schon mal die Nicht-Meldung zur Meldung. So berichtet SPIEGELonline (28.07.2008) ganz einfach darüber, was die Hirnforschung bisher alles nicht herausgefunden hat. Zu den „sieben größten Rätseln der Hirnforschung“ – so der Titel des Artikels – zählt für den SPIEGEL auch die Frage, „ob die anatomischen Strukturen männlicher und weiblicher Gehirne überhaupt das Denken beeinflussen“. Klingt ein bisschen, als sei diese Möglichkeit für die Autoren Hauke Friedrichs und Sebastian Witte doch eigentlich das Naheliegende. Genau hier klafft aber die entscheidende Erklärungslücke, die man in vielen Artikeln und Beiträgen zuzukleistern bemüht ist, zum Teil mit tatkräftiger Hilfe aufmerksamkeitshungriger WissenschaftlerInnen, die gerne markige Sprüche liefern oder sich zumindest für Interviews hergeben, in denen althergebrachte Vorurteile als Fragen formuliert und allein dadurch perpetuiert werden.
Bei Deutschlandradio Kultur (04.07.2008) beginnt der Moderator Ralf Müller-Schmid das Interview mit der Hirnforscherin Karin Amunts zum Warmwerden mit ein paar nüchtern-wissenschaftlich klingenden Fragen, wie „Wie sieht das denn aus, was Sie unter dem Mikroskop sehen?“, um dann aber schließlich doch auf die Dinge zu sprechen zu kommen, die ja viel mehr Spaß machen als die mikroskopische und diskursive Betrachtung irgendwelcher Gehirnstrukturen, auch wenn es „viele kleine dreieckige pyramidenförmige Zellen“ sind, die sich da unter dem Mikroskop dem Auge der Betrachterin offenbaren. Da wechselt der Moderator lieber bald zu dem „Dauerbrenner der populärwissenschaftlichen Debatte“. Er meint damit die „Unterschiede zwischen Mann und Frau“. „Welche Unterschiede gibt es zwischen Männer- und Frauenhirnen?“ Hirnforscherin Amunts erzählt nun etwas von „baulichen Unterschieden“ und lenkt das Gespräch auf das Thema Krankheiten. Das ist nicht im Sinne des Moderators, er will nicht über Erkrankungen reden, sondern übers Einparken. Ja, er bringt tatsächlich dieses überstrapazierte Beispiel, fast schon ein Klassiker im Frauen-Bashing unter biologischen Vorzeichen: „Kann man vielleicht doch zeigen, dass es Gründe im Hirn gibt dafür, dass Männer besser einparken können als Frauen?“ Man beachte die Satzstruktur, die das Klischee des besser einparkenden Mannes implizit als Faktum transportiert. Sei’s drum, dieses Beispiel hat den Geschmack eines Kaugummis, auf dem man bereits seit vier Stunden rumkaut, nachdem man ihn von irgendeiner Schuhsohle abgezogen hatte. Die Wissenschaftlerin will denn auch nicht so recht darauf eingehen („Einparken ist nun wieder eine sehr komplizierte Fähigkeit“), was der Moderator wiederum unbefriedigend findet. Was das konkret heiße, will er wissen, und ob denn nun Männer irgendetwas besser könnten als Frauen. Da sagt ihm Frau Amunts, wie das ist, mit der Hirnforschung: „Wir sprechen hier erst über den allerersten Schritt […]. Wie sich das auf die Verhaltensebene letztendlich niederschlägt, das können wir jetzt mit dieser rein anatomischen Untersuchung nicht sagen“. Genau das ist der springende Punkt: Die heutige Hirnforschung kann anatomische Strukturen des Gehirns beschreiben. Aber sie kann keine zuverlässigen Aussagen darüber machen, was eine Person x mit der Gehirnstruktur y tun kann oder tun wird. Eines der vielen Probleme der modernen Hirnforschung, oder vielmehr ihrer medialen Vermarktung, ist, dass sie diesen grundlegenden Unterschied häufig nicht anzuerkennen gewillt ist. Wenn Frauen kleinere und leichtere Gehirne haben als Männer, dann sagt uns das nicht mehr und nicht weniger, als dass Frauen kleinere und leichtere Gehirne haben als Männer. Klein und leicht heißt klein und leicht. Es heißt nicht: unterlegen, unterentwickelt, emotional oder clever. Ein kleiner, leichter Haufen Zellmasse.
Auch die SPIEGEL-Redakteure haben Probleme, Organe und Menschen auseinanderzuhalten, wie der Einstieg in ihren Sieben-Rätsel-Artikel zeigt: „Frauen sind emotionaler, Männer aggressiver; Frauen haben mehr Sprachgefühl, Männer werfen besser: Die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen scheinen größer zu sein, als Wissenschaftler noch vor zehn Jahren angenommen haben.“ Und sogleich wird sich eine falsche oder jedenfalls rein spekulative Kausalbrücke zwischen beidem zusammengeschustert: „So sind männliche Gehirne im Mittel etwa elf Prozent größer (bezogen auf das Körpergewicht ist der Unterschied jedoch nur gering), und ihre Großhirnrinde, in der das bewusste Denken stattfindet, hat einige Milliarden Neurone mehr.“ Man erwähnt auch schon mal die soziale Umwelt, etwa die geschlechtsspezifische Behandlung von Kindern, die sich auf die Strukturierung des Gehirns möglicherweise auswirken könne. Aber die Botschaft ist dann doch irgendwie die vom biologisch aufs Einparken programmierten Mannes. Es empfiehlt sich, bei Artikeln über die Hirnforschung – insbesondere dort, wo es um Schlussfolgerungen für die soziale Welt geht – auf die Sprache, etwa die aufgegriffenen Bilder und die Satzstrukturen, zu achten. Durch sie wird vieles implizit behauptet oder nahe gelegt, was jeglicher Beweisgrundlage entbehrt. Denn tatsächlich handelt es sich praktisch immer, wenn aus der aktuellen neurowissenschaftlichen Forschung irgendwelche Schlüsse für die Erklärung sozialer Phänomene gezogen werden, um reine Spekulation. Gegen Kritik sichern sich solche Beiträge gerne durch kleine Einschübe ab, die auf die Möglichkeit eines Irrtums hinweisen sollen: „wahrscheinlich“, „möglicherweise“, Verben wie „können“ oder „scheinen“ werden inflationär gebraucht.
Die Nummer mit dem kleineren Hirn als Beweis für die Unterlegenheit der Frau ist alles andere als neu. Eine Reformulierung dieses diskriminierenden „Arguments“ in der Sprache der modernen Hirnforschung macht es nicht richtiger oder gehaltvoller. Die mittels komplizierter technischer Verfahren und spezieller Computerprogramme erzeugten bunten Bilder vom Gehirn haben in solchen Berichten – mit den Worten des Kriminalpsychiaters Hans-Ludwig Kröber gesagt – „die Funktion von Reliquien: Sie sollen den Glauben stärken wie das Leichentuch von Turin“. Die mediale Aufbereitung der Hirnforschung bedient sich durch den Abdruck solcher Bilder der „Grundfigur physiognomischen Argumentierens“, wie die Kulturwissenschaftlerin Claudia Schmölders sie definiert: dem „bloßen Zeigen unter der Anmutung von Evidenz“. Man sollte für sämtliche Berichte über die „neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung“ etwas einführen, was der Philosoph John Searle – wie er vor wenigen Jahren auf einer Fachkonferenz kundtat – sich bereits für die einschlägige Fachliteratur gewünscht hat: Entschlossen, sich mit den Erkenntnissen der modernen Neurowissenschaft in Bezug auf die Beziehung zwischen Geist und Gehirn auseinanderzusetzen, verschlang Searle die wichtigsten Texte, „only to be dismayed that these texts did not all begin with a disclaimer that we do not know much about this relation yet“.

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Ich finde es richtig und wichtig sowohl auf die Schwächen in der Berichterstattung über diese Forschung hinzuweisen als auch auf die methodologischen Probleme der Forschung an sich.
Was ich nicht verstehen kann, ist, daß es eine Art feministische Totalopposition gegenüber jeder Art von biologischer Forschung zu geben scheint, die sich mit dem Kernthema “Geschlecht” beschäftigt (und damit mit den Unterschieden zwischen Menschen unterschiedlichen Geschlechts). Für eine gesellschaftliche Bewegung und Forschungsrichtung, für die “Geschlecht” die primäre gesellschatftliche Variable ausmacht finde ich diese Haltung geradezu absurd. Ist es nicht Ziel und Wesen des Feminismus Gleichwertigkeit aller Menschen als Prinzip unabhängig von (auch neurologischen) anatomischen und funktionalen Unterschieden der Geschlechter zu definieren?
Es muss den Medien erlaubt sein, über die Hypothesenbildungen in den Biowissenschaften zu berichten, die zu begründen versuchen, warum die Unterschiede zwischen Männer – und Frauengehirnen überhaupt existieren.
Denn diese Unterschiede könnten nicht existieren, wenn Männer-und Frauengehirne nicht auf verschiedene Funktionen hin optimiert worden wären. Das liegt in der Logik des evolutionären Prozesses.
Dass viele dieser Hypothesenbildungen entlang alter Geschlechterklischees verlaufen, mag Feministinnen verärgern, ist aber zunächst noch kein Beweis für die Grundlosigkeit oder Dummheit dieser Hypothesen.
Vielleicht sind viele Geschlechterklischees ja begründeter, als wir alle dachten, es mag gefallen oder nicht.
Die zukünftige Forschung wird es zeigen.
Die aktuelle Spiegel-Reihe habe ich auch gelesen und ich war sehr enttäuscht darüber, dass der Spiegel wieder auf den alten Klischees herumreitet, nachdem vor einiger Zeit einmal im Spiegel und einmal in SpiegelSPECIAL ein Artikel erschienen war, der über verschiedene (Meta)Studien berichtete. Da hatten Forscher nämlich festgestellt, dass Männer und Frauen gar nicht so unterschiedlich sind und dass das meiste darauf hindeutet, dass es eben doch die Umwelt ist, die aus einem Menschen eine Frau oder einen Mann macht. Aber das ist wohl auf die Dauer nicht interessant genug.
“Die Medienberichterstattung in Sachen Hirnforschung” ist weit schlimmer als hier gezeichnet; denn sie “perpetuiert” viel mehr als “Geschlechterklischees”, nämlich uralte Klischees über Gehirn und Geist, die sogar unter modernen Hirnforschern noch weithin üblich sind! Ich habe schon anderenorts darauf hingewiesen: Bisher verschleiert das in den Neurowissenschaften eine Art “cerebraler Pseudopsychologie”, nach der angeblich das Gehirn denkt, fühlt, entscheidet oder seine verschiedenen Zentren untereinander sogar “kommunizieren” usw. – bloße Rhetorik, die von (sogar Wissenschafts-)Journalisten gedankenlos “nachgeschrieben” wird. Dieses Gerede ist deswegen so besonders fragwürdig, weil damit psychologisch schon lange überwundene Primitivvorstellungen aus der Anfangszeit menschlichen Sinnierens und Phantasierens über sich selbst fröhliche Urständ feiern. Durch die sprachliche “Verschiebung” des alltagssprachlichen Redens über uns selbst “auf” unser Hirn werden nämlich für uns höchst spezifische eigene Leistungen isoliert einem Organ, also einem Teil von uns zugeschrieben, und zwar ohne Rücksicht darauf, dass wir diese “Eigenleistungen” nach unendlich langen Zeiten völlig anderer Denkweise mittlerweile sogar bis in die “gewöhnliche” Alltagssprache hinein uns “selbst” (als „Personen“ oder noch bezeichnender als “Individuen”) zurechnen. – Die Folgen sind gravierend, wie Max R. Bennett und Peter M. S. Hacker in ihrem Lehrbuch “Philosophical Foundations of Neuroscience” detailliert zeigen, das leider immer noch nicht auf Deutsch übersetzt wurde. Eine davon ist die Reaktivierung einer Denkfigur, die aus vorwissenschaftlichen Zeiten bekannt ist: In neurophysiologisch “veränderter” Perspektive übt jetzt nämlich “das Gehirn” die Funktionen aus, die in der Vorstellungswelt eines René Descartes ein ominöser “Geist” bewerkstelligte – Erbe jener Geister, Dämonen oder Götter, denen sich Menschen vorzeiten ausgesetzt wähnten. Eine Verpsychologisierung des Gehirns ist tatsächlich eine “dramatische” Veränderung unseres Denkens: ein “geistiger” Rückfall weit hinter das von der modernen Psychologie Erreichte!
@ Lucy
Diese Metastudien sind eben heute auch wieder von einer Fülle neuer Forschungsergebnisse überholt worden, die es einfach unleugbar machen, daß Männer und Frauen sich deutlicher unterscheiden, als man vor 10 bis 15 Jahren auch nur ahnen konnte.
Das kann man von feministischer Seite aus gerne ignorieren.
Es wird nur nicht helfen.
Auch der katholischen Kirche half es nichts, die Einsicht zu ignorieren und zu bekämpfen, daß sich die Erde um die Sonne dreht.
Den Lauf der Planeten hat selbst der Papst nicht ändern können.
Eine feministische Wahrheit wird eines Tages vor der naturwissenschaftlichen ebenso kapitulieren.
Das ist nur eine Frage der Zeit.
@Ingo-Wolf Knittel
Die beiden, Herr Knittel, vertreten nur eine Seite in der Auseinandersetzung, die sie andeuten und die mit Geschlechtsunterschieden im Aufbau und der Funktionsweise von Gehirnen zunächst nichts zu tun hat.
Die andere, in der Hirnforschung weitaus unfangreichere Fraktion stimmt John Searle und Daniel Dennett zu.
Das nur zur Vollständigkeit.
@Roslin: so unangenehm mir das auch ist, so seh ich mich leider veranlasst, sie als erstes darum bitten zu müssen korrekt abzuschreiben. wichtiger ist mir aber zu erfahren, was sie (‘eig.’) sagen wollen. –
ich hoffe sie wollen nicht behaupten, dass neuerdings mehrheitsverhältnisse über korrektheit (etwa bei der wiedergabe von sachverhalten wie zb. von untersuchungsbefunden), richtigkeit (von behauptungen), begründetheit (etwa der interpretation und der weiteren deutungen von zb. messdaten), triftigkeit von argumenten oder wahrheit von aussagen usw. wie etwa logische konsistenz entscheiden. –
mir hat sich auch nicht erschlossen, warum sie sich veranlasst sehen, hier für ‘vollständigkeit’ zu sorgen; wollen sie jemandem, gar mir, an den sie sich ja direkt wenden, quasi ‘nachhilfe geben’? (dann würde sich die frage stellen, wie sie das angestellt haben, informationsdefizite bei mir festzustellen; ihr verfahren dazu würde ich gerne kennenlernen.) – der logik ihrer sätze nach müssten sie sich auf ‘auseinandersetzung’ beziehen; nur ist auch da zu fragen, welche sie denn meinen. da sie sich auf meinen diskussionsbeitrag beziehen, sehe ich mich gezwungen zu wiederholen, dass ich lediglich unter hirnforschern grassierende klischeevorstellungen angesprochen habe, wie sie sie auch der australische synapsenforscher max bennett kritisiert, und selbst nur das schlimmste klischee davon, also lediglich ein einziges benannt habe – weil ich mich als psychotherapeut in sachen ‘geist’ selbst einigermaßen auszukennen meine.
(nb: bennets mit hacker erarbeitetes buch hat zwei umfangreiche artikel von ihm in ‘progress in neurobiology’ zur physiologie des bewegungssystems sowie zur physiologie der wahrnehmung und erinnerung als ausgangspunkt, von denen ich nicht weiss, was zwei nicht-physiologen wie die beiden von ihnen angeführten philosophen dazu fachlich etwas beitragen können wie zu grundlagen, messverfahren, damit gewonnenen daten und ihrer deutung in der neurophysiologie überhaupt: würden sie es bitte noch nachtragen? würde mich echt interessieren, weil ich die englischsprachige diskussion als uniferner praktiker nicht auch noch verfolgen kann – die hierzulande ist schon umfangreich genug! – ich weiss von der HP von prof. hacker lediglich, dass die große auseinandersetzung der beiden mit dennett und searle in der APA/am.philos.ass. in dem buch “Neuroscience and Philosophy – Brain, Mind, and Language” publiziert wurde und hacker selbst seinen beitrag zum gemeinsamen buch mit bennett zu einer positiven gesamtdarstellung ausgeweitet hat in seinem jüngsten werk “Human Nature: The Categorial Framework”; zus. mit bennett schreibt er nach der eher negativen kritik in ihrem ersten buch an einer konstruktiven fortführung “A History of Cognitive Neuroscience – a conceptual investigation”, in der sie die positive anwendung ihrer ergebnisse in ihrem ersten buch demonstrieren wollen.)
hierzulande ist m.W. bisher noch von keinem hirnforscher/HF auch nur ähnliches geleistet oder gar versucht worden; im ansatz vielleicht von andreas k. engel vor gut einem jahrzehnt. singer scheint noch nicht einmal die notwendigkeit von begriffsreflexionen zu sehen, was mich nicht wundert, weil er schon in der umgangssprache nicht immer sicher ist. (ein junger mitarbeiter von ihm hat sich aufgrund von studienkenntnissen befähigt gefühlt, bennett & hackers umfassendes werk als ‘lehnstuhlkritik’ abtun zu können… ) roth hat ein jahr nach dem erscheinen von B&H umfassender grundlagenkritik der hirnforschung in einer philosophischen fachzeitschrift seine literaturkenntnisse mit der behauptung dokumentiert, ‘die hirnforschung’(!) habe noch gar ‘keine grundlegende methoden- und begriffskritik durchgeführt.’
da war im selben jahr die zeitschrift ‘gehirn & geist’ aktueller, die auf meine anregung hin ein interview mit peter hacker geführt und publiziert hat: leider wurde selbst dort aber der faden kritischer selbstbesinnung nicht weitergeführt… wer von deutschen journalisten dieses interview auch nur gelesen und seine bedeutung erfasst hat, ist mir in den jahren seitdem nicht bekannt geworden. in der frankfurter rundschau konnte ich damals wenigstens eine rezension des buches von B&H unterbringen (s. auf http://www.bbpp.de/kittel-neuro.htm die mittlere publ.). –
von einem echo darauf habe ich allerdings nie erfahren, ebensowenig übrigens wie auf eine ähnliche rezension in einer weitverbreiteten nervenärztlichen fachzeitschrift. das zu meinen kenntnissen von ‘genauigkeit’ selbst unter empirisch forschenden wissenschaftlern; was dort psychologisch alles behauptet wird, will ich erst gar nicht ansprechen…
@roslin: Ich bitte um konkrete Nachweise.
Darüber hinaus muss aber bedacht werden, dass Studien, die Unterschiede zwischen “Frauen- und Männerhirnen” untersuchen oder festzustellen meinen, nie werden feststellen können, ob diese Unterschiede angeboren sind oder durch die Sozialisation entstanden sind. Gerade in der Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns liegt die erfolfreiche evolutionäre Strategie des Menschen. Was wir des Weiteren für so selbstverständlich halten, nämlich, dass es zwei Geschlechter gibt, ist ein menschliches, kulturelles Konstrukt, das vor einigen Jahrhunderten noch ganz anders aussah. Dass das heutige Modell aufgrund unserer modernen Erkenntnisse “wahrer” ist, möchte ich ebenfalls bezweifeln.
Ferner möchte ich Ihre Implikation, dass FeministInnen nicht an naturwissenschaftliche Erkenntnisse glauben, wenn sie uns nicht in den Kram passen, doch deutlich zurückweisen.
Lucy,
“Ferner möchte ich Ihre Implikation, dass FeministInnen nicht an naturwissenschaftliche Erkenntnisse glauben, wenn sie uns nicht in den Kram passen, doch deutlich zurückweisen.”
- konstrastiert mit -
“Was wir des Weiteren für so selbstverständlich halten, nämlich, dass es zwei Geschlechter gibt, ist ein menschliches, kulturelles Konstrukt, das vor einigen Jahrhunderten noch ganz anders aussah.”
Menschliche Fortpflanzung funktioniert mit zwei Geschlechtern. Das ist eine objektive Tatsache. Die Unterscheidung von kulturellen und biologischem Geschlecht erscheint mir gerade in diesem Zusammenhang überaus bedeutsam, damit es nicht zu (vermeintlichen) Mißverständnissen kommt, wie sie im ersten Zitat zum Ausdruck kommen. Denn die ständige Betonung von “sozialer Konstruktion” (die sich meines Erachtens vor allem aus der normativen Geschichte der gedanklichen Richtung ergibt und für “geprägte” Individuen mindestens ebenso real ist wie genetische Disposition) legt gemeinsam mit einer nicht selten anzutreffenden Geringschätzung anderer als normativ-soziologischer Theorien und Erkenntnisse (“Biologismus”) nahe, daß eine gewisse Abneigung gegenüber Erkenntnissen besteht, die “nicht in den Kram passen”. Es mag sein, daß dieser Eindruck zumeist durch das fehlende Niveau entsprechender Diskussionen entsteht (das gilt für “beide” oder alle beteiligten Seiten). Aber generell halte ich es für eine große Schwäche des Feminismus – und damit auch der gender-Forschung, sich der Frage nach dem Verhältnis von soziologisch und nicht-soziologisch entstandenen Verhaltensdispositionen so weitgehend zu entziehen, wie das (aus meiner Sicht) der Fall ist.
@ Ingo Wolf Kittel
Herr Kittel, ich entschuldige mich in aller Form für die mir unterlaufene Verballhornung ihres Namens, die auf einem Lesefehler und nicht auf Absicht beruhte.
Mir fehlt leider die Zeit (Urlaubsvorbereitung, macht auch Arbeit!), ausführlicher auf Ihr umfangreiches Posting einzugehen, zumal sie das Buch, in dem die Kontroverse Bennett/Hacker versus Searle/Dennett dargestellt ist – Neuroscience and Philosophy – bereits selbst erwähnten.
Bei der Diskussion konkreter Fragen könnten wir wahrscheinlich feststellen, daß ich sogar in vielem eher Ihnen zustimmen würde, weil ich auch der Meinung bin, daß die philosophischen Grundlagen experimenteller Hirnforschung und der daraus abgeleiteten Aussagen von den Forschern nicht ausreichend bedacht werden, weil es sie in ihrer alltäglichen Arbeit schlicht nicht interessiert.
Über den Wert von Mehrheitsentscheidungen in der Wissenschaft brauchen Sie nicht mit mir zu streiten.
Ich kann mich nur nicht dazu entschließen, den kartesianischen Materialismus, den Sie als veraltet erklären, so radikal zu verwerfen, wie Sie es glauben tun zu können.
Mehr Skepsis und Vorsicht auf Seiten der “Materialistenfraktion” beim Formulieren ihrer Aussagen und Schlußfolgerungen wünschte ich mir auf alle Fälle.