Wo verlaufen die Grenzen zwischen Ehrung und Personenkult?
Die ursprüngliche Idee
für diesen Artikel entstand Ende Juni ganz unerwartet: Ich nahm gerade an der Tagung Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit in Berlin teil. Veranstaltet wurde diese von der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu Ehren des 100. Geburtstages von Simone de Beauvoir. Zu diesem Anlass versammelten sich einige in bestimmten Kreisen gut bekannte Personen auf dem Podium und im Publikum. Leben und Werk von Beauvoir waren Thema fast aller Vorträge und Diskussionen.
Der Anlass
die dort aufgetauchten Ideen zu schreiben und zur Diskussion zu stellen, war der 90. Geburtstag Nelson Mandelas am 18.7.2008. Auf Radio MultiKulti (das es zum Glück noch gibt!!!) standen mehrere Stunden Sendeprogramm ganz im seinem Zeichen. Zudem wurde zeitgleich auf wenigstens einem Nachrichten-Fernsehsender eine Dokumentation zum selben Thema ausgestrahlt.
Ganz zweifellos
waren Beauvoirs politische Schriften von immensem Einfluss für die Frauenbewegung weit über die Grenzen ihres Landes und ihrer Zeit hinaus. Ihre Romane sind zwar etwas weniger bekannt, nicht aber vergessen. Und ebenso fraglos symbolisierte Mandela nicht nur für Menschen in Südafrika die Hoffnung auf und den Beginn einer demokratischen Entwicklung und das Ende von Apartheid und Rassismus im Land. Schließlich wurde er nach 27 Jahren Haft unter der Apartheid der erste Schwarze Präsident der Republik Südafrika.
Unbehaglich
wurde mir nicht erst in den vergangenen drei Wochen. Aber nach mehr als 15 Jahren Pause ist es in Form einer Frage bei der Beauvoir-Tagung wieder aufgetaucht. Und der der Verehrung Mandelas gewidmete Tag (vergangenen Freitag) belebte diese Frage wieder: Wann und wie wird aus (Ver-)Ehrung Personenkult? Auf der Beauvoir-Tagung fand ich es eigentlich am interessantesten, zu versuchen nachzuvollziehen wie ein Leben auch als politisches Projekt inszeniert und konsequenter Weise auch die entsprechenden Komplikationen in Kauf genommen werden (müssen). Man denke da an die Diskussionen um die private und die berufliche Beziehung zwischen Beauvoir und Sartre. Oder an die Diskussionen um die Beziehung zwischen Winnie und Nelson Mandela und deren Trennung nach seiner Entlassung. Eben diese Aspekte in den Diskussionen und Dokumentationen weckten in mir die Assoziation mit Personenkult: Ich hatte den Eindruck einer (strukturellen?) Inkonsequenz weil Vermischung von Verehrung/Idealisierung und subtiler Intoleranz gegenüber den menschlichen Schwächen der verehrten Subjekte, die mein Unbehagen zum wiederholten Mal auslösten.
Schon vor Jahren
hatte ich eine für mich durch und durch beängstigende Begegnung mit diesen Fragen: Kurz nach der Wende nahm ich im Berliner Lustgarten mal wieder an einer Demonstration, ich glaube anlässlich des 1. September, teil. Auf jeden Fall war kurz zuvor das bevorstehende Ende der DDR definitiv verkündet, der Einigungsvertrag gerade unterschrieben worden. Auf dem Podium vor dem Alten Museum stand neben anderen Politikerinnen und Politikern auch Gregor Gysi. Als ich sah, wie erst nur einige wenige, dann immer mehr Menschen verschiedener Altersgruppen ihre kleinen blauen Büchlein (das ich selbst gerade erst vor vielleicht 2 Jahren erhalten hatte!) hoch reichten, um ein Autogramm von Gysi in ihren bald ungültigen DDR-Personalausweis zu bekommen – lief mir eine Gänsehaut den Rücken herunter: Ich war schockiert und wütend – ich war überzeugt, das erste Mal Zeugin von Personenkult in Aktion zu erleben. Aber nach einem Leserbrief an eine Tageszeitung hatte sich dann auch vorläufig meine Auseinandersetzung mit diesem Thema erledigt… bis jetzt.
Und nun
häufen sich die Fragen, die ich gern diskutieren würde.
Als erstes natürlich die grundlegende Frage: Wie können (Ver-)Ehrung und Personenkult voneinander unterschieden werden? Dann aber auch die praktische und gleichzeitig (wissenschafts-)politische Frage: Wie können Leben, Werk und Sein gewürdigt werden, ohne in den Ruch von Personenkult zu geraten? Kann feministisches kritisches Denken dazu etwas beitragen?

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