Cool > erfolgreich > sexy >feministisch?<
Ein Résumé der Podiumsdiskussion an der Freien Universität Berlin
Im Otto-Suhr-Institut (OSI) der Freien Universität Berlin war der Saal A am 15. Juli kurz nach 18 Uhr gut gefüllt. Die beiden Moderatorinnen eröffneten die von einem Seminar („Feminismus Revisited“) an der FU initiierte Podiumsdiskussion zum Thema cool > erfolgreich > sexy >feministisch?< , welche sich insbesondere mit der aktuellen Debatte „’alter’ Feminismus vs. ‘neuer’ Feminismus“ auseinandersetzte und konkret die Fragen stellte, ob wir einen neuen Feminismus brauchen und was überhaupt so ‚neu’ an diesem Feminismus sei. Die vier geladenen Diskutantinnen, Anita Eckhardt (Freie Mitarbeiterin im Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe), Ina Kerner (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der TU Berlin), Chris Köver (Redaktionsmitglied beim Missy Magazine) und Vera Tudor (angehende Magistra Artium der Gender Studies, HU Berlin) erklärten einstimmig, dass ein ‚neuer’ Feminismus kaum von Nöten sei, denn die Themen des ‚alten’ Feminismus seien auch heute noch aktuell.
Ina Kerner verwies auf die dringende Aktualität des Feminismus, der aber immer die unterschiedlichen Situationen von Frauen berücksichtigen sollte. Sie kritisierte den so genannten „Spartenfeminismus“ der „Alphamädchen“ oder der Frauen der „F-Klasse“, die ein Zerrbild des Feminismus entwarfen, dass sich auf „lila Latzhosen und Alice Schwarzer“ reduziere.
Vera Tudor kritisierte insbesondere den Vorwurf der „Un-Sexyness“ des alten Feminismus und beurteilt diesen als eine heteronormativ geprägte Sichtweise – die Feministinnen selber fanden sich bestimmt (gegenseitig) sexy! Sie verurteilt den neuen Feminismus als „rassistisch und heteronormativ“, der keine kritische Verortung beinhalte, andere Kategorien wie z.B. Klasse und Ethnie nicht mit einbeziehe und den staatlichen Rassismus nicht bekämpft. So konstatiert sie, dass man keinen neuen Feminismus brauche und es sowieso nicht den ‚einen’ Feminismus gäbe.
Auch Chris Köver stellt fest, dass der ‚alte’ Feminismus keineswegs obsolet sei und die damaligen Themen noch immer ihre Aktualität besitzen. Trotzdem findet sie, dass jede Generation den Feminismus für sich aktualisieren sollte, aber immer im Hinblick auf die Tatsache, dass es mehrere Feminismen gibt und nicht den ‚einen’ allgemeingültigen. Köver vermutet, dass der Kampf ‚alt’ gegen ‚neu’ von den Medien lanciert wurde („es knallt wohl besser, wenn man schreibt: ‚alter’ Feminismus gegen ‚neuen’ Feminismus“). Den einzigen Unterschied, den sie für den heutigen Feminismus im Gegensatz zum Feminismus der (wie sie ihn einordnet) 60er bis 90er Jahre sieht, ist die stärker Fokussierung auf Popkultur, wie z.B. auch vom Missy Magazine. Damit wird das Feld der Politik erweitert: Es sei auch ein politischer Akt, eine Band oder ein Magazin zu gründen, wenn z.B. eine feministische Botschaft dahinterstünde.
Anita Eckhardt’s Antwort auf die Frage, ob wir einen neuen Feminismus brauchen, war ein eindeutiges Nein, denn ihrer Meinung nach sind die Themen die gleichen geblieben und auch der Kampf gegen die etablierten Strukturen noch nicht erfolgreich zu Ende geführt. Der Feminismus heute sollte – genau wie jener ‚alte’ Feminismus – kämpferisch geführt werden. Es gehe nicht um individuelle Erfolgsgeschichten, sondern um die gleichberechtigte Teilhabe an der Gestaltung der Gesellschaft. Sie kritisiert ebenfalls die konstatierte „Un-Sexyness“ der 70er Jahre FeministInnen als etwas von außen oktroyiertes und plädiert dafür, sich nicht dem Zwang zum „sexy-sein“ zu beugen.
Auf die zweite Frage, welcher Feminismus denn der am meisten geeignete sei, Herrschaftsverhältnisse zu verändern, antworteten Anita Eckhardt, Vera Tudor und Ina Kerner einstimmig, dass es ein Feminismus sein sollte, der diese Herrschaftsverhältnisse entlarvt. Anita Eckhardt betont, dass dies nur ein politisch linker Feminismus leisten kann, der die Verhältnisse gesellschafts- und kapitalismuskritisch analysiert. Sie betont, dass sich der so genannte ‘neue’ Feminismus in das kapitalistische System einordnet und so für viele attraktiver wirkt – Feminismus muss aber nicht attraktiv und sexy wirken, sonst würde sich dieser ja dem System anbiedern.
Insgesamt ist zu konstatieren, dass ein Grundkonsens zum Thema ‘neuer’ Feminismus herrschte, nämlich dass dieser keine fundierte Gesellschaftskritik beinhalte und ein ‘privilegierter, weißer, heterosexueller, AkademikerInnen-Feminismus sei’. Schade, dass wir keine Stimmen der ‘neuen’ FeministInnen hören konnten, so verlief die Diskussion mäßig kontrovers und relativ vorbestimmt. Eine Antwort der ‘neuen’ FeministInnen würde mich sehr interessieren. Die Kritik am ‘neuen’ Feminismus war sehr stark, konnte aber leider von den Kritisierten nicht kommentiert werden. Feminismus revisited – ein Wiedersehen mit den Alphamädchen wäre wünschenswert!
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Meine Eindrücke der Podiumsdiskussion:
Die Statements wurden allesamt in wissenschaftlicher Sprache vorgetragen, wirkten trocken, ließen Herzblut vermissen, wenngleich es spürbar war. Dazu die gegenseitige Bestätigung, nicht allzuweit in der Einstellung voneinander entfernt zu sein [wenngleich ich grobe Unterschiede ausgemacht habe, v.a. in der, ich schreibe mal Gattung, die jede Beteiligte irgendwo repräsentierte (queer, pop, frauennot..)] lockten nicht eben zu kontroverser Diskussion. Vielleicht war da auch eine Scheu, in dieselbe Bresche wie die Medien zu springen, und gegenseitige Übereinstimmung bei Interessensgleichheit durch heftige Debatte aus den Augen zu verlieren. Trotzdem: die Aufmerksamkeit im Publikum war konzentriert und nach Beendigung war die innere Beteiligung bei vielen TeilnehmerInnen erkenntlich, die sich gleich mit ihren Gegenübern in mannigfaltige Diskussion stürzten. Das Thema ist eigentlich sehr emotional und persönlich, drum war es schade, dass nie, trotz Versuche aus dem Publikum, Konkretisierung zu fordern, wirkliche Beispiele erörtert wurden, es blieb bei Schlagworten, z.B. Anschlussfähigkeit des Feminismus, Intersektionalität, 3rd wave feminism… Ich denke, wäre die Diskussion in die Details gegangen, wäre es weitaus turbulenter zugegangen. Klar war, viele Fragen blieben und bleiben unbeantwortet, z.B. die, ob der ´Neue Feminismus´ konform mit dem kapitalistischen Normalzustand läuft. Insgesamt ließ sich Radikalität vermissen, eindringliche Forderungen. Lag es daran, dass frau fast sozusagen unter sich blieb? Oder den Konflikt scheute?
In obigem Artikel fehlen mir die meiner Meinung nach wichtigsten Aussagen, wie von Vera Tudor, der im ´N.F.´ Haltung und Aktion zu Anti- Rassismus und Asylpolitik fehlen. Oder Anita Eckhardt, die eine Studie zitierte, dass 40% aller Frauen Gewalterfahrung haben, Ungerechtigkeiten konstruiert und die Probleme nach wie vor struktureller Natur sind. Hängen geblieben ist mir außerdem ihre Forderung, die Arbeit an Gewalt gegen Frauen (permanent unterfinanziert) sollte zukünftig aus dem Innenministerium gezahlt werden, dann würde es als Angriff auf die innere Sicherheit erkannt. Oder Ina Kerner, die übergreifende Solidarität einforderte und eine immerwährende Neuanpassung des Feminismus an die gegenwärtigen Zustände; Feminismus soll aktuell, persönlich und in kritischer Reflektion vergangener Entwicklungen stehen. Chris Köver, die sich meiner Meinung nach des öfteren widersprach, befragte am Ende zum Imageproblems des Feminismus, was das Publikum von der Bewerbung des Missy Magazins mit ´cool´ (doch nicht mit ´sexy´) hielte. Ich assoziiere mit cool sofort, keine Schwächen zu zeigen und frage mich deshalb, ob das Magazin auch anstrengend werden darf, anstrengend bezüglich noch immer tabuisierter Themen wie Gewalt, Unterdrückung.. Für mich ist Feminismus nicht nur, polemisch gesagt, Spass haben auf der Pop- Spielwiese, auf der frau sich nur holen muss, was sie will, was nicht den realen Begebenheiten entspricht, auch nicht der innerhalb einer privilegierten, weißen, heterosexuellen, Akademikerinnen- Schicht.
Insgesamt wünsche ich mir viel häufiger derlei Diskussion, am besten überall, und heterogeneres Publikum, vielleicht ohne die wissenschaftliche p.c. Vorsicht bloß nichts falsch zu machen, so traut mensch sich weniger, frei zu sprechen. Und dann am besten gleich in inhaltliche Thematiken einsteigen, mit denen frau zuhause arbeiten kann, weil es mit ihr ganz persönlich zu tun hat.
Also ich finde es sehr angenehm, daß die “neuen Feministinnen” scheinbar nicht den Anspruch haben, ihre Inhalte in gehaltfreiem und prätentiösen Soziologenslang zu verstecken. Das macht sie zwangsläufig irgendwie sexy.
“Insgesamt ist zu konstatieren, dass ein Grundkonsens zum Thema ‘neuer’ Feminismus herrschte, nämlich dass dieser keine fundierte Gesellschaftskritik beinhalte und ein ‘privilegierter, weißer, heterosexueller, AkademikerInnen-Feminismus sei’.”
Böse Alphamädchen. Die haben wohl die Axiome und politische Praxis einfach noch nicht kapiert. Nicht daß sie em Ende den Feminismus noch aus der gemütlichen Oppressionsecke rausholen und einen echten gesellschaftlichen Diskurs über tatsächliche Fragestellungen ermöglichen…
[...] 16. Juli: Im Genderblog schreibt Magda Albrecht über die Veranstaltung und die Diskussionen, die es da [...]
@ Mischa Schlicht
>Oder Anita Eckhardt, die eine Studie zitierte, dass 40% aller Frauen Gewalterfahrung haben,…<
Um eine solche Zahl bewerten zu können, müsste man natürlich auch hinzufügen, welche Erfahrungen da alles unter dem Begriff Gewalt subsummiert wurden.
Genau so interessant wäre natürlich, wieviele Männer nach den gleichen Kriterien von Gewalterfahrungen berichten könnten.
Aber Männer werden ja in solchen Studien nicht gefragt.
Fürchtet man die Antworten?