Zeitschriftenschau: Spiegel 26/2008
Auch nach der Lektüre der aktuellen Spiegel-Titelgeschichte zu “Fünfzig Jahre Emanzipation – Was vom Mann noch übrig ist” halte ich das, man muß sich ja selber loben, immer noch für ziemlich treffend formuliert. Wenngleich, das muß festgehalten werden, der Titel (Cover) ziemlicher Etikettenschwindel ist.
Denn zum einen ist der Anlaß nicht etwa “Fünfzig Jahre Emanzipation” – da wäre der gesellschaftlichen Bewegungen notorisch nur weit hinterher hechelnde Spiegel auch einige Jahrzehnte zu spät dran -, sondern das Jubiläum des Gleichberechtigungsgesetzes, das am 1. Juli 1958 in Kraft trat.
Zum anderen aber ist der Titel ein schönes Beispiel für den derzeit in Geschlechterfragen gerne praktizierten Suggestivjournalismus, wie ich das nennen möchte: Man macht mit sensationsheischenden, vermeintlich dramatischen Thesen auf und kocht das Ganze dann inhaltlich auf äußerst kleiner Flamme. Statt “Was vom Mann noch übrig ist” zu erkunden oder, wie es über der Geschichte im Heft steht, “Halbe Männer, ganze Frauen” gegeneinander auszuspielen, bietet stattdessen das Heft eine für Spiegel-Verhältnisse durchaus ausgewogene Mischung zwischen historischem Rückblick und gesellschaftlichem Ausblick – alles im Zeichen der zunehmenden Partizipation von Frauen am öffentlichen Leben, die das Gleichberechtigungsgesetz so erstmals ermöglichte, und der zunehmenden Teilhabe von Männern auch an der Reproduktionsarbeit.
Der Text, zu dem immerhin zehn AutorInnen beitrugen, plätschert so dahin, von einem menschlichen Beispiel zum nächsten mäandernd, wie sich das für eine Spiegel-Story so gehört, und liefert tatsächlich ganz anschauliche Beispiele dafür, was einmal schlechter war und wie’s einmal besser sein könnte. Nur am Rande berührt er die auf dem Titelblatt bang hingeworfene Befürchtung, sondern relativiert diese eher en passant, indem er zeigt, wie Männer auch andere Lebenswege einschlagen können und wollen als den des Alleinverdieners mit Heimchen am Herd.
Das alles ist nichts wirklich Neues. Wenn aber dann einmal eine Bemerkung in eine interessante Richtung weisen könnte, dann wird da nix draus. Da steht etwa:
Eher selten kommt [...] zur Sprache, dass Vollzeittätigkeit und Karriere nicht das Lebenziel aller Menschen sind – und das die fehlende “Ernährererwartung” es Frauen leichter macht, sich nicht ins berufliche Rattenrennen einspannen zu lassen, wenn sie das nicht wollen.
Ein schöner Ansatz wäre das ja, um einmal über eine Zukunft der Arbeit nachzudenken, in der die Arbeit nicht das Primat innehat – sei es für Männer oder Frauen -, in der die Interessen der Wirtschaft nicht wichtiger sind als die der Menschen. Aber schnell geht’s da schon weiter zur nächsten Musterfamilie.
Wirklich überraschen aber muß, bei dieser Zahl an BeiträgerInnen für einen doch eher kurzen Text, wie überrascht sich der Spiegel von den Entwicklungen der Geschlechterverhältnisse zeigt. Lange
, steht da etwa,
herrschte der Glaube vor, Gleichberechtigung sei im Grunde Frauensache [...]. Erst jetzt [...] wird so recht klar, dass es nicht so einfach geht. Zur Gleichheit [...] gehören zwei Parteien, die sich in Rechten und Pflichten zueinander “gleich” verhalten. Die Gleichberechtigung verändert darum die Balance zwischen Frauen und Männern, das gesamte Geschlechtergefüge [...].
Daß diese Phänomene keineswegs “erst jetzt” klar, bekannt und offenbar werden, sollte eigentlich jeder und jedem klar sein, der oder die in den letzten, sagen wir zum Beispiel: zwanzig Jahren sich auch nur minimal in feministischen Kreisen oder Texten bewegt hat. Dazu braucht es eigentlich nicht viel (und es irritiert umso mehr, daß unter einem dem Spiegel-Artikel etwa die Namen von Reinhard Mohr und Susanne Weingarten stehen, die es wirklich besser wissen sollten).
Und genausowenig gilt, daß die sich emanzipierenden Frauen nicht darüber nachdachten, ob die Positionen und Jobs der Männer denn nun überhaupt so erstrebenswert seien – schließlich gab es genug feministische Männer, die froh waren, auf einen Gutteil darauf verzichten zu können. Aber davon weiß dieser Text nichts:
[Es] kam lange nicht die Frage auf, ob das, was die Männer hatten, eigentlich in jeder Hinsicht erstrebenswert war. Oder jedenfalls nicht die Frage danach, welchen Preis Männer dafür zahlten [...].
Wie im Übrigen der Feminismus hier erstaunlich wenig vorkommt – eigentlich in seiner zweiten Welle nur kurz in Form von Alice Schwarzer, die den neuen Realitäten mit ihrem ideologisch verstellten Blick auf die Welt heute vielfach nicht mehr gerecht
werde. Weil, wir sind ja alle so gleich, und gleich zu werden war gar nicht so schwer.
Patriarchat und Feminismus kommen in diesem Text allenfalls als veraltete Konzepte ideologisch im Abseits Verharrender noch vor – da macht man es sich doch ein bißchen einfach.
Links dazu:
- Bei der Mädchenmannschaft driftet die Diskussion ganz schon in der Gegend herum.
- Spiegel Online ergänzt das Printangebot: Was hat die Emanzipation aus dem vermeintlich starken Geschlecht gemacht? Vier Männer geben Auskunft.

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