Anzeige

Anzeige

Genderblog

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Erving Goffman)

 

Wenn Carrie Bradshaw über Feminismus schreibt …

 Rochus Wolff   28. Mai 2008
 Feminismus, Film

Wenn mir nicht irgendjemand richtig kluge Argumente dafür liefert (oder noch besser: gleich einen richtig klugen, selbstgeschriebenen Artikel oder wenigstens Kommentar dazu), werde ich hier wohl nichts weiter über Sex and the City zu sagen haben. (Da kann Rebecca Cassati so viel gekonnte Ehrenrettung versuchen, wie sie mag.)

Andererseits ist es aber auch richtig erfreulich, der stets wortgewaltig-zynischen Sibylle Berg dabei zuzusehen, wie sie Sex and the City mit dem Feminismus, vor allem aber mit der Lebensrealität von Frauen konfrontiert.

Wenn Feminismus in irgendeiner Art Freiheit bedeutet, so haben die vier Damen aus New York City nichts davon, vielmehr bestätigen sie alte biologische Manifeste, die da heissen: Frau muss gut aussehen, sich aufbrezeln, tunlichst untergewichtig sein bzw. grosse Möpse haben, und dann wartet sie mehr oder weniger ausschliesslich auf einen Traumann, der ihr natürlich überlegen ist. «Sex and the City» ist die Fortsetzung des Groschenromans mit anderen Mitteln.

Die Frauen dürfen ab und an über männliche Genitalien reden und Sex vor der Ehe haben. O. k. Das ist ja schon mal was. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe durchaus eine Vorliebe für seichte Unterhaltung, ich lese Klatschhefte und schaue «Schwiegertochter gesucht». Denn die Kenntnis des Trivialen heisst die Menschheit und sich selber verstehen, denn so tief, wahrhaft und intelligent, wie wir gerne wären, sind wir ja alle nicht. Nur: Es wäre wirklich sehr albern, wenn man, wie es manche Medienberichte tun, «Sex and the City» als Meilenstein des Feminismus werten würde.

Da wird so einiges geradegerückt, und wer glaubt, Frau Berg verstehe schlichtweg keinen Spaß, der kennt sie schlecht. Aber etwas mehr Glück und Willenskraft und Mut hätte sie sich schon gewünscht.

(Danke, M.!)

 
Teilen 
 
-->

8 Kommentare

(RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel)

  1. Ich hab hier einen interessanten und durchaus kritischen Artikel gefunden, in dem die Frage gestellt wird:
    Can a feminist really love Sex and the City?

    Hier ein kleiner Ausschnitt:
    “The characters are, to a woman, white, rich, straight and apparently unencumbered by any strong emotional or practical ties to anyone or anything beyond their friendship group and, of course, the men they engage with. On one level, this is simply a piece of scene setting – it is a show about wealthy New Yorkers, not about all women everywhere. Kim Akass (Senior Lecturer in Film Studies at London Metropolitan University) points out that because there are so few television programmes purely about women, ‘Sex and the City bears the burden of representation. No one expects The Sopranos to encompass the experience of all middle-aged Italian-American men.’”

    Die Essenz des Textes ist, dass man durchaus FeministIn UND Sex and the City Fan sein kann, denn seien wir mal ehrlich: es gibt nun mal Frauen, die gut aussehen, sich aufbrezeln, tunlichst untergewichtig sind, große Möpse haben und auf einen Traumann warten. Sex and the City zeigt vielleicht keinen Querschnitt durch die Gesellschaft, muss es aber auch nicht. Für mich widerspricht sich Feminismus nicht mit Heterosexualität, Schönheit und einem vollen Schuhschrank.

  2. Wohl selten hat mir jemand so aus der Seele gesprochen wie Sibylle Berg mit diesem Artikel.
    Ich meine, natürlich kann mann auch als Feminist/in Sex in the City gucken und mögen (m.E.) – aber die Darstellung dieser Frauen als emanzipierte Role Modells nervt mich. Unter emanzipiert verstehe ich nämlich irgendwie was anderes als ständiges Gerede über Schuhe und Männer…

  3. “Für mich widerspricht sich Feminismus nicht mit Heterosexualität, Schönheit und einem vollen Schuhschrank.”

    Für mich tut es das definitiv.
    Literaturtipp: “Der Mythos Schönheit” von Naomi Wolf. Auch wenn inzwischen die Männer von der Schönheitsindustrie als Kunden entdeckt worden sind, sind es zum größten Teil immer noch die Frauen, deren Körper unter dem Diktat der Mode gepeelt, geformt, gestrafft, remodelliert und verletzt werden.
    Und mit der Schuhindustrie habe ich sowieso eine persönliche Fehde, weil ich nicht einsehe, dass ich als Frau in zierlichen Schühchen, am besten noch mit Absatz, herumspazieren soll. Ich habe zwei Füße und zwei Beine, auf denen ich den ganzen Tag stehen und laufen muss und die am Abend nicht wehtun wollen. Mein Schuhschrank ist daher chronisch unterfüttert, weil Frauen ja lieber gesundheitsschädliche Schuhe kaufen.

  4. auf die gefahr hin, dass dieser kommentar sehr wirr wird, muss ich jetzt was zu dem thema sagen.

    also. ich finde die Sendung toll und halte sie durchaus für mainstream-feministisch.
    dass viel davon auch aus zuckrigen hochglanz-fantasien besteht, stimmt zweifellos, dennoch hat die serie einige (für viele menschen leider gottes neue) konzepte in die mainstream-film und -fernsehlandschaft eingeführt.
    wie z.B. dass manche frauen kein bedürfnis nach kindern haben und sie dadurch weder minderwertig noch unnormal sind.

    -nächster wirrer punkt: geht es beim feminismus nicht darum, die wahl zu haben? und wenn manche frauen ihr geld in überteuerte schuhe und klamotten stecken – so be it.

    Man muss das verhalten der charaktere weder komplett gut heißen noch teilen, um die Serie zu schätzen. Ist das Leben der vier Frauen unrealistisch und unglaublich dekadent? Klar. War (vor allem das Finale) überaus sentimental? Aber sicher – wie fast alle guten Serien.

    Aber die Serie war so witzig, böse, fröhlich überkandidelt und hat sich (zumindest in den ersten Staffeln) so unernst genommen, dass sie alle Preise die sie bekommen hat, auch herzlich verdient hat.

    Dass die Show herkömmliche Schönheitsideale unbesehen übernommen und fröhlich und unbedarft weiter verbreitet hat, stimmt, und stört mich auch. Das sollte jedoch nicht den Witz und die Intelligenz der hervorragenden Drehbücher zunichte machen.
    Wenn Sibylle Berg SATC mit der Lindenstraße vergleicht, hat sie ganz offensichtlich eine der beiden Sendungen noch nie gesehen.

    Und noch eins: seit wann wird die Qualität von Filmen oder Serien ausschließlich an ihrer Realitätsnähe gemessen?

  5. Habt ihr den hier schon gelesen?

    http://www.zeit.de/2008/22/S_C-The-Movie?from=rss

    So der letzte Absatz, hui. Eine weitergefasste Kritik.

  6. Noch ein paar Links: Ulrike Frisch beschwert sich im Merkur:

    Genau genommen war SATC niemals so provokativ und schon gar nicht so feministisch, wie es einem zahllose Berichte glauben machen wollten. Geschlechtsverkehr nach persönlichen Vorlieben als neue Freiheit der Frau zu erachten oder den mit der eigenen Kreditkarte getätigten Erwerb eines Paars Manolo Blahniks als Quantensprung der Emanzipation zu feiern – das ist, was Männer unter Feminismus verstehen. Und hat herzlich wenig mit dem zu tun, wozu Frauen tatsächlich in der Lage sind.

    Candace Bushnell jedoch sieht sich als Vorreiterin eines neuen Feminismus, wie eine dpa-Meldung mitteilt.

    Naomi Wolf sekundiert in der Schweizer Weltwoche ausführlich und nennt SATC das erste globale Frauenepos. Bushnells Antwort auf die Frage, was Feminismus sei, lautet Wolf zufolge:

    Feminismus heisst, Verantwortung für sich übernehmen, sich nicht auf Männer verlassen. Man kann Feministin sein und trotzdem Sehnsucht nach Liebe haben. Das ist doch ganz menschlich und überhaupt kein Widerspruch.

  7. Liebe Lucy,

    gerade Naomi Wolf spricht sich – besonders in ihrem Buch “Die Stärke der Frauen” – für einen Feminismus aus, der Geld, Schönheit und sexuelle Vorlieben gerade nicht reglementiert, sondern als eine höchst individuelle Entscheidung deklariert. Sie nennt das “Power Feminismus”. Ein Punkt davon ist: “[Power Feminismus] toleriert die verschiedenen Vorliebern von Frauen in Sachen Sexualität und Auftreten; was eine Frau mit ihrem Körper oder in ihrem Bett anstellt, ist ganz allein ihre Sache.”

    Natürlich stimme ich dir zu, dass es eine Schönheitsindustrie gibt, die ein besonderes Schönheitsideal preist, welches ich gut und gerne kritisiere. Naomi Wolf würde wahrscheinlich sagen: Du hast die Wahl – Werde Sklavin einer Schönheitsindustrie oder baue dir eigene Maßstäbe. Natürlich ist das kritikwürdig, denn es gibt soetwas wie einen “sozialen Druck zum Schönsein”. Aber ich werde mich doch nicht hinstellen und sagen: “Frauen, tragt keine hochhackigen Schuhe mehr, die trägt nur die Feindin!” Es ist nun mal immer noch meine persönlich Entscheidung und sollte weder von der Schönheitsindustrie diktiert werden, noch von dem anderen Extrem, der totalen Verweigerung dieser Ideale.

    PS: Naomi Wolf ist natürlich eine streitbare Autorin, die sich mehr für den “Individualfeminismus” ausspricht. Ihre Positionen sind nicht immer die meinigen, aber es ist nicht überraschend, dass Frau Wolf zu SATC applaudiert.

    PS die zweite: Manchmal habe ich Probleme, Kommentare zu posten. Da steht dann: server has gone away (oder so) Aber ich bleibe geduldig :-)

  8. Liebe Magda, für mich hört die persönliche Entscheidung fürs Schönsein dort auf, wo Schmerzen und gesundheitliche Schäden anfangen. Es muss doch stark hinterfragt werden, warum für die Jagd nach einem irrealen Schönheitsideal Frauen solche Gefahren (sogar den Tod) in Kauf nehmen. Ganz banal: Bei Schuhen fehlt mir die persönliche Entscheidungsfreiheit, weil mir von der Industrie diktiert wird, dass ich entweder schöne, ungesunde Schuhe oder gesunde “Oma”- oder Herren-Schuhe tragen kann. (Sneakers habe ich übrigens schon genug.)
    Das Problem mit der persönlichen Entscheidung (und das ist der Teil, wo ich N. Wolf sehr schwammig finde) ist, dass in unserer Lebenswelt fast alles mit dem Label weiblich/männlich versehen ist. Dazu sind die “weiblichen” Gegenstände mit Werten versehen, die im Patriarchat entstanden sind und dadurch zwangsläufig die Dichotomie männlich-weiblich mit all ihren Konnotationen widerspiegeln. Das bedeutet, dass ich mich, sobald ich mich mit weiblichen Attributen versehe, in die untergeordnete Rolle als Frau begebe. Ich kann mich sozusagen nur für das kleinere Übel entscheiden, also irgendwie als Frau durchgehen, ohne dass es übertrieben ist oder mir allzu sehr schadet.

Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.



WordPress · Login für AutorInnen · Impressum

URL dieser Seite: http://genderblog.de/index.php/2008/05/28/wenn-carrie-bradshaw-uber-feminismus-schreibt/
blogoscoop