Anzeige

Anzeige

Genderblog

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Erving Goffman)

 

Saubere Arbeit
Feminismus-Wochen: Der Beitrag von Fiona Merfert

 Fiona Merfert   10. März 2008
 8. März 2008, Feminismus

„Du blöde Emanzenkuh“, „Kampflesbe“ oder „Musst wohl mal wieder richtig durchgefickt werden..“ sind oft noch Kommentare, wenn ich gleichaltrigen (männlichen – spätpubertäre Phase) Mitmenschen meine politische Ansicht erkläre.

Im Gegensatz zu den Mädels reagieren sie mit physischer Ablehnung und wollen so gleich ihre „Evolutionsrolle“ behaupten. Die Damenwelt zeigt’s auf ihre Weise: Augenbraue hoch und ab und zu Kommentare, die sich auf Alice Schwarzer, Angela Merkel oder die vollendete – und in ihren Augen gelungene – Emanzipation beziehen.

Ich habe diese Einleitung bewusst so gewählt, weil das wirklich noch Realität ist.

Weil Mädchen Feminismus abhaken und die Unterdrückung der Frau als 3. Welt Problem darstellen, nicht bemerkend, wie sie selbst geprägt wurden durch diese maskulin-orientierte Gesellschaft.

Feminismus ist für mich kein Dauerzustand und kein Hobby. Vielleicht ein bisschen wie das Putzen („Radikalfeministinnen“ ersetzen dieses Wort bitte durch Reifenwechseln oder Heimwerken) – es macht nicht unbedingt Spaß, aber es ist notwendig um angenehm(er) zu leben.

Es muss eben so lange geputzt werden, bis Deine Umgebung sauber bleibt, weil Du fertig geputzt hast. Das ist verdammt anstrengend und Du wirst auch resignieren, aber Dein Selbstwertgefühl und Stolz werden Dich antreiben.

Bis heute ist das alles hier ziemlich verdreckt; Simones Frühjahrsputz hat nachhaltig dafür gesorgt, dass jeder ein bisschen mehr aufräumt. Soviel, wie man durch die Gardinen sehen kann… Auch die anderen großen Putzfrauen haben ihr bestes gegeben – Man(n) kehrt trotzdem nur an der Oberfläche.

Und gerade weil soviel angesammelt wurde und langsam die Müllhalden streiken, ist es Zeit die Schürze umzubinden und Reine zu machen. Aufräumen mit unsicheren Männern, wegkehren vom Bild der Feministen-Domina und besonders das Entsorgen der falschen Weiblichkeit in den Frauengehirnen.

Feminismus ist der notwendige Schritt zur Emanzipation der Frau.

Wenn ich von A nach B will, kann ich den Ticketautomaten auch nicht einfach auslassen, ohne irgendwann auf die Nase zu fallen und das Bezahlen nachholen zu müssen. Deswegen ist es fraglich, warum die Verdrängung dieses Schrittes zur gesunden Gesellschaft ausgelassen wurde und es ist verdammt merkwürdig, dass dieser Schritt das mit sich machen lässt!

So abgelutscht der Spruch ist, ich fürchte er stimmt: Wir müssen uns erst selbst befreien, wenn wir uns alle befreien wollen.

Wir sollten den Nokia-Sammelcontainerin nicht nur Handys, sondern Diät-und-Erniedrigungsmagazine, Computerspiele die der Reduzierung der Frau auf eine Hügellandschaft dienen, Anti-Cellulite-Rubbel-Bänder, Damenwaschlotionen , Elektronikkataloge, Chirurgen, Strings, Rasierer und Damenbartentfärbermittel hinterher schmeißen. Zusammen mit sämtlichen Kalorien-, Größen- und Schönheitstabellen.

Ich weiß nicht, wie moderner Feminismus aussehen soll, wenn wir uns weiterhin selbst beschränken und beschränken lassen. Wenn uns die Form unserer Brüste richtig krank macht und wir es normal finden, dass die Werbung uns zur Steigerung ihres Profits einsetzt.

Wahrscheinlich liegt er an der Gewöhnung. Wir sind nackte Frauen gewöhnt, überall. Die Gesellschaft und Werbung arbeitet gezielt mit dem Mittel der Alltäglichkeit und ein bisschen Witz, damit’s nichts sofort diskriminierend wird. Exakt mit demselben Modell probierts die NPD seit Jahren – „Kampf um die Köpfe“, „Kampf um die Städte“. Diese Parallelen würden mir zu denken geben…

Ich möchte mich gar nicht frei reden von deren Einfluss. Das Beispiel mit den Brüsten stammt von mir selbst und ich hab noch mehr in der Richtung zu bieten. Ich kann mir noch so lange einreden, dass ich ne Schönheits-OP nur für mich will – selbst wenn ich es irgendwann glauben sollte. Es stimmt nicht. Das Bild in meinem Kopf entstand nicht nur die spontane Ablehnung meiner Brustform und der Eingebung, dass rund und straff toll sein könnte. Dieses Bild wurde systematisch gemacht, mir indoktriniert durch die Medien.

Wenn man das weiß, kann man dagegen vorgehen. In diesem Fall ist heutiger Feminismus auch eine Art „Miss Marple“ sein. Ich würde es als Auftrag 1 bezeichnen: Erkennen der maskulinen Medienwelt, bemerken der Ziele von Sozialisation und eigener Verwirrung.

Auftrag 2 ist für Fortgeschrittene. Die eigene Überlistung oder auch Entmaskulinisierung genannt. Sich von den Zwängen der Gesellschaft befreien. Die Haare offen tragen, obwohl man blöd angeschaut wird, weil das rechte Ohr zu groß ist und hervorschaut. Aufhören, die Beine zu rasieren, weil man eh blonde Haare hat. Sich eingestehen, dass Selbstbefriedigungs genial ist und man endlich sich selbst auch schmecken sollte. Unabhängig von der Meinung anderer über sein nonkonfromes Auftreten werden. Warzen nicht mehr abzukleben und als Kratzer zu bezeichnen. Nicht nur auf der eigenen Toilette größer aufs Klo zu gehen.

Zu essen, was man will.

Auftrag 3 ist der Profifeminismus – die angewandte Radikalität.

Aussagen wie:“ Die müsste mal wieder… so richtig“ mit einem „Der braucht’s mal wieder von seiner Frau“ zu kontern. Nicht schamhaft zu kichern, wenn Männer über Sex, Toiletten und ihre Ausdünstungen reden. In der Schule den eigenen Körper thematisieren und offen darüber reden, was man erlebt hat. Die maskulinen Suffixe korrigieren zu können, ohne nachdenken zu müssen. Brillen tragen mit der Gewissheit, dass sie dich nur schöner macht.

Solidarisch anderen Frauen zu helfen, wenn sie in Not sind und dieses mit Feminismus begründen zu können. Den BH nicht zu tragen. Nie mit einem Ausschnitt ein Ziel erreichen zu müssen. Schamhaare zu besitzen und dazu zu stehen.

Das alles ist Feminismus und zwar alltäglicher. Je nachdem, in welcher Phase man sich befindet.

Ich denke, erst nach Auftrag 3 ist man bereit zur Massenbefreiung und zum selbstbestimmten Leben.

Und zu diesem selbstbestimmten Leben zähle ich auch die Freizügigkeit der Berufswahl. Ich habe nichts gegen Fair-Trade-Prostitution, denn nur wer frei ist, kann auch in allem was er tut befreit sein.

Ich kritisiere die PorNO Kampagne, weil Pornographie ein Produkt der (sozialen) Marktwirtschaft ist. Wenn wir zu dem Entschluss kommen, dass wir eine andere Art von Pornographie brauchen und unserer Putzplan gewirkt hat, dann wird es sie auch geben. – Nachfrage und Angebot.

Wenn ich von sexueller Entfaltung rede, dann konsequent. Dann muss jeder seiner Neigung nachgehen können (Bedingung: Freiwillig beidseitig) und damit akzeptiert werden.

Das gehört für mich zu modernem Feminismus, genau wie Frauen, die gerne devot sein möchten, die Prostitution leben, oder sich in irgendeinem anderen Bereich „regressiv“ verhalten möchten.

Solange die Einstellung ist den Köpfen progressiv ist, ist es vollkommen egal was auf dem Markt passiert. Wir müssen unsere Sichtweise ändern um wirklich frei zu sein.

Der heutige Feminismus sollte die Abschaffung dieses Bereichs nicht nötig haben, sondern ihr viel mehr selbst beherrschen. Weibliche Bordellbesitzer, besseres Marketing – Emanzipation der Prostitution. Mehr Männer auf den Strich! Neue Porno-Film Genres!

Nach unserem Großreinemachen sollten wir erreicht haben, dass Femnistinnen nicht als rebellierende Egokarrieristinnen dargestellt werden. Es sollten sich keine Gruppen bilden müssen, die sexistische Plakate überkleben – jeder sollte sein Material dabeihaben. Keine Frau sollte sich die geringere Bezahlung gefallen lassen und stattdessen genauso viel fordern.

Was ich sagen will: Es darf gar nicht mehr der Gedanke aufkommen, dass Frauen in irgendeiner Form schlechter, unfähiger oder dümmer als Männer sind.

Alle Männer dazu zu bekommen wird schwer, deswegen wird es irgendwo wohl immer Chauvinismus geben. Die Frauen zu überzeugen dauert. Schließlich haben Gesellschafts-, Rollen- und Beziehungsbilder auch gebraucht.

Trotzdem sollten wir weiterwischen und auch, so lange das Rubbeln auch dauert, den Müll von Anderen entsorgen und Frauen zeigen, wie schön das gereinigte Umfeld ist. Welche Vorteile es bietet und wie einfach es ist.

Klar machen, dass Feminismus nicht aufhört, sondern entstaubt gehört. Und jede Frau ihren Teil beitragen soll und muss zur Befreiung und Emanzipierung ihres Körpers, ihrer Seele, ihres Berufs, ihres Mannes und ihrer Gedanken.

Weil ich an uns Feministinnen glaube und an die heutige Bewegung, schreibe ich dieses Essay und bin jeder Zeit bereit selbst zu putzen.

Deswegen kämpfe ich nicht nur gegen Sexismus und Chauvinismus, sondern gegen Rassismus und Diskriminierung in jeglicher Art – Nie wieder Speziesismus, nie wieder Faschismus.

Sei es mit Lappen, Putzmitteln oder Klobürsten – Frauen, reinigt eure Umgebung von Unterdrückung.

Feminismus heute ist nämlich nicht nur der Kampf gegen alte Rollenbilder, sondern auch der Kampf für Minderheiten, denen es in der Geschichte auch schlecht erging.

Schon deshalb ist Feminismus modern, denn er wird immer aktuell sein (müssen) um die Emanzipation daran zu erinnern, sich nicht remaskulinisieren zu lassen.

Fiona Merfert ist Stadtschulsprecherin von Offenbach.

 
Teilen 
 
-->

3 Kommentare

(RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel)

  1. Wieso willst Du “Elektronikkataloge” wegschmeißen? *aufderLeitungsteh*

    > “Das gehört für mich zu modernem Feminismus, genau wie Frauen, die gerne devot sein möchten, die Prostitution leben, oder sich in irgendeinem anderen Bereich ‘regressiv’ verhalten möchten. Solange die Einstellung ist den Köpfen progressiv ist, ist es vollkommen egal was auf dem Markt passiert. Wir müssen unsere Sichtweise ändern um wirklich frei zu sein. Der heutige Feminismus sollte die Abschaffung dieses Bereichs nicht nötig haben, sondern ihr viel mehr selbst beherrschen. Weibliche Bordellbesitzer, besseres Marketing – Emanzipation der Prostitution. Mehr Männer auf den Strich! Neue Porno-Film Genres!”

    Das klingt ziemlich souverän. (In Anja Williams feministischem Traum beispielsweise wäre das alles verboten.)

  2. Hallo Petra,

    mein Vater ist großer Technikfan udn besitzt unheimlich viele Kataloge in der Richtung. Ich hab da einfach mal reingeschaut und sie bestehen nur aus halbnackten Weibsen, die mp3 Player rumzeigen. Die kommen wirklich noch aus dem Mittelalter..

    Vielen Dank für das Kompliment, das hat mich unheimlich gefreut.
    Gerade weil ich oft zu hören bekomme, dass das rückschrittlich und undurchdacht ist, Pornographie nicht verbieten zu wollen.

  3. Moin, Fiona!

    Sehr guter Text, Glückwunsch dazu.
    Ich als Mann bin ein absoluter Befürworter der weiblichen Emanzipation; und es tut mir immer wieder leid, zu sehen, wie Frauen heute noch Idealen hinterherlaufen, die allein von Männern konstruiert worden sind.
    Ich bin über diesen Blog gestolpert, als ich am Thema Frauenfiguren in Computerspielen gearbeitet habe. Lies doch mal unter http://blog.ls03.de/ meinen Ausführungen dazu und sag mir, was du davon hälst – das würde mich freuen.

    Gruß,
    Claaaus

Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.



WordPress · Login für AutorInnen · Impressum

URL dieser Seite: http://genderblog.de/index.php/2008/03/10/saubere-arbeit/
blogoscoop