Genderblog

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Erving Goffman)

 

Feminismus ist Rock’n’Roll
Feminismus-Wochen: Der Beitrag von Magda Albrecht

 Magda Albrecht   9. März 2008
 8. März 2008, Feminismus

Der Feminismus ist – wie jede andere soziale Bewegung auch – so heterogen und kunterbunt, dass es kaum möglich scheint, ihn in Worte zu fassen und ihm damit annährend gerecht zu werden. Doch was bedeutet Feminismus für mich persönlich und welche Rolle nimmt er in meinem Leben ein? Als Studentin, die das Musikmachen und -hören als wichtigsten Ausgleich in ihrer Freizeit hat, kann ich nur antworten: Feminismus ist Rock’n’Roll, denn er ist zeitlos, rebellisch und sollte jeden, ob Mann oder Frau, zum (Mit-)Tanzen animieren. Wie der Rock’n’Roll in den 50ern und auch heute noch Teil der Populärkultur ist, sollte der Feminismus ebenfalls nicht aus den Köpfen der Menschen verschwinden. Leider sind wir in Sachen radikale Gleichberechtigung / Chancengleichheit noch irgendwo zwischen der letzten Strophe und dem Refrain hängengeblieben. Doch damit sind ein Song, wie auch die Frauenbewegung, leider noch nicht vollendet.

Als ich begann, mich mit der Frauenbewegung in Deutschland zu beschäftigen, lernte ich schnell, dass die Kämpfe der Feminist(inn)en besonders in den 60er Jahren die rechtliche Basis dafür schufen, dass Jungen und Mädchen heute (zumindest laut Gesetz) gleichberechtigt sind. Da diese Gesetze zwar das Fundament für das gerechte Miteinander der Geschlechter darstellen, deren Ausführung in der Realität allerdings an tradierten Rollenvorstellungen und biologistischen Argumentationen scheitert, realisierte ich schnell, dass die feministische Bewegung auch heute noch „die Ärmel hochkrempeln“ muss, um Missstände innerhalb der Gesellschaft sichtbar zu machen. Grundlegend bedeutet Feminismus also für mich: diskutieren, aufdecken, argumentieren und letztendlich überzeugen. Da dies zuallererst auf der Mikroebene – also im persönlichen Austausch – stattfinden muss, versuche ich, den Feminismus im Alltag zu leben, denn das kluge Rezitieren von endlosen Theorien und Diskursen kann allein an der Lebensrealität nichts ändern. Bei meinem sehr persönlichen Modell des Feminismus agiere ich in den verschiedensten Funktionen:

Als Studentin wehre ich mich lautstark gegen sexistische Alltagsbemerkungen, um ein Bewusstsein auch bei anderen Student(inn)en zu wecken. Die Geschlechterverhältnisse haben auch heute noch zu dramatisch reale Konsequenzen, als dass ich flüchtig dahergesagte ‚Alltagsweisheiten’ à la: „Frauen sprechen doppelt so viele Worte wie Männer, sind orientierungslos und wollen nur kuscheln“ unkommentiert im Raum stehen lassen würde. Interessant und zugleich erschreckend sind dabei die Reaktionen meiner Kommiliton(inn)en, die teils genervt, teils belustigend bemerken, dass ich einen „längst geführten Kampf“ führe und Frauen doch schon alles erreicht haben, was sie wollten. Auch hier gilt: diskutieren bis zum Umfallen! Relativ früh habe ich allerdings gelernt, dass das Wort „Feminismus“ in meinen Argumentationen besser nicht vorkommt. Für Menschen, die sich nie mit diesem Thema beschäftigt haben, sind Feminist(inn)en verstaubte Frustrierte, die die Geschlechterverhältnisse umkehren möchten. Auch hier gilt für mich: Der Feminismus ist viel zu vielschichtig und bunt, als dass ich dieser Behauptung auch nur annährend zustimmen könnte. Genau wie viele Musikstücke im Aufbau gleich wirken und in ihrer Tonart, dem Gefühl und ihren song lyrics grundverschieden sind, ist auch der Feminismus: Es gilt vordergründig, Machtverhältnisse aufzudecken, die Methoden können sich aber stark voneinander unterscheiden. Es gibt nicht die/der Feminist/in.

Besonders schwierig ist die Rolle der Schwester, da ich mich dort mit meiner eigenen Familie (in meinem Falle zwei Brüder) auseinandersetzen muss. Ich diskutiere/tobe/raufe mit meinen Brüdern, die große Schwierigkeiten mit den Rollenerwartungen haben, die in dieser Gesellschaft an das männliche Geschlecht geknüpft sind. Hin- und hergerissen von dem Wunsch nach innerer Ruhe auf der einen Seite und dem verblendeten Bild eines in der Hierarchie oben stehendem starken, ‚männlichen’ Ideals auf der anderen, sind Jungs verunsichert. Es ist zweifelsohne zu konstatieren, dass sich der Feminismus für mich nicht nur auf die „Befreiung“ der Frau aus gesellschaftlichen Zwängen bezieht, sondern ein gesamtgesellschaftliches Konzept ist, welches alle Menschen von den Rollenerwartungen befreit, die an ihrem biologischen Geschlecht geknüpft sind.

„Gleichberechtigung fängt zu Hause an“ ist ein schöner Spruch, der ein Indiz dafür ist, warum man nicht von einer absoluten Gleichberechtigung von Mann und Frau sprechen kann: Zu Hause putzt meistens noch immer die Frau. Als Freundin weise ich meinen Freund also darauf hin (und ich spreche bewusst in einem heterosexuellen Kontext), dass abwaschen und Wäsche waschen nicht meinen natürlichen Begabungen entsprechen und mir genau so viel Mühe bereiten wie ihm. Feminismus bedeutet nun einmal auch, ihn wirklich zu ‚leben’: Auch wenn es eine große Erleichterung darstellt, dass der vor Kraft strotzende Freund vermeintlich uneigennützig und so „sexy“ hilfsbereit die Einkaufstüten schleppt, muss ich mir bewusst werden, dass ich das auch alleine kann. Ich möchte meine Einkäufe selbst zahlen, diese eigenhändig nach Hause tragen – und auch selbst essen! Feminismus bedeutet, mich als ganzen Menschen mit Talenten, Vorzügen, Schwächen und Macken wahrzunehmen, und mich nicht der medial verbreiteten Auffassung von „frau ist schlank ist schön ist sexy is(s)t nichts“- Mentalität hinzugeben.

Außerdem (und dies wahrscheinlich mit größter Leidenschaft) stehe ich als Musikerin selbstbewusst auf der Bühne und hoffe, anderen jungen Musikerinnen die Angst vor einer männerdominierten Domäne zu nehmen, in der es noch immer einem 8. Weltwunder gleicht, wenn eine Frau Schlagzeug oder Bass spielt. „I can’t get no satisfaction“ sollte hier der Leitspruch sein: frau kann nicht eher befriedigt sein, bis sie auch in dieser wichtigen Sparte der Kultur einen gleichberechtigten Platz einnehmen kann. Denn Feminismus ist für mich Rock’n’Roll – beides hat mit Rebellion und Emanzipation zu tun. Auf der Bühne stehe ich nicht als Frau, sondern als Künstlerin, Musikerin, Kulturschaffende. Leistung hängt hier nicht von meinem Geschlecht ab, sondern von Talent, Fleiß, Kreativität etc. – zumindest dem Ideal nach. Sexistische Sprüche wie „Für Frauen war die Musik wirklich gut“ können nur mit vielen Diskussionen bekämpft werden. Die übergeordneten Ideale der feministischen Bewegung (Gleichberechtigung, Entscheidungsfreiheit etc.) und der Kampf gegen etablierte Machtstrukturen, die Frauen auch heute noch den Zugang zu Macht erschweren, dienen mir als Basis dieser Diskussionen, die so mannigfaltig sind wie der Feminismus selbst: Eine bunte Mischung, die immer Stoff zum Diskutieren bietet. Dabei ist der Feminismus für mich uneingeschränkt aktuell und modern und hat mit Power und Engagement mehr gemein als mit sinnlosen dogmatischen Grabenkämpfen zwischen Mann und Frau. Der Feminismus darf somit im 21.Jahrhundert in den Alltagsdiskursen keinesfalls fehlen und ist für mich die Grundlage meines politischen Denkens und Musizierens. So wie Tracy Chapman von einer revolution singt, sollten auch wir von einer Revolution singen, die die gegenwärtigen Geschlechterverhältnisse auflöst. „Finally the tables are starting to turn – Talking about a revolution”.

Magda Albrecht studiert an der Freien Universität Berlin Nordamerikastudien, Publizistik und Kommunikationswissenschaften.
 
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