Zeitschriftenschau: Der Spiegel 9/2008
Sagen wir’s gleich: Der aktuelle Spiegel-Titel zum Thema “Wieviel Mutter braucht das Kind?” (Inhaltsverzeichnis, Titelbild) hält keine wirklich großen Überraschungen bereit, außer vielleicht dieser: Die Spiegel-Redaktion hat anscheinend beschlossen, Kitas ab sofort ziemlich uneingeschränkt gut zu finden, nur die Qualität und der Betreuungsschlüssel müsse halt stimmen. So weit, so gut und so banal.
Irritierend ist aber doch, daß, nachdem sich das gleiche Magazin in der vergangenen Woche einigermaßen ausführlich mit Vätern in der Babypause beschäftigt hat, von den Vätern hier nie aber auch irgendwie die Rede ist. Immerzu ist von der Bindung des Kindes an die Mutter die Rede, und im- wie explizit geht es nur darum, ob eine Mutter ihre Kinder guten Gewissens in eine Kita oder Krippe geben dürfte (ja).
Einzige Ausnahme: Ein deutscher Vater in Kopenhagen, der sich die Kinderbetreuung mit seiner wie er voll berufstätigen Frau teilt. Das sind ein paar Absätze in der Titelgeschichte, wie aus einem fernen, fremden Land. Au weia.
Und dann natürlich auch noch das Titelbild, das nicht nur die abgebildete Frau mit allen klassischen Insignien der “Karrierefrau” besetzt, sondern sie auch noch im Würgegriff der Kinderhand zeigt.
Auch schön im neuen Spiegel: das Interview mit der derzeit ubiquitären (Tagesspiegel, Süddeutsche Zeitung, blond) Charlotte Roche zu ihrem neuen Buch Feuchtgebiete.
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Das mit den Vätern ist meiner Meinung noch verständlich angesichts der Fragestellung. Aber ich habe selten so viele Widersprüche auf vielleicht fünf Seiten Text gelesen. Immerhin bestätigt der Artikel so, wenn wohl auch unbeabsichtigt, seine Hauptthese – in der ganzen Debatte wird viel geredet und geschrieben, aber zumeist mit wenig Sachverstand. Denn nichts genaues weiß man nicht und das Leben ist eben bunter als so manche ideologische Position.
Ja, mir erscheint das auch logisch, dass die Väter hier kaum vorkommen: weil gegen die Positionen einer Gruppe argumentiert wird, die die Bindung zur Mutter über alles stellt (etwa Christa Müllers aktuelles Buch: “Dein Kind will Dich” – mit ‘Dich’ ist hier die Mutter gemeint). Apropos Widersprüche: am hübschesten fand ich den Satz: “Denn die Kultur ist die Natur des Menschen.”
Danke fürs vor-lesen, ich fand das ja wahnsinnig interessant aber mal wieder so ein typische endlos langer Spiegelriemen. und was die Inkonsistenz der Berichterstattung betrifft, stimme ich . das ist ja leider üblich bei dem Heft. Einmal ein bisschen progressiv, dann wieder zwei Schritte zurück. Das ist nicht nur bei Genderthemen so..
Gruß!
@Tobias,@Petra: Logisch oder sinnvoll mag das innerhalb der Artikelstruktur noch halbwegs sein – aber ein bißchen wäre vielleicht doch Platz dafür gewesen, daß es nicht nur das eine (Mama!) oder das andere (Kita!) geben muß, sondern daß – gerade auch für die Frauen, die berufstätig sein wollen – es auch noch ein Drittes (Papa!) gibt.
Das nämlich, wie’s in dem Text über das Paar in Kopenhagen auch heißt, “erlaubt komplett andere Familienarrangements.” Nur bezieht sich das dort darauf, daß Dank der guten dänischen Vollzeitkita auch Papa was machen kann. Es scheint mir doch etwas kurzsichtig zu sein, das allein auf die Kita zurückzuführen. Das hat durchaus auch was mit Wollen zu tun.
@Rochus,
da gebe ich Dir Recht, aber der Artikel bezog sich ja vor allem auf die Frage “wieviel Mutter braucht das Kind” – was ja in der Debatte auch die wesentliche Frage ist, nur gibt es eben keine wirkliche sachlich richtige Antwort. Deswegen wird halt weiter ideologisiert – aber eben auch mit Alternativen (Kita, Papa) experimentiert, bis vielleicht mal eine Antwort gefunden wird.
@Tobias: Dem ist leider nicht so. Das Titelblatt suggeriert das, aber hauptsächlich geht es in dem Text um die Frage, ob Kitas nun schädlich sind oder nicht. Ob daheim ein Elternteil Bezugsperson ist oder zwei oder welches, das wird nicht wirklich diskutiert oder thematisiert. Bzw. die Rede ist halt immer nur von der Mutter.
Ganz frisch beim Spiegel online dazu ein Interview mit Wolfgang Tietze zur Frage: “Werden Kinder zu Seelenkrüppeln, wenn sie in die Kita kommen?”
Reißerisch formuliert, aber immerhin nicht ganz zu dummlastig wie das Daherbrabbeln von einer “neuen Kultur des Aufwachsens”. Was soll das denn sein?
Bevor ich’s vergesse -
Stimmt – aber, am Rande, eben nicht nur was die Jungs betrifft. Und die weiblichen Stimmen (die aus meiner Sicht für Männer die entscheidenden sind) zu dem Thema sind eben alles andere als eindeutig… aus einem anderen kürzlich erschienenen Spiegel Artikel zum Thema Veränderung im männlichen Rollenbild und “boys day” in Baden-Württemberg…
Das ist alles eben komplexer als so manche Diskussion glauben machen will ;). Danke übrigens für den Link zur Artikelsammlung in der Zeit.
Also, ich denke schon, daß der Artikel den Versuch gewagt hat, die Bindungstheorien zu diskutieren. Ist halt nicht so richtig geglückt, bzw. es ist eben ein Thema bei dem eher ideologisch als sachlich argumentiert wird, weil es eben um vermeintliche oder tatsächliche biologische Argumente geht, die zum Politikmachen genutzt oder mißbraucht werden können.
Der Link zum oben von mir zitierten Spiegel Artikel.
Ad “Neue Kultur des Aufwachsens” – ich denke, das bezieht sich auf die notwendige diskurspolitische Anerkenntnis der Heterogenität in den Lebens- und Familienentwürfen.