Genderblog

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Erving Goffman)

 

Wie man eine Frau gefügig foltert
Captivity gibt sich als brachiale Kritik an frauenfeindlicher Bilderpolitik aus

 Rochus Wolff   10. Januar 2008
 Film, Filmkritik

Captivity (USA 2007); auf DVD ab 7. Februar 2008 im Handel (bei amazon.de nur in der gekürzten “Alternative Edition”).

Captivity - (c) SPHE

Captivity ist, so viel Klarheit muß gleich zu Anfang sein, kein Film für visuell zimperliche Menschen. Da wird ein Ohr mit anderen Körperteilchen zu einem Cocktail geschreddert (und anschließend einem armen Opfer gewaltsam eingeflößt), da wird durch einen Duschkopf eine Frau mit Säure beträufelt, bis sich ihr Gesicht aufgelöst hat. On screen und schön ausgewalzt: Das ist exploitativer torture porn pur, oder etwas eingeschränkter, wie es Jeannette Catsoulis in der New York Times formulierte: the extreme revenge fantasy of every (slightly damaged) guy who ever lusted after a woman far out of his league.

Jennifer Tree (Elisha Cuthbert), deren Konterfei – sie arbeitet als Model – von allen Plakatwänden der Stadt blickt, wird entführt und findet sich in einem unterirdischen Gefängnis wieder. Ihr Entführer hat ihr Appartement geplündert, einige Einrichtungsgegenstände und Kleidung mitgebracht und damit ihre Zelle ausstaffiert. Wenn Tree versucht auszubrechen oder sich zur Wehr setzt, findet sie sich alsbald auf einem Operationsstuhl gefesselt wieder, wo sie mit der Videoaufzeichnung des beschriebenen Säuremordes konfrontiert wird, während der Entführer die gleiche Apparatur aufs Neue vorbereitet.

Captivity lehnt sich inhaltlich wie ästhetisch an Filme wie Hostel (2006) und vor allem Saw (2004) mit ihren Sequels an – von Saw ist ab Februar schon die dritte Fortsetzung zu sehen. Wie bei Saw gibt es hier einen wahnsinnigen, planvoll agierenden Täter, dessen Motive zunächst unklar bleiben. Während man allerdings über den Jigsaw-Killer lange rätseln kann, hat man mit ein wenig Genrekenntnis bei Captivity schon sehr schnell eine Ahnung, wenn nicht Gewissheit, wohin der Hase läuft. Der Rest sind retardierende Momente bis hin zum vorhersehbaren Ende.

Sieht man einmal davon ab, daß Captivity bei aller handwerklichen Sicherheit (und gelegentlich hübsch absurden Spielereien des Soundtracks) dramaturgisch eher schwächelt, ist zumindest bemerkenswert, wie der Film mit seinen eigenen Mechanismen und der Repräsentation weiblicher Körper – und das heißt vor allem: dem Körper seiner Hauptdarstellerin – umgeht.

Cuthbert ist vor allem durch die Fernsehserie 24 (seit 2001) bekannt geworden, in der sie die Tochter von Jack Bauer spielt, ihren Durchbruch als Filmschauspielerin (und ihre nach wie vor bekanntesten Auftritt) hatte sie mit der Komödie The Girl Next Door (2004), in der sie als ehemalige Pornodarstellerin zu sehen ist, in die sich der Protagonist verliebt.

Captivity - (c) SPHE

Man darf getrost behaupten, daß die populäre Rezeption von Cuthberts star persona seitdem vor allem an ihrem Äußeren orientiert ist, was natürlich für junge weibliche Filmstars nicht unbedingt ungewöhnlich ist; ihre Besetzung als Model und, wie sich im Lauf des Films zeigt, Objekt des Begehrens für ihren Entführer, ist aber in gewissem Maße konsequent. Zugleich versucht Captivity nämlich mit ziemlich brachialer Gewalt so zu tun, als kritisiere er die Ausstellung weiblicher Körper in den Medien, indem er eben deren Verführungskraft auf den männlichen Zuschauer problematisiert.

Es ist zunächst noch recht amüsant, daß der Film in einigen seiner ersten Sequenzen, in denen immer wieder Trees Gesicht und Körper auf Plakatwänden, Bussen usf. zu sehen ist, wie ein ironischer Kommentar zur abgebrochenen und sehr heftig umstrittenen Werbeaktion für den Film selbst wirkt, in der Cuthbert in verschiedenen Stadien der Folter (bis hin zur „Termination“) zu sehen war. Dagegen wird protestiert, gegen die alltägliche Zurschaustellung der weiblichen Körper nicht, so scheint der Film unterschwellig zu suggerieren.

Ziemlich verlogen ist das, weil sich der Film dann sehr ausführlich daran weidet, welchem Leid Tree in ihrem Verlies ausgesetzt ist. Der Blick des Zuschauers liegt immer in den Überwachungskameras, in der Beobachtung des Opfers, in der Perspektive des Voyeurs; so gut wie nie stellt sich die Kamera auf ihre Seite. Daß die Handlung zunächst nur ihre Sicht auf die Dinge offenlegt, ist eher dem Ziel geschuldet, den zentralen Plottwist noch hinauszuzögern. Als er dann kommt, ist Tree für eine Weile sogar nur noch eine Randfigur.

Ein Bildersturm des vorher gezeigten findet aber auch dann nicht statt, als sich Tree gegen ihren Peiniger und auch gegen die Repräsentationen ihres Körpers in ihren Modelbildern wendet. Stattdessen perpetuiert Captivity in seiner eigenen Ästhetik die Verfügbarkeit des weiblichen Körpers, die er vorgibt zu kritisieren: So geht Exploitationkino heute.

Captivity; USA 2007; Regie: Roland Joffé; Drehbuch: Larry Cohen, Joseph Tura; mit: Elisha Cuthbert, Daniel Gillies, Pruitt Taylor Vince, Michael Harney, Laz Alonso. Auf DVD ab 7. Februar 2008 im Handel (bei amazon.de nur in der gekürzten “Alternative Edition”).

Fotos: Sony Pictures Home Entertainment

 
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