Geschlechtsorgane sind eine Zumutung
Holger Schwab weist in der Kritischen Ausgabe auf das Phänomen hin, daß in den USA vor allem christliche Gruppen massiv auf Lehrpläne und Inhalte von Kinderbüchern Einfluß nehmen – bzw. die Verlage in vorauseilendem Gehorsam (man kann es auch Selbstzensur nennen) ihre Bücher schon entsprechend gestalten.
Beziehungsweise eben entstellen; Aufhänger für Schwabs Anmerkungen ist eine Begebenheit, die schon im vergangenen Juli durch die Presse ging, als nämlich Rotraut Susanne Berner sich weigerte, für die amerikanische Ausgabe eines ihrer Wimmelbücher einen winzigen Penis von einer gezeichneten Statue wegzuretuschieren.
Da ist natürlich ziemlich überspannte Prüderie im Spiel, die Kindern den Anblick von Geschlechtlichkeit schlechthin nicht bieten will. Verbunden damit ist anscheinend die Vorstellung, der nackte menschliche Körper sei schmutzig, obszön oder sündhaft, sein Anblick eine Versuchung; jedenfalls müsse er stets schamvoll verhüllt werden.
Die Zeit hatte schon 1992 über einen ähnlichen Fall berichtet, der das Euter einer Ziege in einem von Axel Scheffler illustrierten Buch betraf, das den Amerikanern [...] zu obszön
erschien.
Wer sich allerdings dazu versteigen möchte, die beschriebene Prüd-Hysterie nur als Auswurf übertriebener Political Correctness zu lesen, sollte im gleichen Zeit-Artikel noch ein paar Absätze weiterlesen:
Die rigorose Forderung der US-Verlage nach einer Art Minderheitenquote für Bilderbuchprotagonisten hat farbigen Kindern auch in unseren Büchern zur selbstverständlichen Präsenz verholfen. So begrüßenswert dies auch erscheint, konsequent ist es nicht: Hierzulande müßte statt oder neben dem afroamerikanischen John ein türkischer Ali abgebildet werden, in den Niederlanden eine indonesische Yeni, m England eine indische Sitah, in Frankreich ein arabischer Salem. Wie so häufig retten sich Verlage und Künstler bei solch unterschiedlichen Ansprüchen in möglichst indifferente Darstellungen. Die Bilderbuchkinder werden schlicht undefinierbar dunkel dargestellt.
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Zur Casa Berner: Wie das Börsenblatt heute meldet, werden die Wimmelbücher nun doch in den USA erscheinen – und zwar ohne Retusche.
Auf der Website des Gerstenberg-Verlags heißt es dazu, der neue amerikanische Verlag, Chronicle Books, gebe sich »entspannt: ›Die Kinder werden unsere Omnibus-Edition lieben. Und Eltern mit einer Neigung zum Hyperventilieren können tief durchatmen und werden darüber hinwegkommen.‹«
Chronicle hatte den ›Skandal‹ um die Wimmelbücher bereits im vergangenen November in seinem Verlagsblog thematisiert und festgestellt:
Na bitte! ;-)