Genderblog

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Erving Goffman)

 

Lieber AH!

 Paula Schramm   13. Dezember 2007
 Anti-Feminismus

Einst trank ich einen Kaffee mit zwei jungen Männern, ebenfalls Wissenschaftler. Das war als damals das neue Gleichstellungsgesetz in kraft getreten ist. Es war eine sehr frustrierende, nahezu traumatische, Unterhaltung. Daraufhin habe ich den beiden einen Brief geschrieben. Natürlich habe ich ihn nie abgeschickt. Vielleicht hat ja jemand was davon, außer mir.

Lieber AH1, Lieber AH2!

Ich habe noch eine ganze Weile über unser Gespräch zum Gleichstellungsgesetz nachgegrübelt. Irgendetwas schien mir falsch, wie ein Steinchen das sich im Schuh festsitzt und piekt. Eine ganze Weile konnte ich denn Finger nicht drauf legen, aber als ich den wunderbar meditativ durch den Kolben schwirrenden Na/K-Tropfen in DME zusah, ist mir endlich aufgegangen wo das Steinchen piekt. Leider wart ihr da beide nicht zu finden. Deshalb habe ich hier einfach mal meine Gedanken notiert.
Wenn ich mich richtig erinnere lief die Unterhaltung in etwa folgender Maßen ab:

Irgendwer: „Das neue Gleichstellungsgesetz ist doof. Es ändert nichts.“
Anderswer: „Gleichstellung kann nicht erzwungen werden, sondern muss aus der Gesellschaft kommen. Die Kinder müssen so erzogen werden.“
Paula: „Ja das ist richtig, bla blub Sprache ist voll doof, setzt Mann als das normale/’default’ alles andere ist minderwertig.“
AH2: „Nee, nur unter Männern, blub bla, Frauen sollen sich nicht verstellen, wollen wir eh nicht.“
AH1: „Doof, das Frauen und Behinderte bevorzugt werden, blub blub, wenn Mann besser muss der gewählt werden.“
AH2: „Ja und wenn Mann = Frau da aber Mann besser in Team passt, dann muss trotzdem Frau gewählt werden. Das ist doof!“
AH1: „Wenn man Gruppen der besten Fünf zusammenstellt dann ist der Letzte aus der Größten Gruppe wahrscheinlich immer noch besser als der beste aus der kleineren Gruppe, blubb blubb, wenn wir Frauen fördern dann wollen bald auch alle andern Randgruppen gefördert werden.“

Habt ihr schon erraten wo der Stein piekt? Nee, sonst hättet ihr die Unterhaltung nicht so laufen lassen. Also der Stein piekt an der Stelle besonders: „wenn wir Frauen fördern dann wollen bald auch alle andern Randgruppen gefördert werden“

Lieber AH1! Frauen sind keine Randgruppe, genau genommen stellen sie ca. 50% der Weltbevölkerung. Und, es sei denn du kannst beweisen, dass das „Intelligenzgen“ auf dem Y-Chromosom sitzt, müssen wir davon ausgehen, dass Frauen und Männer genetisch „gleichgestellt“ sind. Das bedeutet, dass in all den Berufen wo besonders viel Intelligenz gefordert ist gleich viele Frauen und Männer vertreten sein sollten. Das ist offensichtlich nicht so. Es gibt da wunderbare Statistiken über die Anzahl der Frauen auf höheren Karrierestufen die alle einmütig zeigen, dass die Anzahl der Frauen mit der Gehaltsstufe abnimmt. Warum nun sind Frauen in „Bestimmerpositionen“ so rar? „Weil sie die Kinder kriegen.“ War deine Antwort. Guck dir doch mal die schwangeren Frauen in deiner Bekanntschaft an, wie lange sind sie wirklich unfähig zu arbeiten? Ich schätze mal höchstens drei Monate. Wenn du das mal die Anzahl an Kindern nimmst die eine Durchschnittsfrau bekommt, macht dass 4,5 Monate im Leben die eine Frau weniger Arbeiten kann als ein Mann. Ist das Grund genug, ihr den Rest des Lebens die Karriere zu verweigern? Und nein, Frauen haben keinen „natürlichen“ Mutterinstinkt der den Vaterinstinkt übertrifft, das ist anerzogen.

Aber zurück zum Thema Frauenförderung; Ein Argument dagegen ist immer, dass es schon viele geniale Männer aber keine genialen Frauen in der abendländischen Geschichte gibt. Ergo sind Frauen entweder insgesamt dümmer, oder es gibt keine so große Varianz wie bei Männern, weswegen sie dann nicht fähig sind gleich hohe Positionen zu belegen wie Männer. An dieser Stelle füge ich wieder das Intelligenzgenargument ein. Ich kann euch meine Interpretation der Dinge zeigen.

Ihr kennt sicher auch das Zitat von XY der sagte: „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau, die ihm den Rücken frei hält.“ Das ist als Trostpflaster gedacht für all die Frauen die zurückstecken um ihren Männern eine Karriere zu ermöglichen. Dies ist in der Tat auch eine ehrenwerte Sache, bloß sind moderne Frauen nicht mehr willens sich aufzuopfern. Nachdem sie Jahrhunderte lang gedacht haben es ist so, stellen sie nun fest, dass sie nicht mehr auf sich herum trampeln lassen müssen. Moderne Frauen wollen lieber selber für sich sorgen können, nicht angewiesen sein auf einen gütigen Gönner. Dabei haben sie daran gefallen gefunden ihre Talente zum Einsatz zu bringen, auch in typischen Männerdomänen.

Warum denn nun, gibt es keine genialen Frauen? Sie haben sich verzettelt. Ihre klugen Gedanken wurden nicht in Experimente oder Musik oder Schrift umgesetzt. Irgendwo zwischen Wäsche waschen und Kinder großziehen, für die Ernährung der Familie sorgen sind die Gedanken abhanden gekommen. Nicht nur das, sollte eine Frau mal eine Minute Zeit gehabt haben, um Gedanken aufzuschreiben, so konnte sie das nicht, weil sie nicht schreiben konnten, oder weil sie keine formale Ausbildung hatten. Sie hatten keine Zeit genial zu sein. Und warum das alles? Weil Frauen die Kinder werfen. Wie viel besser/schlechter/anders wäre unser Leben wenn die genialen Frauen auch zu Wort gekommen wären?

Aus. Schluss. Vorbei. Es bringt nichts der Vergangenheit nach zutrauern. Wie können wir es besser machen? Indem wir den genialen Frauen die unter uns sind alle Möglichkeiten geben ihre Talente aus zuleben. Ich denke da habt ihr nichts dagegen. Ihr habt nur etwas dagegen, dass nicht so geniale Frauen auf kosten der genialen Männer gefördert werden. Ihr habt Angst, dass das männliche Talent verkannt wird. Tausende von Jahren sind mäßige und schlecht Männer auf kosten von genialen Frauen bevorzugt worden. Lasst den Frauen doch mal ein paar Jahre/Jahrzehnte. Erst wenn das Potential in allen Menschen erreichbar ist, können wir nur die Besten fördern.

Ich kenne viele Leute die behaupten Frauen könnten Mathematik und Naturwissenschaften nicht verstehen, es sei zu logisch. Viele Mädchen lassen sich davon einschüchtern. Es wird ihnen ständig erzählt, bis sie es glauben. Das einzige was da hilft ist ein leuchtendes Gegenbeispiel. AH1 du hast ganz richtig angemerkt, dass wir in der Schule eingreifen müssen um die eingefahrenen Verhaltensmuster zu durchbrechen. Aber solange Chemieprofessor XY sagt ihr seid auch gut, Mädels, ist das nur eine Gegenmeinung. Erst wenn Chemieprofessorin XX sagt seht her hier bin ich, zum anfassen, ihr könnt das auch wenn ihr nur wollt, können wir gegen die Indoktrination angehen. Deshalb würde ich auch eine etwas klitztklein wenig schlechter Professorin in kauf nehmen, um die genialen Frauen herauszulocken die in unseren indoktrinierten Mädchen sitzen. Bleiben die Jungs dabei auf der Strecke? Who knows? Frauenförderung heißt nicht Männerbenachteiligung. Wenn ihr andere Mittel als Quotenfrauen finden wollt um an die genialen Menschen zu kommen bin ich gerne dabei. Bloß hört auf das Problem wegreden zu versuchen nur damit ihr nicht eure Privilegien aufgeben müsst.

Gruß Paula.

 
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8 Kommentare

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  1. Hallo liebe Paula,

    ich habe dir auf deinen Brief in meinem Blog geantwortet. Wenn du lust hast, kannst du es
    nachlesen.

    mfg

  2. Hallo Paula,

    “Bleiben die Jungs dabei auf der Strecke? Who knows? Frauenförderung heißt nicht Männerbenachteiligung.”

    “Tausende von Jahren sind mäßige und schlecht Männer auf kosten von genialen Frauen bevorzugt worden. Lasst den Frauen doch mal ein paar Jahre/Jahrzehnte.”

    Nur als Anmerkung -Dir ist schon klar, daß sich diese beiden Zitate ein wenig widersprüchlich anhören? Noch eine Anmerkung – tausende von Jahren in der Vergangenenheit sind für einen JETZT lebenden Menschen deutlich weniger relevant als die paar Jahrzehnte “Gegenwart”, wenn es nun mal diejenigen sind, die man auf diesem Planeten verbringen darf. Eine dritte Anmerkung, und die ist dann leider schon fast inhaltlich – ich zwar jede Menge Frauen, die Karriere machen (interessanterweise eher mehr als Männer) – und das in klassisch “männlichen” Wirtschaftsberufen – aber jede einzelne von ihnen würde eine Quote (wie in Norwegen für Aufsichtsräte) als persönliche Beleidigung begreifen. Sie wollen es lieber unter den härteren Bedinungen schaffen (und sie schaffen es offensichtlich) als ewig mit dem “Makel” Quote behaftet zu sein.

  3. Und, es sei denn du kannst beweisen, dass das „Intelligenzgen“ auf dem Y-Chromosom sitzt, müssen wir davon ausgehen, dass Frauen und Männer genetisch „gleichgestellt“ sind. Das bedeutet, dass in all den Berufen wo besonders viel Intelligenz gefordert ist gleich viele Frauen und Männer vertreten sein sollten. Das ist offensichtlich nicht so.

    [...]

    Warum denn nun, gibt es keine genialen Frauen?

    Ich denke, dass das tatsächlich an der Intelligenz der Männer liegt. Bei praktisch allen “technischen Daten”, die es so von Menschen gibt, Körperlänge, Gewicht, etc. und eben auch IQ, weisen die Werte der Männer die höhere Streubreite auf. Beim IQ ist es soweit ich weiß so dass der Mittelwert bei Männern und Frauen gleich ist und Männer eben die höhere Streubreite haben. Das bedeutet, dass sowohl unter den intelligentesten als auch unter den dümmsten Menschen vorrangig Männer sind.
    Wenn du dann nach den Genies schaust, wirst du auch überwiegend Männer antreffen.

    Was ich an dieser Argumentation problematisch finde ist die Frage nach der Signifikanz des IQ als Kennwert. Ich halte den IQ für ein recht windige Größe. Aber selbst wenn man eine wirklich signifikante Größe kennte, hätten da die Männer wohl auch die größere Streubreite.

    Wenn ihr andere Mittel als Quotenfrauen finden wollt um an die genialen Menschen zu kommen bin ich gerne dabei. Bloß hört auf das Problem wegreden zu versuchen nur damit ihr nicht eure Privilegien aufgeben müsst.

    An welche Privilegien denkst du da genau? Oft wird behauptet, Männer wollten ihre Privilegien nicht aufgeben, wenn sie dem Feminismus widersprechen. Welche Privilegien sind das genau?

  4. Ich roll das Feld mal von hinten auf, da Arties Brief einer längeren Antwort bedarf.

    Ich habe nie vom IQ geredet, der als Messwert sehr dubios ist. Vielmehr habe ich statistische Überlgegungen zu Genen angestellt. Betrachtet man wie Gene vererbt werden, gibt es hier keinen Grund zu finden dafür, dass es eine breite Streuung bei einigen Eigenschaften von Männern gibt. Woran diese Streuung liegt… ? Hast du dafür Studien zur Hand, die ich mir mal anschauen könnte?

    Privilegien! Tolles Schlagwort, gell? Ich meine damit das Privileg des Normalseins, das Privileg nicht einem bestimmten Aussehensschema entsprechen zu müssen (welches je nach Aufgabe anders ist), das Privileg seine Kompetenz nicht erst beweisen zu müssen.

    Ich weiß, dass die Zitate die Tobias herauspickt, widersprüchlich scheinen, aber das sind sie nicht. Zusammenhängend würde ich das so formulieren: Frauenförderung schließt die Männerbenachteiligung nicht inhärent ein, ich würde aber eine kleine Benachteiligung unter Umständen in Kaufnehmen.

    Noch eine kleine Erklärung: Dieser Brief entstand als Reaktion auf ein bestimmtes Gespräch, deshalb sind manche Aussage so spezifisch. Ich habe versucht in der Welt der beiden anderen Gesprächsteilnehmer zu bleiben. Wenn es nach mir ginge, wäre das Thema ehr die Abschaffung von Gender. Aber so war die Situation nicht.

    ;)Und wehe ihr denkt, dass ich mich mit der Erklärung verteidigen will. Sowas würde eine echte Feministin nie machen! /;)

    Ps: ich hab die doppelten Kommentare mal gelöscht.

  5. Privilegien! Tolles Schlagwort, gell? Ich meine damit das Privileg des Normalseins, das Privileg nicht einem bestimmten Aussehensschema entsprechen zu müssen (welches je nach Aufgabe anders ist), das Privileg seine Kompetenz nicht erst beweisen zu müssen.

    Dieses Privileg habe ich nicht. Ich musste auch meine Kompetenz beweisen um meine Doktorandenstelle hier zu bekommen. Und wenn ich mir meinen nächsten Job suche, werde ich das wieder tun müssen. Und immer wieder. Das müssen Männer genauso wie Frauen.

    Ich sage dir was: Diese Privilegien sind Legende. Der Begriff “Schlagwort” passt insofern, dass sie einfach ein Tot”schlag”sargument sind.

    Frauenförderung schließt die Männerbenachteiligung nicht inhärent ein,

    Richtig. Nämlich dann nicht, wenn es entsprechende Männerförderung gibt. Die gibt es aber nicht. Das ist Männerbenachteiligung.

    ich würde aber eine kleine Benachteiligung unter Umständen in Kaufnehmen.

    An diesem Punkt verlierst du meine Unterstützung.

    Wie es zu der höheren Streubreite bei männlichen Kennwerten kommt weiß ich nicht. Ob es ein biologisch-genetischer Effekt oder ein Sozialisierungseffekt ist, kann ich nicht beurteilen. Es ist auch irrelevant dafür für die Argumentation, dass die Unterrepresentanz der Frauen bei den Genies kein Indikator für Benachteiligung und Notwendigkeit einseitiger Frauenförderung ist.

  6. Irgendwo zwischen Wäsche waschen und Kinder großziehen, für die Ernährung der Familie sorgen sind die Gedanken abhanden gekommen. Nicht nur das, sollte eine Frau mal eine Minute Zeit gehabt haben, um Gedanken aufzuschreiben, so konnte sie das nicht, weil sie nicht schreiben konnten, oder weil sie keine formale Ausbildung hatten.

    Immerhin haben die meisten der feinen Bürgersdamen – die Pendants zu den Männern, die Zugang zu höherer Bildung hatten, deren Gedanken in Experimente oder Musik oder Schrift umgesetzt wurden – Viel Zeit mit der Veranstaltung von erlesenen gesellschaftlichen Anlässen verbracht, in denen sie sich in feinsinnigem weiblichem Gespür für Kunst, Kultur und Wohltätigkeit profilieren konnten. Den Einfluss dieser Damen spürt man heute noch – Am vorherrschenden bürgerlichen Weiblichkeitsbild. Und daran, dass ein Teil der Bevölkerung bei uns mit dem Titel “Frau” (Frouwe von ahd.: Fron=Herr; Herrin) bezeichnet wird.

    Das Wäsche waschen, Kinder großziehen und für die Ernährung der Familie sorgen hat das rechtlose Dienstmädchen besorgt, das aber leider zusehends vom Widerstandsgeist infiziert wurde. (So war das mit der Herrin dann aber doch nicht gemeint) Um sich abzugrenzen und abzuheben kam irgendwann die “Dame” ins Spiel. Das französische Wort sollte Kultur, Bildung und Stil implizieren.

    Einige der Damen hatten auch genug Zeit, sich im Namen der Befreiung der Frau für eine Verschärfung der Gesindeordnung zu engagieren.

    Die mit Wäsche waschenden Frauen verheirateten Männer (Herren wird man diese “ungehobelten Gesellen” eher nicht genannt haben) werden wohl eher das Privileg gehabt haben, sich körperlich zu Tode schuften zu dürfen, oder auf den diversen Schlachtfeldern zu verbluten. Wenigstens wurden sie, bei der Abfahrt zur Front, von einer jubelnden Masse von Frauen und Männern verabschiedet. Da sind wohl einige potentielle Genies verblutet.

    Übrigens wird Lesen und Schreiben Mädchen hierzulande schon sehr lange beigebracht, die allgemeine Schulpflicht wurde z.B. in Preußen 1763 eingeführt. (Warum hat der Alte Fritz bloß das Privileg des Lesen- und Schreibenkönnens abgegeben?)

    Bitte die Kirche im Dorf lassen. Es wird sonst mehr als unglaubwürdig.

    Ich wage zu bezweifeln, dass man zu einer treffenden Analyse des Problems gelangen kann, wenn man Frauen nur als Opfer wahrnimmt.

  7. @Paula:

    Ich roll das Feld mal von hinten auf, da Arties Brief einer längeren Antwort bedarf.

    Wird es diese längere Antwort an Artie noch geben? Würde mich sehr interessieren.

  8. Ja, würde mich auch interessieren.

    Die längere Antwort braucht lange. Kommt da noch was?

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