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Genderblog

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Erving Goffman)

 

Eine klare und deutliche „Antwort“
Alice Schwarzer neues Buch

 Anja William   4. Dezember 2007
 Bücher, Buchrezensionen, Feminismus

Alice Schwarzer: Die Antwort. Kiepenheuer & Witsch: Köln 2007. 16,90 Euro. ISBN-13: 978-3462037739

Eine Frau, die ich durch ein feministisches Internetforum kennengelernt habe, schrieb einmal:

Wenn es Alice Schwarzer nicht gäbe, müsste man sie erfinden.

Diese Aussage wird durch Die Antwort nur bestätigt.

Was ich schon immer an Alice Schwarzer bewundert habe ist, daß sie eine Vorliebe für Direktheit und klare Worte hat, ohne dieses „typisch weibliche“ Harmoniegefasel auskommt und sich auch von den unfairsten persönlichen Angriffen nicht entmutigen lässt.

Diesen Weg geht sie in ihrem neuen Buch weiter.

Die Kapitelüberschriften sind Klischees, die sie souverän zu widerlegen weiß. Wie z.B. „Frauen sind von Natur aus anders“. Denn nicht nur außerhalb des Feminismus treibt dumpfer Biologismus sein Unwesen, nein, auch innerhalb:

Die so genannten Differenzialistinnen priesen das Emotionale, Mystische, Friedliche des Ewig Weiblichen – und verbuchten Ratio und Destruktion als „typisch männlich“. Sie schrieben „mit dem Körper“. zelebrierten die „neue Innerlichkeit“ (von Spöttern auch „neue Weinerlichkeit“ genannt) und drifteten zu weiten Teilen ins Esoterische ab.

Die „Andersartigkeit“, die sich die Patriarchen einst zur Bemäntelung ihrer These von der weiblichen Minderwertigkeit hatten einfallen lassen, wurden also nun von Frauen selbst reklamiert- und das auch noch im Namen des Feminismus (S.38)

Wie ich selbst vor einiger Zeit in einem Forum erleben durfte, sind diese Differenz„feministinnen“ auch heute noch aktiv. Aber sie konterkarieren sich wunderbar selbst: kommt man ihnen nämlich mit Fakten, die ihrem Weltbild widersprechen, sind sie plötzlich gar nicht mehr friedlich im Sinne des „Ewig Weiblichen“…

Natürlich gibt und gab es da auch die Anti-FeministInnen. Genannt seien hier Esther Vilar („[Sie] tönte damals [1975 in einer Fernsehdebatte mit Schwarzer]: „Wie ist es nur möglich, dass die Männer nicht bemerken, dass an den Frauen außer zwei Brüsten und ein paar Lochkarten mit dummen stereotypen Redensarten nichts, aber auch wirklich nichts ist.“ Zu der Zeit waren Männer sich für so platte Töne schon längst zu schade, dafür hatten – und haben – sie ihre „Anti-Feministinnen vom Dienst“) und Louanne Brizendine mit ihrem Machwerk Das weibliche Gehirn. Warum Frauen anders sind als Männer:

Brizendine erklärt, laut Klappentext, „endlich, warum Frauen sind, wie sie sind“. Der Grund: der weibliche „Liebestrieb“ und die Hormone, die unser weibliches Gehirn „fluten“ und „steuern“.[...] „Sie phantasiert“, kommentiert die Neurologin Melissa Hines von der University of Cambridge knapp[.] (S.40)

Interessant auch folgendes zum Mythos vaginaler Orgasmus, dem selbst heute noch so einige „echte Kerle“ anhängen: Schon 1973 schrieb die amerikanische Sexualwissenschaftlerin Mary Jane Sherfey: „Es gibt keinen von einem klitoridalen unterschiedlichen vaginalen Orgasmus. Das Wesen des Orgasmus bleibt dasselbe, unabhängig von der erogenen Zone, deren Reizung ihn verursacht hat“. Schwarzer dazu im Bezug auf die Sozialisation der menschlichen Sexualität:

Dennoch begründet der Mythos des vaginalen Orgasmus die Vorrangigkeit der Heterosexualität. Dabei ist die Penetration zwar für das Zeugen von Kindern unerlässlich, für das Zeugen von Lust jedoch eher hinderlich. Allerdings: Auch hier geht Kultur vor Natur. [...] Und auch in der Sexualität gilt: Anerzogenes wiegt schwerer als Angeborenes bzw. durchdringt sich wechselseitig. (S.45)

1979 wurde Alice Schwarzer als „Rassistin“ beschimpft und die Redaktionsräume der Emma verwüstet. Der Grund: Sie übte offen Kritik an der Politisierung des Islams. Leider sollte sie Recht behalten, wie man am Frankfurter Justizskandal Anfang des Jahres sehen konnte.

Darum geht es im Kapitel „Im Namen des Propheten“, wo Schwarzer auch wieder auf das Thema „Frauen sind von Natur aus anders“ zu sprechen kommt:

Die Parallelen zum Biologismus sind unübersehbar. Der einzige Unterschied ist der, dass die Islamisten „die Frau“ als Bedrohung wegsperren, die Biologisten sie jedoch als ihre „andere Hälfte“ an sich ketten wollen. [...] Die harte und softe Variante laufen allerdings letztendlich auf eins hinaus: Immer geht es um die Unterordnung der Frauen.

Auch das wichtige Thema „falsche Toleranz“ wird angesprochen: Gerade die linke Szene vergaß und vergisst „im Namen der Toleranz“ ja immer wieder einmal gern, daß sich Menschenrechte nicht nur auf Männerrechte beschränken. Doch mittlerweile gibt es glücklicherweise auch Aufklärerinnen aus dem muslimischen Kulturkreis: Schwarzer nennt hier Ayaan Hirsi Ali, Necla Kelek und Seyran Ates.

Auch in den übrigen Kapiteln wie „Abtreibung ist Mord“, „Das Kind braucht die Mutter“ und „Prostitution wird es immer geben“ vermag sie durch Fakten und klare Worte zu überzeugen. Zum Kapitel „Porrnographie ist geil“ möchte ich auf die aktuelle PorNo!-Kampagne verweisen, die in der Emma September/Oktober 2007 gestartet wurde.

Und was entgegnet Alice Schwarzer schließlich dem Klischee „Die Frauen sollten nicht zu weit gehen“?

Ganz im Gegenteil, wir Frauen können gar nicht weit genug gehen, meine ich- denn schließlich kommen wir von sehr seit her.

Aber:

Was auf jeden Fall nicht geht, ist: Jammern und Vorwürfe machen. Warum sollten die Männer ihre über Jahrtausende liebgewordenen Privilegien freiwillig abgeben? Das haben Privilegierte noch nie in der Geschichte getan. Ihre Vorteile auf Kosten von Frauen müssen den Männern abgerungen werden – was nur geht, indem Frauen die Machtfrage stellen. Und genau davor haben sie Angst. Weil Frauen sich die offene Konfrontation bisher kaum erlauben konnten, dazu waren sie viel zu abhängig. Denn wer die Machtfrage stellt, muss auch stark genug sein, gegebenenfalls die Konsequenzen zu ziehen.

Diejenigen Männer, für die es sich lohnt, das durchzustehen, werden das letztendlich zu schätzen wissen. Und sie werden den Frauen dafür Respekt entgegenbringen – was Liebe nicht ausschließt, im Gegenteil. Diejenigen, für die es sich nicht lohnt, um die ist es nicht schade. Denn erstmals in unserer Geschichte sind Frauen objektiv keine relativen Wesen mehr. Sie können auch ohne Mann existieren.

Respekt an Frau Schwarzer für dieses Buch!

Das Schlußwort lasse ich J.K.; sie ist Userin einer StudentInnen-Plattform, in der Alice Schwarzer vor einiger Zeit ihr Buch vorgestellt hat, und ihren Worten ist nichts hinzuzufügen:

Meine Antwort auf “Die Antwort”: GRANDIOS! Wie oft saß ich hier und hab vor mich hin geredet “YES, Amen Schwester!”? [...] Danke für dieses Buch, eine Erweiterung des Horizontes für jeden Mann und so einige Frauen.

 
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