Prostitution: Rebellion gegen das Patriarchat?
Juliana J. [Name auf eigenen Wunsch gekürzt] macht in einem Interview mit der taz deutlich, daß Prostitution ein komplexeres Phänomen ist, als gemeinhin eingestanden wird (auch wenn sie sicher nichts verharmlosen will: Es gibt Prostituierte, die Opfer sind. Psychisch Kranke, Drogenkranke. Es gibt schreckliche Schicksale von Zwangsprostituierten.
). Und nebenbei fragt sie nach der Position von Prostitution und Bordell in einer patriarchalen Ordnung:
Das Bordell wäre nach ihrer Darstellung vor allem eine soziale Institution. Ist nicht das eher ein patriarchaler Mythos?
Bordelle sind Orte, an denen zwei mündige Erwachsene Geld gegen Sex austauschen. Das wird von Feministinnen wie Alice Schwarzer geleugnet. Sie vertritt einen Oberschichten-Feminismus. Darin wirkt die verordnete Keuschheit der bürgerlichen Frau aus vergangenen Jahrhunderten nach. Unehelicher Sex machte aus ihr eine “gefallene Frau”. In den unteren Schichten dagegen war Prostitution ein legitimes Mittel zu überleben und Prostituierte waren sozial eingebunden. Wenn Schwarzer nun eine Soziologin zitiert, die Prostituierte als “sozial tote Frauen” und Freier entsprechend als “Nekrophile” bezeichnet, reproduziert sie diesen Oberschichten-Blick. Dass Frauen für Sex Geld nehmen, ist eher eine Rebellion gegen das Patriarchat, das Männer ja uneingeschränkten Zugang zu Sex sichern möchte.
(via)
Addendum: Ich habe ein bißchen über da J.s Äußerungen nachgedacht und finde sie wirklich sehr bemerkenswert. Was die “Rebellion gegen das Patriarchat” angeht, habe ich allerdings gewisse Zweifel, da sich das Patriarchat als strukturelle Entität, die grundsätzliche Machtverhältnisse in der Gesellschaft beschreibt, eben nicht ohne weiteres auf die jeweils aktuelle Beziehung zwischen zwei Personen reduzieren oder auch nur eindampfen läßt: So einfach funktioniert das dann auch nicht. Denn natürlich sind die Beziehungen zwischen Freiern und Prostituierten in der Tat komplizierter, weil beide ihrerseits in komplexe Machtverhältnisse eingebunden sind.
Auch kann man es wohl kaum als empowerment lesen, wenn eine zur Prostitution gezwungene Frau Geld für Sex annimmt.
Das Genderblog bei Facebook
Das Genderblog bei Twitter
Nach ihrer Erwähnung im Stern-Bericht zu Wikipedia vom 6.12.07:
“Doch die Online-Bibliothek hat auch Experten für leichtere Themen. Juliana [J.] zum Beispiel. Die 31 Jahre alte Wahlberlinerin arbeitete als Prostituierte bei einem Escort-Service und in einem Bordell. In Wikipedia schreibt sie jetzt über Themen wie Sexualität, Fetischismus und Feminismus. Vor drei Jahren stieß sie beim Internetsurfen auf den Artikel über Prostitution. “Da standen lauter Klischees drin”, sagt [J.]. Weil sie gerade Zeit hatte, begann sie, den Beitrag zu verbessern. Und blieb bei Wikipedia. Inzwischen schreibt sie auch gern über Filmund Fernsehthemen, über U-Boote, über “Schlachtfest”, Abortfetischismus und den Schiffsbohrwurm. Die gebürtige Münchnerin ist längst nicht die einzige Sexspezialistin bei Wikipedia, aber eine der wenigen, die unter ihrem echten Namen auftritt.”
mit einem freizügigen halbseitigem Bild
ist sie nun auch in der BZ Ich bin bei Wikipedia für Sex zuständig zu finden.