Es darf gebissen werden
In „30 Days of Night“ wird der Blutrausch zelebriert

Der Vampir und seine etwas seltenere weibliche Form, die Vampirin, haben in ihrer persönlichen Filmgeschichte schon so manche Wandlung erfahren. Nicht zuletzt machte diese Gattung blutsaugender Schreckenswesen sich einen Namen als erotisch aufgeladene Wesen, bevor sie (z.B. in Blade oder dem eher uneinheitlichen Van Helsing) vollends zu leeren Chiffren in einem popkulturellen Verweissystem gerieten – wobei das gelegentlich sehr vergnüglich werden konnte.
Aber wie im gesamten Horrorgenre nimmt auch der Vampirfilm nun anscheinend den Weg von der postmodernen Beliebigkeit in eine neu(wieder?)gefundene Härte und Ernsthaftigkeit. So gibt es statt der Slasher-Filme der selbstironischen Scream-Reihe nun eben ein ernsthaftes (und brutales) Halloween-Remake, und der Backwood-Horror kommt etwa in Wolf Creek zu neuer Blüte, während das Subgenre des sogenannten (und hochgradig problematischen) Torture Porn erst in den letzten Jahren (vor allem mit Hostel) in den Mainstream gefunden hat.
Und der Vampirfilm hat jetzt eben – ein paar andere Beispiele gäbe es wohl auch noch – 30 Days of Night. Eine Gruppe Vampire fällt hier über eine Kleinstadt in Alaska her, die so weit nördlich liegt, daß im Winter einen Monat lang Dunkelheit herrscht. Perfektes Vampirwetter, auch wenn’s recht kühl ist, was die Untoten allerdings nicht dazu bringt, wärmere Kleidung anzulegen. Für die Menschen geht es nur noch um’s Überleben, nachdem sich rasch herausstellt, daß sie den Vampiren an Stärke schlicht nicht gewachsen sind.
Das irritierende an David Slades Film (entstanden nach einem Comic von David Niles) ist, daß die Vampire der meisten ihrer Bedeutungsebenen und karikierenden Elemente verloren haben – und mit ihnen auch alles, was sie in irgend einer Weise als geschlechtliche Wesen deutet. Von Roman Polanskis schwulem Vampir im großartigen Tanz der Vampire bis hin zu den androgyn-femininen Adeligen in Underworld, die noch dazu einer als äußerst männlich inszenierten Gruppe Werwölfe gegenübergestellt wurden, haben die Vampire oft ein ätherisches Wesen verpaßt bekommen. Nichts davon in 30 Days of Night: Zwar gibt es vage Andeutungen von Heterosexualität zwischen dem Obervampir und einer Gefährtin, die Vampire wirken aber durchweg asexuell und geschlechtslos: Vor allem aneinander und am Leben desinteressiert.
Das ist vor allem dadurch verstörend, da die Assoziation des Blutsaugens (Austausch von Körperflüssigkeit! Körperliche Intimität!) mit Sexualität schon ein solcher Gemeinplatz geworden ist, daß man kaum darauf hinweisen mag. Im “gewöhnlichen” Vampirfilm lassen sich auch immer noch Beziehungen zwischen den Vampiren und eine gewisses Mitgefühl der Untoten für ihre Opfer finden.

30 Days of Night hingegen weist eine Grimmigkeit und Ernsthaftigkeit auf, die eben all diese kulturellen Spielchen hinter sich läßt: Vampire sind Böse, sie wollen töten und Blut trinken. Das tun sie mit Wucht, viel Körperkraft und sehr vielen spitzen Zähnen. Das Blut läuft in Strömen, und peinlich wird darauf geachtet, daß sich die Gebissenen nicht verwandeln: Man trennt ihnen die Köpfe ab. Kinder und Frauen kommen zwar nicht zuerst, aber irgendwann auch an die Reihe: Diese Vampire sind equal opportunities-Monster.
Dieser Haltung der Vampire gemäß hält sich auch der Film nicht lange mit Mätzchen auf – nach 15 Minuten gibt es den ersten Toten, das Blut läuft in Großaufnahme, und der nächste Schnitt zeigt groß die Leuchtreklame “Diner”. Bon appetit!
Natürlich verzichtet auch dieser Film nicht auf klassische Muster: Auch diese Vampire, so wenig Kreuze und Knoblauch sie jucken mögen, sind gegen Sonnenlicht allergisch, auch sie haben ihren Renfield, einen menschlichen Kundschafter, der seinen untoten Herren dienen will, nur Käfer frißt er nicht. Auch ist das Szenario der von von der Außenwelt abgeschnittenen Gruppe keineswegs originell. Dennoch kann 30 Days of Night über weite Strecken überzeugen – nur geht ihm irgendwann die Luft aus.
Die Geschichte läßt sich nämlich nicht mehr vernünftig über die 30 Tage des Titels hinweg erzählen, nachdem die Vampire in den anscheinend ersten Stunden der Dunkelheit schon ein Gutteil der vorher eingeführten Personen (also mehr die gefühlte Mehr-als-Hälfte der Bevölkerung) umgebracht haben. So sieht man die Überlebenden ein Haus betreten, in dem sie sich verbarrikadieren wollen, ein eingeblendeter Untertitel verkündet, es seien zehn Tage vergangen, die Gruppe sitzt aber nach wie vor da, als seien sie eben hereinspaziert.
Die Unwucht, die der Film dadurch entwickelt, der natürlich ein dramatisches Ende zu Sonnenaufgang braucht, kann er in der zweiten Hälfte nicht mehr einfangen; er schlingert so dahin.
30 Days of Night; USA, Neuseeland 2007; Regie: David Slade; Drehbuch: Steve Niles, Stuart Beattie, Brian Nelson; Produktion: Sam Raimi, Robert Tapert, Chloe Smith; Mit Josh Hartnett, Melissa George, Danny Huston, Ben Foster, Mark Rendall, Manu Bennett, Megan Franich; 113 Minuten
Verleih/Fotos: Concorde Film – Läuft seit 8. November 2007.
Das Genderblog bei Facebook
Das Genderblog bei Twitter
gute idee. schüre das feuer in meinem hirn!
Hört sich so an, als würde dem Film all das fehlen, was an einem Vampirfilm potentiell interessant ist. Da stellt sich tatsächlich die Frage, warum hier das Vampirgenre überhaupt gewählt wurde.
Vampire als “”equal opportunities-Monster”, sind ein ungefähr so langweiliger Aufhänger für einen reinen Action-Horror-Film, wie wie ein weißer Hai oder eine Invasion vom Weltraumkäfern.