“Ein Bewußtsein schaffen für die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern”
Der Film Trade – Willkommen in Amerika startet am 18. Oktober in Deutschland
25.01.2004: Im New York Times Magazine erscheint “The Girls Next Door”, ein Artikel von Peter Landesman zum Thema Sex-Trafficking in den Vereinigten Staaten. Der Artikel schlägt hohe Wellen in den USA.
13.10.2007: In einem Kinocenter irgendwo in Süddeutschland. Vorpremiere des Films Trade – Willkommen in Amerika. Der Kinosaal ist voll, nicht zuletzt weil der junge deutsche Regisseur Marco Kreuzpaintner und die eine Hälfte des ProduzentInnnen-Duos, Rosilyn Heller, sich nach dem Film den Fragen des Publikums stellen werden. (Der zweite Produzent ist übrigens Roland Emmerich.)
19 Uhr, der Film beginnt: Die 13jährige Adriana (Paulina Gaitan) wird in Mexico City auf offener Straße von einem Menschenhändlerring entführt und in die USA verschleppt. Die junge Polin Veronica (Alicja Bachleda) ist ebenfalls unter den Verschleppten, und sie versucht, Adriana so gut es geht zu beschützen. Währenddessen begibt sich Adrianas 17jähriger Bruder Jorge (Cesar Ramos) von Mexico aus auf die Suche nach ihr und begegnet dabei dem texanischen Versicherungspolizisten Ray (Kevin Kline), der ihm schließlich bei der Suche nach Adriana in den USA hilft. Und diese Suche hat ein furchtbares Ergebnis: Adriana soll im Internet versteigert werden …
Nach dem Film: gespannte Stille im Saal. Ein Zuschauer wird es später so ausdrücken:
Trade hat mich sehr bewegt. Prinzipiell kennt man das Thema ja, man weiß, daß es so etwas gibt, aber man beschäftigt sich nicht damit. Man blendet es aus, bleibt in einer gewissen bewußten Distanz dazu. Diese Distanz verhindert der Film.
Nach dem Abspann betreten Marco Kreuzpaintner und Rosilyn Heller den Saal. Nach und nach werden immer mehr Fragen gestellt, und die beiden geben bereitwillig und eloquent die Antworten darauf. Hier eine Zusammenfassung der Antworten zum Thema des Films:
Kreuzpaintners oberstes Prinzip war, die Opfer nicht ein zweites Mal zu vergewaltigen, nur zur “Aufgeilung” des Publikums. Deshalb gibt es im ganzen Film nicht einmal den Ansatz einer weiblichen Brust zu sehen. Er, der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten übrigens erst 28 Jahre alt war, wollte seine Frauenfiguren nicht als Opfer darstellen, sondern als Frauen, die kämpfen, die sagen “Ihr habt kein Recht, uns zu brechen!” Das ist ihm auch hervorragend gelungen, allerdings in realistischer Weise: letztlich werden die Opfer durch die Gewalt der Menschenhändler gebrochen. Deshalb hat der Film natürlich auch kein Happy End im eigentlichen Sinne.
Wie schon zu erwarten nach der Medien-Diskussion über Landesmans Artikel, der den Anstoß zu diesem Film gab, schlägt auch der Film Trade – Willkommen in Amerika hohe Wellen in den USA. Teilweise, so Kreuzpaintner, erinnere die Diskussion mit Trade-Kritikern in den USA an die Diskussion mit einem pubertierenden Kind; ganz nach dem Motto: “Der hat gesagt, ich habe einen Pickel im Gesicht. Ich habe zwar einen Pickel im Gesicht, aber darum geht es ja gar nicht. Es geht darum, daß der andere mich nicht mag.” Aber der Regisseur mag Reibung und findet es verständlicherweise gut, daß so viel über seinen ersten Hollywood-Film diskutiert wird.
Und ein erster, kleiner Schritt auf das Ziel zu, das dieser Film erreichen will, ist bereits getan in den USA: Bislang gab es in keinem Staat der USA ein Gesetz gegen Menschenhandel. Nachdem aber Michael Bloomberg, der Bürgermeister von New York City, zusammen mit anderen New Yorker PolitikerInnen Trade gesehen hatte, ergriff er sofort die Initiative. Nun gibt es zumindest im Staate New York ein Gesetz gegen Menschenhandel.
Auch Rosilyn Heller nahm lebhaft an der Diskussion teil: Bei jeder ihrer Äußerungen wurde klar, daß sie mit Leib und Seele Feministin ist und auch nach vielen Jahren im Filmgeschäft (sie war ihrerzeit die erste Studiochefin eines Hollywood-Filmstudios!) ihre Energie für wichtige Themen nicht verloren hat.
Nach der Publikumsdiskussion bestand die Möglichkeit zu einem kurzen persönlichen Gespräch interessierter ZuschauerInnen mit dem Regisseur und der Produzentin. Auch in unserem persönlichen Gespräch bestätigte sich mein Eindruck aus der Diskussion: Kreuzpaintner ist ein sympathischer junger Regisseur, der trotz der Arbeit mit Stars wie Kevin Kline und Roland Emmerich die Bodenhaftung nicht verloren hat.
Auf meine Frage, ob er vorhabe, weitere Filme zum Thema (sexuelle) Ausbeutung von Frauen und Kindern zu drehen, sagte er, “prinzipiell ja”. Aber man könne auch in Filmen, die sich nicht explizit mit diesem Thema beschäftigen, dennoch die Ausbeutung von Frauen darstellen, z.B. in Beziehungskonstellationen. Er wolle ein Bewußtsein für dieses Thema schaffen.
Und das ist ihm mit diesem Film in großartiger und erschütternder Art und Weise gelungen, weshalb ich diesem Film viele ZuschauerInnen wünsche!
Links
- Die offizielle deutsche Homepage bietet viele zusätzliche Informationen u.a. zu den Organisationen, die den Film unterstützen.
- Zu den Organisationen, die den Film unterstützen, gehört neben u.a. unicef und amnesty international auch die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes. Auf ihrer Homepage finden sich auch Informationen, die in der Publikumsdiskussion mit Heller und Kreuzpaintner ebenfalls zur Sprache kamen:
Der Menschenhandel bringt den Drahtziehern Milliardengewinne und ist damit ähnlich lukrativ wie der Handel mit Waffen und Drogen. Die ILO (International Labour Organisation) beziffert die Profite mit mindestens 32 Milliarden Dollar jährlich. Schätzungsweise 1,8 Millionen Kinder arbeiten im Sexgewerbe (Zwangsprostitution und Pornografie).
- Und nicht zu vergessen: Menschenhandel ist ein globales Verbrechen. Informationen zur Lage in Deutschland gibt es im Bundeslagebild Menschenhandel 2006; die pressefreie Kurzfassung dieses Dokumentes (PDF) kann beim BKA heruntergeladen werden.

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