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Genderblog

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Erving Goffman)

 

Was ich schon immer über Homos wissen wollte…
Gebrauchsanleitung, Reiseführer ans andere Ufer oder Coming-Out-Lesebuch?

 Ilka Borchardt   30. Mai 2007
 Bücher, Buchrezensionen, Queer

Ariane und Björn Grundies: Anderes Ufer, andere Sitten. Eine Gebrauchsanleitung. Deuticke im Zsolnay-Verlag: Wien 2007. 15,90 Euro. ISBN-13: 978-3-552-06050-0

Als ich kürzlich sonntagabends bei einem Küchengespräch von diesem Buch erzählte und einige Stellen daraus zum Besten gab, blieben meine Gesprächspartnerinnen schon beim Untertitel hängen. „Gebrauchsanleitung – für wen? Wer soll denn hier was gebrauchen?“ Der Klappentext beantwortet diese Fragen damit, dass drei Viertel aller Deutschen Kontakt zu Homosexuellenfehle. Er formuliert das Ansinnen des Buches als „Nachhilfeunterricht für Heteros – und wie man lernt, zu dem zu stehen, was man ist.“ Also, Gebrauchsanleitung der Sitten am anderen Ufer für Menschen an diesem und am anderen Ufer?

Ohne mich allzu sehr in den Assoziationen des Begriffes „Gebrauchsanleitung“ oder in semantischen Feinheiten zu verlieren, sollte ich wohl wenigstens versuchen, Fragen der Zielgruppe/n und des möglichen Anspruchs anzusprechen. Aber, um es vorwegzunehmen – ich kann mich immer noch nicht entscheiden, wem ich das Buch empfehlen würde und wem nicht, egal, welche Zielgruppe ich mir vorstelle – ob Heteros, frisch geoutete oder kurz vor einem Coming out stehende potenzielle Homos, Ex-Homos, Angehörige, FreundInnen, SzenegängerInnen oder ihre KritikerInnen usw. Denn ich kann nicht einmal entscheiden, an wen sich diese Gebrauchsanleitung nun wendet und ob diese Zielgruppen tatsächlich angesprochen werden.

Was ich aber eindeutig sagen kann: bewundernswert ist, wie treffend und umfassend die Autorin und der Autor die riesige Spannbreite von Vorurteilen, Klischees und Ängsten, die mit Homosexualität verbunden ist, umreißen und Uneingeweihten auf entspannte Weise verständlich machen. Ich fand nur wenige Themen, mit denen ich mich nicht aus eigener Erfahrung schon selbst hatte beschäftigen müssen oder die mir durch Erzählungen von FreundInnen begegnet waren. Das alles, auch verletzende, homophobe Stereotype und szeneweit bekannte Stilblüten, lebensnah und humorvoll aufzugreifen verlangt Einiges an Selbstironie, liebevoll-kritischer Beobachtung und Verständnis sowohl für Ängste als auch für das Bedürfnis nach Abgrenzung. Es ist erst recht dann kein leichtes Unterfangen, wenn man vom „eigenen Ufer“ nicht als Nestbeschmutzer beschimpft werden will. Was Ariane und Björn Grundies meines Erachtens gelungen ist.

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Wie sieht nun also diese Gebrauchsanleitung aus? Zunächst einmal fallen Design und Layout auf: Der Einband irritiert das Auge mit seiner Farbgebung von orangefarbener Schrift auf helltürkisem Untergrund. Gleichzeitig erlaubt er Kundigen die eindeutige Interpretation der comicartigen Umschlagsillustration. Diese Irritation wird das ganze Buch hindurch konsequent aufrechterhalten.

Das Lesen bei schlechten Beleuchtungsverhältnissen ist wegen der Farbgebung der Überschriften etwas anstrengend, und in der S-Bahn oder anderen öffentlichen Verkehrsmitteln sollte man/frau sich darauf einstellen, dass die zuweilen eindeutigen Illustrationen sowohl geneigte als auch ablehnende MitleserInnen motivieren können. Die in allen möglichen Schattierungen zwischen weiß, orange, braun und schwarz gehaltenen Beiträge des Illustrators Daniel Müller veranschaulichen nicht nur, sondern lenken lesendes Auge und Geist zur liebevoll-ironischen Interpretation der oftmals ernstklingenden Aussagen.

Auch der Inhalt vollzieht einen anhaltenden Balanceakt zwischen dem Bemühen, Irritationen im Umgang mit Homos aufzulösen und konkrete „Bewältigungsstrategien“ zu bieten, und der Strategie, eben jene Irritationen zu „normalisieren“, indem man den umgekehrten Weg geht und deutlich macht, dass auch das angeblich „Normale“ der Hetero-Welt nur deshalb als „normal“ gilt, weil es als „normal“ interpretiert wird.

Die genannten Irritationen will das Buch auflösen, indem es augenzwinkernd unterschiedliche Typen von Lesben und Schwulen anbietet, was sich nicht nur am Äußeren festmacht. Es ist durchaus unterhaltsam, den einzelnen Beschreibungen reale Vorbilder zuzuordnen – was mir leider nicht immer gelungen ist.

Nach einem Exkurs u.a. in Geschichte, tierische, wissenschaftliche, politische, familiäre, biblische und kulturspezifische homosexuelle Gefilde folgen die „Top Ten Fragen eines Heteros“. Die Antworten darauf können als die (Gegen-)Strategie der Normalisierung verstanden werden: unterhaltsam wie ernsthaft-ehrlich wird auf Vorurteile und Ängste reagiert, wie die Fragen nach dem legendären Männerhass von Lesben, der Heilbarkeit von und der „Schuld“ an Homosexualität, der Rollenverteilung in gleichgeschlechtlichen Paaren, dem Erkennen der eigenen sexuellen Identität usw.. Wie es sich für eine Gebrauchsanleitung gehört, werden zu guter Letzt Übersetzungsmöglichkeiten („Was wir meinen, wenn wir sagen…“, „Vokabular“) und Verhaltensregeln in erwartet humorvoller, ehrlicher und durchaus ernst zu nehmender Manier geboten.

Bei der Lektüre war ich immer wieder hin und her gerissen zwischen dem lobenden „Ich wünschte, ich könnte auch so eindeutig und prägnant schreiben“, einem ängstlichen „Das ist mir aber zu platt, das kann zu leicht ins Gegenteil umgekehrt werden“, dem fragenden „An wen wenden die sich bloß?!“ und dem leicht irritierten „Wozu das alles? Das kennt man/frau doch!“

Wie es scheint, ist die Frage der Zielgruppe nicht ganz unwichtig. Denn daran hängen zumindest die Antworten auf die Fragen nach dem „Wozu“ und „Wofür kann es verwendet werden“. Richtet sich das Buch an Heteros? Dafür sprächen nicht nur der Stil des Buches in Anrede („lieber Hetero und liebe Hetera“), Argumenten (für Natürlichkeit und Verbreitung von Homosexualität) und nicht zuletzt mit den „Ausreden für Homophobe“. Oder ist es ein weiteres Coming-Out-Lesebuch? Ein Reiseführer durch die schillernde Homowelt für Neulinge, Unentschlossene und andere interessierte Uneingeweihte? Dafür sprächen u.a. die gesammelten Informationen zum Internet und bundesweiten Ansprechpartnern.

Wie schon eingangs angedeutet – ich kann diese Fragen nicht beantworten, sondern nur empfehlen, sich selbst eine Meinung zu bilden. Vielleicht ist ja auch diese Irritation beabsichtigt?

 
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4 Kommentare

(RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel)

  1. Das kannte ich noch gar nicht. Ich denke, ich werde es auch mal lesen, klingt amüsant. Die Vorurteile werden ja oft genug deutlich.

  2. Danke für die Rezension! Das Buch werde ich auf jeden Fall lesen.

  3. Glingd interessant das Buch, aber andererseits brauche ich das wirklich?
    Massimo

  4. Habe das rezensierte Buch nicht gelesen und kann daher zum Inhalt nichts sagen. Aufgefallen ist mir jedoch bei einem Interview mit den beiden AutorInnen, dass sie sehr der Dichotomie Homo/Hetero Mann/Frau folgen und andere sich als queer identifizierende Personen nicht mit einbeziehen.
    Nicht sehr ansprechend finde ich darüber hinaus den Titel des Buches, dem es aus meiner Perspektive nicht gelingt, mit der Metapher des “anderen Ufers” zu spielen bzw. herausfordernd ironisch umzugehen. Vielmehr manifestiert er die Idee des “ganz anderen, weit entfernten homosexuellen Lebens” und damit Heterosexualität als das Normale.
    Vor diesem Hintergrund halte ich die Frage nach der Adressatengruppe, die die Rezensentin aufwirft, für sehr berechtigt und wichtig – und zähle mich selbst zunächst so gar nicht zu den Personen, die von einer Lektüre profitieren würden.

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