Mitten in der Liebeskatastrophe
Iris Radisch versucht sich an einer Neuerfindung der Familie
Die Klagen nehmen kein Ende: Wir bekommen keine Kinder mehr, das System Familie kollabiert. Aber ist das wirklich schlimm? Die Antwort lautet: Nein! Der alten Heldenfamilie müssen wir keine Träne nachweinen, der Mutti-kocht-Vati-arbeitet-Ehe sicher auch nicht.
Die Gebärkampagnen der letzten Monate sind Propaganda. [...] [Sie] erzählen viel über männliche Planspiele und wenig über weibliche Wirklichkeit.
Dieser Klappentext hat mich neugierig gemacht und nach dem Eva-Prinzip, das ich mir damals zum Glück nur ausgeliehen hatte und auch nur mit Mühe zu Ende gelesen habe (immerhin habe ich diesem Machwerk die Einsicht zu verdanken, nie wieder Zeit mit „Werken“ von Eva Herman zu verschwenden), war Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden von Iris Radisch fast durchwegs eine intelligente Lese-Reise.
Iris Radisch (Jahrgang 1959, u.a. Literaturredakteurin bei der Zeit, Mutter von drei Töchtern) hat zu vielen Aspekten der leidigen „Hausweibchen“-Debatte etwas Intelligentes beizutragen, ob es nun der „alte neue Biologismus“ ist („Er verwechselt biologisches und soziales Leben, er ist reaktionär, rückwärtsgewandt und ohne jede Grundlage“), „Evchen-Phantasien“ („Das Vorstadt-Paradies [im Textzusammenhang ironisch, fast zynisch zu verstehen] des jagenden Adam und der staubsaugenden Eva ist bald für immer geschlossen“) oder „ideologisches Kettenrasseln“ („Von der Nivellierung natürlicher Geschlechtsunterschiede, vom Verlust erotischer Spannung und archaischer Geschlechtlichkeit hört man die gekränkten Schreibtischhelden schon rufen. Aber es wird ihnen nichts nützen. Die Erotik wird überleben, selbst am männlich besetzten Wickeltisch“).
In 8 Kapiteln (angefangen bei der „Heldendämmerung“ über „Die Welt ohne Kinder“ bis hin zu „Der Mann als Vater“ und „Die Frau als Mutter und das Märchen von der Vereinbarkeit“) berichtet Iris Radisch sowohl von persönlichen Erfahrungen als auch von ihren soziologischen Beobachtungen:
Ob wir wirklich eine Kinderkatastrophe haben oder auf eine solche zusteuern – wir werden sehen. Was wir aber heute schon haben, und was die Vorhut der drohenden Kinderkatastrophe ausmacht, ist eine Liebeskatastrophe. Das hat viele Gründe, aber vor allem einen: Das völlige Fehlen von Vorbildern gelingender Liebe in modernen Lebensverhältnissen.
Mit „modern“ meint Radisch hier gleichberechtigte Partnerschaften. Also taugen weder ein „Fußballkönig“ noch Politiker (wie z.B. Schröder und Lafontaine) mit ihren treu ergebenen, wesentlich jüngeren Weibchen als Vorbilder.
Köstlich ihr Seitenhieb auf eine gewisse „Autorin“: „Die Tür zum Paradies der stabilen, patriarchalischen Familie, das ohnehin für uns Frauen keines war, ist lange geschlossen und läßt sich mit noch so vielem blonden Engelsgesang nicht mehr öffnen. Der Weg geht nur nach vorne.“ Glücklicherweise!
Radisch entlarvt das Schlagwort „natürliche Mütterlichkeit“ als das, was es ist – ein Märchen: „Mütterlichkeit ist genauso wie Väterlichkeit keine selbstverständliche, sondern eine erst zu entwickelnde [...] Eigenschaft.“ Und da bisher das Sorgen für Kinder als „typisch weiblich“ galt, müssen in diesem Sinn die Männer eben „weiblich(er)“ werden. Das können sie auch, denn auch Mann kann „Mütterlichkeit“ lernen. „Wir brauchen“, folgert Radisch daraus, „eine neue Weiblichkeit des Mannes.“ Die angeblich heile „Vati-arbeitet-Mutti-kocht“-Welt bezeichnet sie zu Recht als eine „Lebenslüge“: Dies in den Gehörgang aller bekennenden und durchaus auch aggressiven bekennenden Hausweibchen!
Bis hierhin stimme ich ihr rückhaltlos ja zu, nicht aber ihrem folgenden Appell an die Frauen: „Wir sollten uns eine Pause gönnen.“ Hier glaubt Radisch zu sehr an das Gute im (Macho-)Manne. Ich vertrete da lieber das „Emma-Prinzip“ („Jetzt erst recht!“) im Sinne von: Es gibt noch viel zu tun! und verweise auf die neue Kolumne von Lisa Ortgies in der Emma („Sollen wir Euch in die Zukunft treten?“).
Danach bin ich mit Radisch jedoch wieder einer Meinung: „Und nicht wir sind es, die Kinder und Karriere weiterhin fleißig addieren sollten, die Männer müssen es uns gleichtun.“
Ihr Fazit zum Schluß: „Familien brauchen geschenkte Zeit.“ Aber nicht, wie viele Männer (und leider auch einige Frauen!) das gern hätten, nämlich nicht „indem man die Frauen dem Arbeitsprozess teilweise oder ganz und gar entzieht, um sie als lebende Schutzschilder vor dem bedrohten Familienraum aufzustellen“, sondern z.B. durch eine „Zweidrittelstelle für beide [!] Eltern.“ Denn: „Es muss für uns Frauen mehr als die Wahl zwischen lauter Schrecknissen geben. Die Alternativen, vor denen wir im ersten Jahrhundert unserer Befreiung noch immer stehen, uns entweder aus der Welt der Arbeit zurückzuziehen oder uns zwischen Familie und Arbeit bis zur völligen Erschöpfung aufzureiben [...] sind engstirnig und phantasielos, und die Männer, die das von uns erwarten, sind es auch.“
Trotz allem blickt Radisch durchaus positiv in die Zukunft:
Das Zeitalter der doppelten Berufstätigkeit der Eltern lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Die niedrige Erwerbsquote der Frauen wird sich erhöhen, das unsinnige Ehegattensplitting wird genauso der Vergangenheit angehören wie der männliche Haushaltsvorstand, dem die Familienmitglieder wie die Graugänslein überallhin hinterherwatscheln.
„Es ist unabweisbar. Die Familie hat den Übergang ins 21. Jahrhundert noch vor sich.“ Aber: „Die Zerreißprobe, die wir im Augenblick durchleben, wird, wenn wir heute dafür sorgen, für unsere Kinder schon nicht mehr gelten. [...] Wenn wir es wollen, wird es nicht mehr heißen, eins ist zu wenig und beides ist zu viel. Dann gibt es Freiheit. Liebe, Arbeit und Kinder, diese drei, werden sich nicht länger ausschließen. Das wird gar nicht so schwer sein.“
Obwohl das Buch sehr lesenswert ist, möchte ich besonders zwei Dinge kritisieren:
• Radisch behauptet, für Kinder sei „das Ende ihrer Ursprungsfamilie ein lebenslanger Schrecken – egal, wie endlos schrecklich ihren Eltern das Familienleben nach kurzer Erprobungsphase erschienen sein mag.“ Was heißt „kurz“ genau? Soll eine Frau etwa in einer schlimmen Ehe gefangenbleiben, „der Kinder wegen“? Dass Frau bei einem Mann durchaus erst nach einigen Jahren und ein bis zwei Kindern zur Erkenntnis gelangen „darf“, daß mit ihm eben keine gleichberechtigte Partnerschaft möglich ist, sollte gerade Frau Radisch wissen, schaut man sich ihre eigene Biographie an! Außerdem kann ich sowohl aus meiner Erfahrung als Kind als auch aus meiner Erfahrung als Mutter sagen, daß für Kinder oft eben doch ein „Ende mit Schrecken“ besser ist als ein „Schrecken ohne Ende.“
• Mir stellte sich beim Lesen die Frage, warum man überhaupt am „Standardmodell“ Ehe (nach Radischs Definition der biologische Vater, die biologische Mutter und eben das Kind bzw. die Kinder) festhalten sollte. Warum äußert sie sich fast im Vorübergehen so negativ über Patchworkfamilien und homosexuelle Elternpaare und bezeichnet derlei als „Sehnsucht nach Außergewöhnlichem“? Für eine Lesbe mit Kinderwunsch z.B. wäre es eher „außergewöhnlich“, müßte sie den biologischen Vater ihres Kindes auch noch ehelichen!
Trotz dieser Kritikpunkte und obwohl Frau Radisch an einer Stelle „den Feminismus“ als kinderfeindlich darstellt (allerdings bin ich mir bei Frau Radisch sehr sicher, daß sie ganz genau weiß, daß sie ohne „den Feminismus“ weder Literaturredakteurin noch Autorin wäre!), bekommt das Buch von mir eine gute 2. Gerade die Tatsache, dass Radisch im Gegensatz zu Eva Herman keine Patentlösung präsentiert, sondern „nur“ viele Denkanstöße liefert, ohne dogmatisch zu werden, macht das Buch so glaubwürdig. Denn eine Patenlösung, heißt sie nun „Eva-Prinzip“ oder sonstwie, gibt es beim Thema „Familie“ nun mal nicht.

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Interessant – Iris Radisch scheint mir die eine der wenigen satisfaktionsfähigen Autoren in diesem Zusammenhang zu sein. Danke für die Rezension.
Ein paar Bemerkungen -
es wäre ja schön, wenn “die Erotik überlebte” – aber ich denke, daß ist angesichts der statistisch (und individuell) beobachtbaren Realität moderner Partnerschaften ein wenig euphemistisch. Zu hoffen bleibt es.
Man mag ja einen “alten Biologismus” ablehnen, aber eine einseitige Konzentration auf das soziale Geschlecht ist genauso falsch und schädlich. Was zählt, ist die Identifikation der Variablen, die das komplexe Zusammenspiel aus Biologie und Sozialisierung steuern, um dann zumindest zu versuchen, zumindest gesellschaftlich wahre “Freiheit” zu geben. Die fehlende Anerkenntnis dieser Tatsache ist eine der größten Schwachstellen der sozialwissenschaftlichen Genderforschung (und noch mehr politischen Ausbeutung).
Am Rande, das ganze selbstmitleidige “Männer müssen sich ändern” Gerede ist schlicht absurd. Ich habe das am Tag der Frau mal etwas länger ausgeführt. In Stichworten:
Ernsthaft.
Der Kinderwunsch einer Lesbe? Wie tumb-biologistisch.
So ein Mann es bevorzugt für leibliche Kinder zu sorgen bzw. zumindest er Auskunft darüber wünscht, ob das Kind, für das er Unterhalt zahlt, auch das leibliche ist, schlägt ihm hierzulande der gellende Schrei feministischer Entrüstung entgegen. Reaktionär, biologistisch, asozial sei dies und entgegen dem Wohl des Kindes. Die Liebe zur Frau (und IHRER Kinder) habe absolute Priorität. Ansonsten möge er sich trollen. Und schließlich: MEIN BAUCH GEHÖRT MIR!
Symptomatisch-dämliches Ladies-first-denken aus der Mottenkiste.
Die Scheidungsstatistiken machen deutlich: Frauen geben ihr Ja-Wort in den meisten Fällen offenbar völlig gedankenlos. Die Gründe hat uns Tobias genannt. Patchwork unter diesen weiblichen “Prämissen” ist für den Mann alles andere als zufriedenstellend, denn so er den Wunsch hegt leibliche Kinder zu haben bzw. zumindest die Auskunft darüber, ob das Kind usw. usw.
Wichtig sind uns die Kinderwünsche der Lesben.
Gute Nacht.
Der Beitrag (oben) hat mich dazu animiert, mir das Buch von I. Radisch doch zu bestellen. Meine Erfahrung ist nämlich, dass es noch ein himmelweiter Unterschied ist, ob frau, man oder familie z.B. 1 oder 3 Kinder hat. Irgendwann nimmt der Muttistatus mal derart überhand, dass frau sich nur noch wehren kann. Auch wenn die ganzen Kinder und die ganze Arbeit und alles mögliche wie Bürokratie und Scheidung frau dazu gebracht haben, mit 40 auf dem Zahnfleisch zu kriechen. Ohne Hausfrau sein geil zu finden, ich frage mich, wie ich in 2 Jahren, wenn die Finanzreserven aufgebraucht sind und die Jüngste in den Kindergarten geht, einigermaßen äquivalent zum Familieneinkommen beitragen soll, denn den 6-Personen-Haushalt zu managen macht sich auch mit “nur” halbtags beschäftigten Mann nicht von alleine. Unser Haus ist nun mal 250 Jahre alt (Neue gab’s eben nicht mit 200 qm für 17 000 Euro) und ich habe für Erwebsarbeit weder Zeit noch Kraft. Was für ein Glück, dass BiologInnen über 40 mit 4 Kindern sowieso keiner einstellt. Freiberuflich ist es mir überlassen, ob ich zwischen 0 und 2 Uhr akquiriere oder schlafen gehe, falls noch was im Kühlschrank ist. Ggf. soll sich selbst Har(t)z essen lassen! Ist wohl nur nicht ganz gesund.
Das hat alles nichts mit jammern zu tun, sondern einfach damit, dass Familie einen derart festhängt, dass die Frage gar nicht steht was für einen selber in Frage kommt. Was nützen alle Qualifikationen, wenn ich sie mangels Zeit und Gesundheit gar nicht verkaufen kann? Statt dessen raufe ich mir die Haare über den Lateinaufgaben meines Sohnes. Nicht weil ich das muss, ich finde, seine kathastrophalen Leistungen sind seine Sache. Aber ich kratze das Schulgeld zusammen. Ich kann diese Hausaufgaben, dabei hatte ich nie eine Lateinstunde. Wen interessiert das? Wo bin ich hier eigentlich? Sollten die Bengels nicht ein Handwerk lernen und ich z.B. Sprachen und Naturwissenschaften unterrichten, was ich einfach kann – unabhängig von Abschlüssen? Aber nö, ich muss ja Kuchen backen fürs Schulfest, die “Muttis der Klasse 5″ sind verantwortlich. Für 4 Kinder in 4 Institutionen Kuchen backen, das ist Deutschland, einig Muttiland! Und für so eine Schule zahle ich noch Geld! Wo bin ich denn? Ich könnte davonlaufen, so maule ich bloß. Immerhin mit dem Ergebnis, dass keiner mehr Kuchen von mir will. Vielleicht hätte ich einen backen sollen. Auf die Verkostung wäre ich gespannt gewesen!!! Oder soll ich zugeben, dass ich mehr auf Steaks und Bier stehe als auf Kaffee und Kuchen? Und das hat mit (meinem ganz persönlichen) Geschmack, nicht mit Geschlecht zu tun. Herzlichst Ute
Nun, das eine wie das andere kongenialer Mumpitz. Evchens heile Welt Phantasieen und auch dieser Versuch, mit dem ewig gleichen Thema Kohle, sprich Umsatz, sprich Auflage zu machen. Familie funktioniert nicht in der Demontage, zu lange herrsschte die einhellige Meinung : andere Männer braucht das Land. Irrtum. Der andere Umgang MITEINANDER ist es, was den Unterschied macht.
Ich war schon früh der Meinung, dass Sätze wie : mein Bauch gehört mir, oder die Pille dient der sexuellen Befreiung der Frau ( wer außer Alice glaubt das eigentlich noch ) nur die Ratlosigkeit der sogenannten Frauenbewegung dokumentieren. Halleluja, immerhin dürfen nun immerhin menstruierende Panzergrenadiere durchs Unterholt robben und ihre tarnfarbenen OB´s mir Kevlareinlage wechseln. Aber was hat sie denn wirklich gebracht, diese BEwegung ? Gibt es gar die Hausfrauenrente, oder gleichen Lohn für gleiche Arbeit.
Auch hier wieder eine Literaturredakteurin der Zeit ( die nun wieder einmal den üblichen Durchhschnitt der Gesellschaft widerspiegelt, oder doch nicht ???? ).
So langsam wird es wirklich ermüdend, von Weibchen die längst jenseits aller Normalität ihr Cabrio in die Garage steuern erklärt zu bekommen, wie Familie auszusehen hat, oder was gar die Rolle der Frau sei. Solange man so argumentiert, dass es um Rollen geht, solange hat sich eben gar nichts verändert.
Nur eines sollten sich die revolutionären Gebärmütter aller Welt eeinmal durch den Eileiter gehen lassen : die Familie ist stets die Keimzelle der Gesellschaft, und vielleicht sieht diese Gesellschaft derart desaströs aus, weil es eben um die Familie so bestellt ist ???