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Genderblog

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Erving Goffman)

 

Die Domina von St. Pauli
Passen Erotik und Politik einfach nicht zusammen?

 Rochus Wolff   30. März 2007
 Medien, Sexismus

Zugegeben, so richtig clever mag es in politischer Hinsicht nicht gewesen zu sein, sich für die Park Avenue photographieren zu lassen. Aber die Reaktionen waren natürlich hier und anderswo zu spüren: Google schäumte auf einmal vor lauter “pauli domina” und dergleichen mehr Suchanfragen. Das Publikum skandiert Wir wollen die Bilder sehen, wir wollen die Bilder sehen, die Mainstreammedien reichen hilfreich die Hand, und auch hier gibt’s Google-Futter. Willkommen.

Daß Frau Pauli gerne mal auf ihr Äußerliches reduziert und von einer “Sex-Spitzelaffäre” gesprochen wird, wenn’s eigentlich vor allem um einen neugierigen CSU-Hofschranzen gehen sollte (und nicht um das Privatleben der Landrätin), das hatten wir hier alles schon einmal.

Aber das Muster setzt sich ja fort: Bei Spiegel Online, wo man sich gerne mal zur Heimseite für Xenophobie und Antifeminismus macht, spricht man jetzt wahlweise vom Latex-Stadl oder vom Höschen-Gate und schreibt, Pauli versuche ihren Ruf als Politikerin zu retten. Zugleich wird natürlich an jedem Detail der Photostrecke herumberichtet und eine bestimmte Textpassage genüßlich in nahezu jedem Artikel zitiert.

Das ist nicht nur fader Hechel-Journalismus, der sich an Paulis Situation weidet, am Tohuwabohu um ihre Person, das man zugleich fröhlich mit herbeiführt, die Berichterstattung ist auch bar jeder Reflektion darüber, daß und wie die Situation von Stoiber, Beckstein und Co. für politische Breitseiten genutzt und mißbraucht wird. Und dieser Aspekt hat natürlich eine geschlechtsspezifische Seite. Wenn auf einmal als “Extravaganz” gilt, was ansonsten von Frauen durchaus gerne gesehen wird – daß sie leicht bekleidet in komischen Magazinen zu sehen sind -, das veranlaßt bei umstrittenen Politikerinnen auch einmal Parteikolleginnen zu der Äußerung, sie solle doch

“von ihrem Ego-Trip” herunterzukommen und “wieder die konstruktive Zusammenarbeit in der CSU” zu suchen.

Als sei “Ego-Trip” nicht eine präzise Charakterbeschreibung aller männlichen CSU-Alphatiere; und als habe Paulis politische Arbeit (ob die nun konstruktiv ist oder nicht, ist hier ziemlich egal, wird aber von zur Zeit auch gar nicht thematisiert: da müßte man ja argumentieren, auweia!) irgendetwas mit irgendwelchen Photographien zu tun, die irgendwo von ihr publiziert wurden.

Egal, ob ich schwarze Handschuhe auf einem Foto anhabe oder Motorrad fahre, ich habe schon immer meine politischen Inhalte in die CSU eingebracht und mache das auch weiter.

Aber es darf nicht sein: Silvana Koch-Mehrins Photographien mit Schwangerschaftsbauch haben nicht halb so viel Aufruhr erzeugt – aber natürlich auch, weil der Bauch politisch positiv besetzbar ist und vermeintlich “unschuldig”. Hinter der Mutterschaft verschwindet ja gerne der Sex, der vorher irgendwie da gewesen sein muß.

Die Photos von Gabriele Pauli hingegen entlocken den HofberichterstatterInnen Worte wie “verrucht”, “Domina”, “erotisch” sowie ein leicht pikiertes “delikat”; und endlich kann man sich auch im Politik-Teil einmal über Details weiblicher Unter- und Latexwäsche auslassen. Pauli gibt sich nicht sexuell unschuldig, und das will sie auch nicht sein. Der homo politicus hat aber geschlechtslos zu sein (und vor allem ohne Sexualität!), damit dahinter verschwinden kann, daß sie vor allem männlich ist.

Interessant ist aber vielleicht, daß ein Mann der gleichen Partei die Öffentlichmachung einer Affäre (und damit seines Sexuallebens) zwar angeschlagen, aber unter allgemeinem Stillschweigen der Parteioberen überstehen kann; wenn aber eine Frau, die noch dazu ihre Stimme partout nicht senken will, ein paar letzten Endes harmlose und eher unansehnliche Photos machen läßt, ist sofort von Extratouren und Egotrip die Rede.

Der Innenexperte der Unionsfraktion im Bundestag, Hans-Peter Uhl (CSU), bezeichnete Paulis Verhalten als “indiskutabel”. Damit habe sie “sich selbst gerichtet”.

Vielleicht fragen wir doch noch mal, mit welchem Maß hier gemessen wird. Ist es in der CSU neuerdings diskutabel, sexuelle Beziehungen neben der Ehe zu unterhalten? Das wäre doch mal eine Frage, Spiegel Online! Nur so für den Anfang.

(Anträge auf einstweilige Verfügungen gegen Park Avenue gibt es übrigens auch schon.)

 
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4 Kommentare

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  1. Ob die Fotos “unansehnlich” waren oder nicht, ist wohl eine ziemlich subjektive Sache. Ich habe weder verstanden, warum du das erwähnst (hätte es was geändert, wenn die Fotos “ansehnlicher” gewesen wären?) noch, was du damit implizieren willst (gehts dir da um schlechte Fotokunst oder gar um eine Körperbewertung?).

  2. Nein, es hätte nichts geändert, wenn die Photos qualitativ anders gewesen wären. Das war eine rein, ja klar, persönliche, subjektive Sicht auf die Photos, die mit dem Rest des Textes wenig, wenn nicht nichts zu tun hat. Das mag schlechter Stil sein, das lasse ich mir gerne sagen (auch wenn’s mich nicht unbedingt freut… ;-) ), – aber sagen wollte ich’s schon. (Wenn nicht in einem Weblog, wo sonst?)

    Wenn man will, kann man das als leise Kritik an der sich selbst so hypenden Park Avenue lesen, die vielleicht doch nicht so tolle Sachen macht, wie sie gerne behauptet.

    Und um “Körperbewertung” geht es mir auch nicht – so genau habe ich mir die Bilder nicht angesehen, und wie Gabriele Paulis Körper genau aussieht, ist mir auch herzlich egal, zumal es – das hoffe ich deutlich gemacht zu haben – weder für die Bewertung ihrer politischen Arbeit noch für die Reaktionen ihrer politischen GegnerInnen eine Rolle spielt bzw. spielen sollte.

  3. Hier mein Beitrag zu der im übrigen ziemlich unansehnlichen Diskussion um ein paar Bilder, die ich ohne die ganze Aufregung nie gesehen hätte (und auch nicht hätte sehen wollen.)
    http://dermachtdieworte.blogsp.....lerin.html

  4. Ich muss sagen ich finde die Bilder gar nicht so schlecht.

Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.



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