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Genderblog

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Erving Goffman)

 

Verqueer(t)e Kinderträume

 Ilka Borchardt   8. März 2007
 8. März 2007, Elternschaft, Queer

Vielleicht wird dieser Beitrag Öl ins Feuer gießen und alte Stereotype bestätigen oder aber belesene und reflektierte Leute langweilen, weil alles schon mal gesagt und geschrieben wurde. Eine weitere Wiederholung sollte jedoch nicht allzu viele Geister stören. Denn schließlich sind auch die Argumente in den auferstandenen, nicht enden wollenden Diskussionen um Rabenmütter, Fremdbetreuung von Kindern und über die natürlich zugrundeliegende Bestimmung der Frau zur Mutterschaft bekanntermaßen nicht neu.

Interessanterweise bleiben in dieser Diskussion wenigstens zwei Standpunkte sehr konsequent nicht vertreten, und frau oder mann kann auch in Gender- und feministischen Kreisen mit diesbezüglicher Blindheit konfrontiert werden: die Positionen derjenigen, die sich zum einen gegen Elternschaft, und zum anderen noch gar nicht entschieden haben. Um das Ganze besonders anschaulich zu machen, konzentriere ich mich auf Lesben, die sich immer wieder neu und unter eigenen Umständen gegen Kinder entscheiden.

Dank verschiedenen Engagements sind wir mittlerweile soweit, dass Elternschaft in Regenbogenfamilien sehr wohl ein Thema ist, in Rechtsprechung, Politik und Gesundheitsversorgung.[1] Die positive Bedeutung der Sichtbarkeit dieses Themas soll gar nicht in Frage gestellt werden. Problematisch ist , dass es in einigen Kreisen der “Szene” inzwischen auch “in” und langfristig vielleicht sogar ein “Muss” wird, sich der Kinderfrage zu widmen. Was bereits jetzt in diesem Problemfeld kaum noch sichtbar ist, viel zu wenig eingefordert und gerade erst in den Anfängen erforscht wird, sind die Phasen und das Recht zum Überlegen, zur Entscheidungsfindung. Erinnert sei an eine der wichtigsten Forderungen der 2. Welle der Frauenbewegung – das Recht, über den eigenen Körper frei entscheiden zu können.

Wie kann aber über eben jenen Körper frei entschieden werden, wenn derselbe Objekt so vieler Einschreibungen, so vieler Projektionen ist? So kommt im Alltag ein homosexuelles Coming Out oftmals der Erklärung gleich, niemals einem Kinderwunsch nachzugeben, eigentlich sogar der Erklärung, gar nicht erst einen Kinderwunsch zu hegen. Wie sagte Anfang des neuen Jahrtausends eine Dozentin in einem ethnologischen Gender-Seminar so schön: “Homosexuelle mit Kinderwunsch sind inkonsequent”. Eine Nachbarin reagierte auf meinen konsternierten Bericht darüber mit der naheliegenden Frage: “Ist Homosexualität jetzt ein Verhütungsmittel?”

Oder heterosexuelle Freundinnen, die Irritation ob meines gelegentlich geäußerten Nachdenkens über ein Kind und die Realisierung einer Schwangerschaft ohne männlichen Partner ausdrückten: “Du willst ein Kind?” und auf Nachfragen diese Überraschung mit meiner langjährigen Beziehung mit einer Frau erklärten. Oder eine Mitkollegiatin im Gender-Graduiertenkolleg, die im Rahmen ihrer Forschung zu Lebensplanung junger Erwachsener auch lesbische Frauen interviewte und dann sehr kritisch gegenüber den eigenen, bis dahin unbemerkten Vorurteilen sinngemäß berichtete: “Eine Frau war richtig erleichtert und glücklich, dass ich ihr die Frage nach dem Kinderwunsch aus dem Leitfaden stellte. Dabei habe ich nur denselben Leitfaden wie bei allen anderen verwendet. Ich hätte nie mit dieser Reaktion gerechnet.” Die Interviewpartnerin hatte seit ihrem Coming Out keine Frage nach einem eigenen Kinderwunsch mehr gestellt bekommen.

Wenn diese Beispiele hier nicht der Einführung in die wissenschaftliche Auseinandersetzung in die Konstruiertheit von Körper, Geschlecht, Identität usw. dienen sollen, wozu dann noch das Augenmerk auf eine quantitative Minderheit richten? Weil ihre Lebensrealitäten stellvertretend für andere illustrieren, dass Elternschaft und die “individuelle” Entscheidung für oder gegen sie innerhalb von Diskursen stattfinden, denen sich niemand entziehen kann. Wie wir wissen, sind Diskurse sowohl Ausdruck, als auch Mittler und Ursache von Machtverhältnissen.

Um bei den Beispielen zu bleiben – egal ob eine Lesbe in Deutschland sich für oder gegen Mutterschaft entscheidet und entsprechende Anstrengungen zu ihrer Realisierung unternimmt, findet diese Entscheidung unter Legitimationsdruck und innerhalb eines bipolaren und machtvollen Geschlechtersystems statt. Einem Geschlechtersystem, dass in seiner alltäglichen Form lesbischen Frauen Kinderwünsche abspricht, sie dazu zwingt, in der gynäkologischen Praxis mit einem schwulen Freund Hetero-Pärchen zu spielen und lesbische Ko-Mütter vom Schwangerschaftskurs ausschliesst.

Im Sinne des Verqueerens müsste in den Auseinandersetzungen nicht nur auf die verschiedenen geäußerten oder angedeuteten Positionen eingegangen, müssten sie nicht nur dekonstruiert und auf sie reagiert werden. Denn mit Foucault heißt das: “Ironie dieses (im Original – ‘des Sexualitäts-’, hier wäre es das Reproduktions-) Dispositivs: es macht uns glauben, dass es darin um unsere ‘Befreiung’ geht.” Ich plädiere statt dessen dafür, wenn wir uns ihm schon nicht entziehen können, uns den Diskurs zueigen zu machen und ihn durch die Vervielfältigung der Positionen zu destabilisieren – wie z.B. durch schwule Mutterschaft oder lesbische Vaterschaft. Aber zuerst und vor allem uns seine Einflüsse auf unsere scheinbar freie Entscheidung als Individuum immer wieder bewusst machen – durch strategische Verunsicherungen und durch die Wahrnehmung eigener Verunsicherung bei unerwarteten Begegnung mit jeglichen Elternschaften und Kinderlosigkeit.

(Großer Dank an Karin für die Erlaubnis, die Episode aus ihrer Forschung zu verwenden, und für die Offenheit, ihre Verunsicherung zu zeigen)

Ilka Borchardt ist u.a. ethnologische Geschlechterforscherin, als solche am Gender in Motion-Kolleg in Basel mit einem Promotionsprojekt zum Thema “Postsowjetische homosexuelle Migrantinnen und Migranten in Berlin”. Außerdem – und naheliegend – ist sie russophil und würde ungern wieder in Russland leben.

  1. Vgl. die jüngste Entscheidung des Bundesgerichtshofes zu Nicht-Anerkennung von eingetragenen Lebenspartnerschaften im Zusammenhang mit Betriebsrenten im öffentlichen Dienst, die Anerkennung von LSVD und ILGA als offizielle Berater der UNO und die Reaktionen auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Kostenübernahme bei künstlichen Befruchtungen. [zurück]

 
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2 Kommentare

(RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel)

  1. 100% Zustimmung!
    Gruß,
    Annabell

  2. In der Tat ärgert mich auch die Verengung der Familiendebatte auf die Demografie. Sorgerechtsproblematiken aller Art sollten m.E. wieder mehr in der Vordergrund gestellt werden.

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