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Genderblog

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Erving Goffman)

 

CFP: Elternschaft zwischen medialen Inszenierungen und alltäglichen Praxen

 Rochus Wolff   16. Februar 2007
 Calls for Papers, Elternschaft, Frauen- und Geschlechterforschung, Veranstaltungen

Von Paula-Irene Villa erreicht mich ein Call for Papers zur von ihr gemeinsam mit Barbara Thiessen vom Deutschen Jugendinstitut e.V., München, organisierten Konferenz Mütter/Väter. Elternschaft zwischen medialen Inszenierungen und alltäglichen Praxen, die vom 4. bis 6. Oktober 2007 an der Leibniz Universität Hannover stattfinden wird. Gesucht werden Beiträge aus den Kultur-, Sozial-, Medienwissenschaften, gerne auch in historischer Perspektive; Einsendeschluß für Abstracts ist der 15. Mai 2007.

Die Tagung scheint mir ein wohltuendes Gegengewicht zur stellenweise völlig hysterisierten öffentlichen Elternschaftsdebatte werden zu wollen. Das ist bitter nötig.

Hier der Text der Ausschreibung:

Wie viele und welche Kinder braucht die Gesellschaft? So ließen sich die ebenso neuen wie altbekannten Kontroversen um Geburtenraten, „Gebär- und Zeu-gungsstreik“, „Rabenmütter“, „Supermuttis“, „aussterbendes Volk“ usw. auf den Nenner bringen. Augenfällig ist an den gegenwärtigen Debatten, dass diese durchzogen sind von Semantiken der (Un)Gleichheit und Ethnizität. Deutlich wird dies auch an der seit nunmehr fast zwei Jahren andauernden medialen Auseinandersetzungen um ‚kinderlose Akademikerinnen’: Diese hat bisweilen problematische bevölkerungspolitische Anklänge. Es geht, vor allem nach dem ‚PISA-Schock’, scheinbar auch um die Befürchtung, dass sich (deutsche) Eliten nicht ‚reproduzieren’ und dass hieran vor allem beruflich ambitionierte Frauen schuld seien. Nach den ‚kinderlosen Akademikern’ wird in diesem Zusammenhang nur am Rande geschaut. Semantisch mutiert Bildung in diesem Diskurs unter der Hand zu einer quasi genetisch vererbbaren Ressource, für deren Weitergabe allein Frauen verantwortlich zu sein scheinen. Kinder bilden überdies einen Kristallisationspunkt; sie sind gleichermaßen Objekt (‚Kinder haben’), ‚Gewinn’ (‚Kinder haben dürfen’) und Kostenfaktor bzw. Armutsrisiko (‚Kinder kosten Geld’, ‚Kinder sind der Karriere abträglich’). Kurz und zusammenfassend: Soziale Ungleichheit wird anhand der ‚Kinderfrage’ derzeit in der medialen Öffentlichkeit intensiv und kontrovers diskutiert – nicht zuletzt auch deshalb, weil und insofern neue sozia-politische (De)Regulierungen erhebliche Auswirkungen auf allen Ebenen des Sozialen haben, Kinder und Familienbeziehungen inklusive. Es gibt demnach ebenso „private wie politische Interessen am Kind“ (Beck-Gernsheim 1984).

Bei diesen Auseinandersetzungen liefern Bilder wesentliche Impulse: Darstellun-gen von Müttern und Vätern in Werbung, Film, Fernsehserien, Büchern, Ratgebern sind Bestandteile der sozialen Verhandlungen über Elternschaft. Mediale, auch und womöglich gerade visuelle, Semantiken verweisen darauf, dass seit geraumer Zeit Mutterschaft und Vaterschaft als soziale ‚Rollen’ in Bewegung sind: Neue Väter, Super-Nannys, Patchworkfamilien, transnationale Mutterschaft, Rabenmütter usw.; die Liste der zwischen Skandalisierung und Romantisierung changierenden Begriffe, die zur medialen und politischen Thematisierung von Elternschaft derzeit im Umlauf sind, ist lang. Zu diesen „Bilddiskursen“ (Maasen et al 2006) stehen Praxen von Elternschaft, die vielfältig, kreativ, oftmals in sich widersprüchlich und oft schlicht nüchterne Arbeit sind im Verhältnis. Mutter- und Vaterschaft sind als „alltägliche Lebensführung“ (Jurczyk/Rerrich 1993) dabei immer eingebettet in sozialpolitische und ökonomische (Normalisierungs-)Regimes, die ihrerseits derzeit stark im Wandel sind. In der Zusammenschau ist demnach auf die gesellschaftliche (Un)Sichtbarkeit spezifischer Mütter und Väter sowie spezifischer Praxen von Elternschaft zu achten.

Ziel der internationalen Konferenz ist es, Ambivalenzen, Vielfalt, Dynamiken sowie Beharrungsdimensionen von Mutter-, Vater- und Elternschaft in medialen Inszenierungen sowie als Alltagspraxen entlang sozialer, geschlechtlicher, ethnischer und sexualitätsbezogener Differenz und bezogen auf historische Konstellationen sichtbar zu machen und zu diskutieren. Dabei soll an die aktuelle politische Debatte um Geburtenraten, Elternschaft und ‚Vereinbarkeit’ von Familie und Beruf angeknüpft werden. Intention ist es, die alarmistischen, bisweilen polemischen oder ideologischen sowie partikularen Perspektiven dieser Auseinandersetzung kritisch zu reflektieren und an internationale Fachdiskurse anzuschließen. Gleichzeitig sollen produktive Dialoge zwischen verschiedenen disziplinären und methodischen Zugängen zum Thema angeregt werden. Dies gilt insbesondere für Kultur-/Medien- und Sozialwissenschaften. Durch die doppelte Annäherung an das Thema Elternschaft – von den medialen (Re)Präsentationen sowie von den individuellen Erfahrungen her – sollen die Wechselwirkungen exemplarisch ausgeleuchtet werden. Weiter entwickelt werden sollen damit auch familienpolitische Diskurse.

Wir sind an Workshopbeiträgen insbes. zu folgenden Fragen interessiert:

  • Welche Bilder von Mütter/Väter werden derzeit in den Medien gezeichnet?
  • Welche Bilder vom? Leben mit Kindern und Kinderlosigkeiten werden verhandelt?
  • Wie hängen spezifische Bilder von Elternschaft mit Sexualität zusammen? Und wie mit Geschlecht?
  • Welche (Un)Gleichheitssemantiken wirken in den aktuellen Debatten um Mütter/Väter?
  • Wie gestalten Menschen ihre konkrete Praxis als Eltern? Inwiefern spielen hierbei soziale Ungleichheiten und Differenzen eine Rolle?
  • Wie wirken (De)Regulierungen sozialpolitischer Regimes auf die Praxis der Elternschaft? Und wie gehen Menschen in ihrem Alltag damit konkret um?
  • Von welchen Leitbildern gehen familienpolitische Institutionen und Regulierungen aus?

Die Abstracts sollten bis zum 15. Mai 2007 eingehen bei:

PD Dr. Paula-Irene Villa
Institut für Soziologie und Sozialpsychologie
Universität Hannover
Schneiderberg 50
30167 Hannover
p.villa@soziologie.uni-hannover.de

Dr. Barbara Thiessen
Deutsches Jugendinstitut e.V.
Abteilung Familie und Familienpolitik
Nockherstr. 2
81541 München
thiessen@dji.de

 
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Ein Kommentar

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  1. Wie können wir akademisch korrekt unsere Meinung kundtun, dass Väter überflüssig, und Mütter das höchste auf Erden sind?

    Zudem dass Mütter in privilegierten Berufen jeden Anspruch auf Fortsetzung ihrer Berufstätigkeit haben?

    Natürlich.. ganz wissenschaftlich.

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