Itty Bitty Titty Committee
Feministische Aufklärungsstunde auf der Berlinale

Als Nicht-Muttersprachler hatte ich zumindest ein wenig Schwierigkeiten damit, den Titel Itty Bitty Titty Committee, den Wieland Speck, Leiter der Panorama-Sektion auf der diesjährigen Berlinale, vor der Uraufführung am gestrigen Freitag als einen der witzigsten des diesjährigen Festivals beschrieb.
Für AmerikanerInnen ist der Begriff allerdings womöglich sehr geläufig, wie ein kurzer Blick in den Urban Dictionary uns lehrt:
The club that girls who are an A-Cup or less belong to. They get made fun of by bigger women and most men too, unless they’re supermodels or have a giant ass to make up for it. Other than that, they will never be accepted into our image conscious society without $2000 for breast implants.
Nicht weniger stark dürfte sich auch der gleichnamige Song (Video auf YouTube) aus dem reichlich unbekannten Film Junior High School (1978) in die Gehirnrinde einbrennen, wenn man ihn einmal gehört und gesehen hat. Wenn man dem nicht aus dem Weg gehen will.
Der Witz ist natürlich, daß es bei Jamie Babbits Itty Bitty Titty Committee (Homepage, myspace) vordergründig überhaupt nicht so sehr um Körperbilder und Selbstwertgefühl geht. Protagonistin Anna arbeitet zwar als Empfangsmädchen bei einem Schönheitschirurgen (dessen Wartezimmerzeitschriften sie im Laufe des Films mit feministischen Broschüren bestückt), und die Widerstandsgruppe Clits in Action, der Anna beitritt, setzt sich auch gerne mit Schönheitsvorstellungen auseinander, indem sie z.B. Schaufensterpuppen umgestalten oder auf Werbeplakaten großflächig abgebildete Brüste mit kritischen Kommentaren versehen – die Handlung wird letztlich von ganz anderem angetrieben.
Zuallererst ist Itty Bitty Titty Committee eine ganz klassische Love Story: Anna (Melonie Diaz) ist, frisch von der High School, gerade von ihrer Freundin sitzengelassen worden und überrascht eines Abends Sadie (Nicole Vicius) dabei, wie sie feministische Slogans an das Gebäude sprüht, in dem Anna arbeitet. Sadie kann sie überzeugen (Verliebtheit mag im Spiel sein), an einem Treffen ihrer Gruppe Clits in Action teilzunehmen.
Natürlich stellen sich im Laufe der Zeit emotionale und andere Spannungen zwischen den Mitgliedern der Gruppe ein, die direkt aus einem Best Of der Lesbenbewegung stammen könnten (bis hin zur wegen Homosexualität unehrenhaft aus der Armee entlassenen Bombenspezialistin), und natürlich raufen sich zum Grand Finale alle wieder zusammen. Klar. Daß der Film trotzdem weder klischeehaft noch langweilig wird, liegt letztlich daran, daß er flott inszeniert ist, stets witzig und ein gutes Stück selbstironisch bleibt und auch die eher tragischen Figuren (insbesondere Sadies ältere Freundin und feministischer Veteranin Courtney, die Melanie Mayron mit viel Erschöpfung und Abgeklärtheit spielt) keineswegs links liegen läßt. Und die großartige Clea DuVall hat einen kurzen Cameo-Auftritt.
Dafür sind, das nur am Rande, die Spezialeffekte stellenweise so unterirdisch, das man gar nicht hinschauen mag. Aber Itty Bitty Titty Committee ist eben, bei allen Zugeständnissen an den Mainstream, kein ganz gefälliger und vor allem: kein auf Realismus und Effekt bedachter Film.

Jamie Babbit wollte, das ließ sie im Publikumsgespräch am Freitag durchblicken, ganz bewußt einen an Erzählweisen des Hollywoodkinos orientierten Film drehen, der versucht, seine Themen über Unterhaltung und nicht über künstlerisch ambitionierte Verfahren oder Agitation an die Frau und an den Mann zu bringen. Der Film, dem dies durchaus gelingt, ordnet sich damit zwischen Filme wie dem sehr amüsanten Spy Girls – D.E.B.S., anderen Coming-of-Age-Geschichten wie z.B. Raus aus Amal oder Jamie Babbits eigenem Film But I’m a Cheerleader – Weil ich ein Mädchen bin ein. Findet sich ein Verleih, so wird sich auch das Publikum finden.
(Addendum: Und wie ich gerade erst lese, sieht Christian das ähnlich.)
Letzte Vorstellung auf der Berlinale: Mo 12.02., 22:30 Uhr, Colosseum 1. Alle Infos auf der Berlinale-Seite.
Auf YouTube gibt es noch einen kurzen Promotion-Clip zum Film zu sehen:
USA 2007; Regie: Jamie Babbit; mit Melonie Diaz, Nicole Vicius, Melanie Mayron, Guinevere Turner, Carly Pope.
Fotos: Berlinale (2), Screenshot aus dem Promo-Clip
Das Genderblog bei Facebook
Das Genderblog bei Twitter
ja, wenn der JETZ auffer berlinade gezeigt wird, kommt er dann auch in die “normalen” oder alternativen kinos und wird es ihn auf DVD geben?
Die Frage muß man den deutschen Verleihfirmen stellen. Wenn sich jemand findet (wovon ich zumindest für den DVD-Vertrieb fast ausgehen würde – beim Kinoverleih wäre ich mir nicht so sicher), dann wird es ihn auch hier zu sehen geben. Aber ein, zwei Jahre kann das schon noch dauern…
Der Film kommt am 24.04.2008 in die Programm-Kinos diverser Großstädte.
Itty Bitty Titty Committee läuft am 24. April um 22 Uhr im Filmforum in Köln im Rahmen des Internationalen Frauenfilmfestivals. das Besondere: Die Regisseurin wird auch anwesend sein!!!
Infos: http://festivalblog.or.yourweb.de/?p=19#more-19