Genderblog

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Erving Goffman)

 

“Ich komme aus Kreuzberg, du Muschi!”
Prinzessinnenbad zeichnet ein sehr persönliches Bild junger Frauen aus Berlin-Kreuzberg

 Rochus Wolff   8. Februar 2007
 Berlinale 2007, Film, Filmkritik

Prinzessinnenbad - Szenenphoto

Und immer wieder fährt sie durchs Bild: Nicht erst mit dem Musical Linie 1 ist die Berliner U-Bahnlinie U1 zu einem Wahrzeichen für Berlin und vor allem Kreuzberg geworden, in der sich, so der Mythos, das großstädtische Leben wie in einem Brennspiegel fokussiert wiederfindet.

Dabei spielt sich das Leben natürlich rund um die in Kreuzberg – für Fremde immer irritierend – oberirdisch fahrende Untergrundbahn ab: in den Straßen und Häusern der Stadt, in den Parks und natürlich im Prinzenbad, von dem sich Prinzessinnenbad den etwas irreführenden Titel leiht. Regisseurin Bettina Blümner folgt in ihrem Dokumentarfilm keineswegs drei verwöhnten Prinzessinnen der Straße, sondern drei 15-jährigen Kreuzberger Mädchen, die seit der Kindheit eng miteinander befreundet und alles andere als abgehoben, weltfremd oder eingebildet sind.

Alle drei, Klara, Mina und Tanutscha, kommen aus Familien, denen man wohl das Etikett „Patchwork“ ankleben würde und die zugleich die Multiethnizität Kreuzbergs widerspiegeln – die Väter sind zumindest im Rahmen des Films größtenteils abwesend, bei zweien der drei Mädchen nicht aus Deutschland stammend, der Vater der Dritten lebt mittlerweile in Zentralamerika; Väter wie Mütter haben neue Partnerinnen und Partner gefunden. All das ist nie Grund zur Klage, sondern beschreibt schlicht die familiären Begebenheiten der drei jungen Frauen.

Nur selten weicht Blümner mit der Kamera von der Seite der drei Mädchen, etwa wenn sie den neuen Freund von Klara davon erzählen lässt, wie er sie kennen gelernt hat; bei den Gesprächen mit den Müttern sind die Töchter aber stets dabei und scheuen sich auch nicht, das Gesagte zu kommentieren und sich generell mehr oder minder klar und vehement zum Leben ihrer Eltern zu äußern. Auch in den persönlichen Dingen, die die jungen Frauen, ob allein oder als Gruppe, der Kamera anvertrauen, sind sie nicht weniger deutlich und meinungsstark.

Prinzessinnenbad - Szenenphoto

Natürlich tritt in diesen Positionen und Erzählungen immer wieder hervor, wie sehr die drei Protagonistinnen noch zwischen Kindheit und Erwachsensein schweben; und gelegentlich ist es atemberaubend, wie sie in wenigen Sekunden von einem ins andere wechseln, wenn in einem Gespräch unvermittelt Sexualität und Liebe thematisiert werden.

Die Regisseurin nimmt sich stets zurück und gibt nie dem Impuls nach, zu nah an die Mädchen heranzurücken und vermeidet es so, sie zu diskreditieren oder bloßzustellen. Bei aller Ernsthaftigkeit, mit der Klara, Mina und Tanutscha von auch sehr Persönlichem berichten, bleibt doch in allem eine gewisse spielerische Leichtigkeit zu spüren, aus der deutlich wird, dass sich bei diesen beeindruckenden Persönlichkeiten noch viel im Fluss und in der Entwicklung befindet.

Prinzessinnenbad, Blümners erster Langfilm, ist durchaus dazu geeignet, den eigenen Blick auf Kreuzberg und seine Bewohner zu revidieren. Der Film ruft, unterlegt mit der Musik vor allem weiblicher deutscher HipHop-Stars und immer wieder unter Einsatz der vorbeirasselnden U1, natürlich so einige Stereotype von Großstadtleben und Großstadtmädchen auf; in den feinfühligen Portraits dieser jungen Frauen widerlegt und präzisiert er sie jedoch und formuliert letztlich neu, wie wir uns Jugend in der heutigen Großstadt vorstellen können.

Screenings auf der Berlinale: So., 11.02., 19:00 Uhr, CinemaxX 3; Mo., 12.02., 13:00 Uhr, Colosseum 1, Mo., 12.02., 20:30 Uhr, CinemaxX 1. Mehr Infos auf den Berlinale-Seiten.

Fotos: Reverse Angle


Logo critic.deDiese Kritik entstand in Zusammenarbeit mit critic.de, der Filmseite.

 
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15 Kommentare

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  1. die Väter sind zumindest im Rahmen des Films größtenteils abwesend, bei zweien der drei Mädchen nicht aus Deutschland stammend, der Vater der Dritten lebt mittlerweile in Zentralamerika

    Mich würde Interessieren, ob die Väter nur abwesend sind oder ob sie einfach nicht thematisiert, also totgeschwiegen werden. Oder vielleicht beides. Haben die Mädchen Kontakt zu ihrem Vater? Wenn nein, was haben sie für Erinnerungen oder Vorstellungen von ihrem Vater? Inwieweit wirkt sich dieses Vaterbild in der Partnerwahl der Mädchen aus?

    Meiner Meinung nach wird gerade im feministischen Lager die Bedeutung der Väter für die Entwicklung der Kinder allzuoft sträflich unterschätzt.

  2. Die Väter tauchen durchaus auf und werden thematisiert. Sonst könnte ich ja zu den Vätern nichts sagen.

    Und das mit der Bedeutung der Väter, die unterschätzt würde, ist schlichtweg Unsinn. Eher sind es vielleicht viele Väter, die die Bedeutung von Erziehung und Kindern für diese und für sich selbst unterschätzen. Dabei ist Kindererziehung ja ‘ne tolle Sache. Aber das ist wirklich off-topic jetzt.

    Meinungen zum Film würden mich interessieren.

  3. Und das mit der Bedeutung der Väter, die unterschätzt würde, ist schlichtweg Unsinn. Eher sind es vielleicht viele Väter, die die Bedeutung von Erziehung und Kindern für diese und für sich selbst unterschätzen. Dabei ist Kindererziehung ja ‘ne tolle Sache. Aber das ist wirklich off-topic jetzt.

    Ich kenne es eben von der anderen Seite, dass den Vätern der Umgang mit ihren Kindern verwährt wird. Es sind nicht immer die Männer und Väter die Bösen. Soviel off topic muss erlaubt sein.

  4. Rochus Wolff schrieb:

    Und das mit der Bedeutung der Väter, die unterschätzt würde, ist schlichtweg Unsinn.

    Oh jeh. Ein Steinzeit-Feminist. Selbst Alice Schwarzer drückt sich _heutzutage_ diplomatischer aus.

    Tatsächlich ist es inzwischen selbst bei Hardcore-Feministinnen angekommen, dass die Biografie von vaterlosen Kindern grundsätzlich schlechter ausfällt. Sie geraten häufiger auf die schiefe Bahn, sind häufiger vorbestraft, werden häufiger drogenabhängig, legen einen schlechteren Bildungsweg hin, werden häufiger abhängig von Sozialleistungen, und – last but not least – begehen häufiger Selbstmord.

    Die Ursache hierfür wird freilich nicht in der Abwesenheit des _spirituellen_ Vaters, sondern in der Abwesenheit des _materiellen_ Vaters gesucht. Sprich: Das Geld fehlt.

    Die Forderungen gehen somit also natürlich (wir reden von Feministinnen) in Richtung schärfere Unterhalteintreibungen und – Witz komm raus – an den Vater-Staat, der gefälligst Kohle rüberschieben soll.

    Aber Okay: @Rochus: Berichte Mal. Inwiefern kannst Du mir belegen, dass ein alleinerziehender Vater schlechter für Kinder wäre als eine alleinerziehende Mutter?

    Gibt es dazu Studien? (die gibt es! Du kennst Sie nicht? Natürlich nicht, dass Ergebniss kam nicht durch die politisch korrekte Zensur)

    Kann es vielleicht sein, dass Du eine Mutter derartig überschätzt, dass ein Vater getrost aus deiner Familiengleichung gestrichen werden kann?

    Grüße

    Mirko.

  5. Was ist das hier für ein Unsinn? Es ist leider immer noch so, dass die Mehrheit der Väter sich nicht für die Erziehung von Kindern interessiert. Schaut euch doch einfach mal an, wieviele Väter das Elterngeld in Anspruch nehmen und zu Hause bleiben. Und wovon sollen Kinder leben, wenn Väter keinen Unterhalt zahlen? Ist ja nur Geld… Und was soll ein “_spiritueller_ Vater” sein?

  6. Es ist leider immer noch so, dass die Mehrheit der Väter sich nicht für die Erziehung von Kindern interessiert. Schaut euch doch einfach mal an, wieviele Väter das Elterngeld in Anspruch nehmen und zu Hause bleiben.

    Die Tatsache, dass viele Väter kein Elterngeld in Anspruch nehmen, bedeutet nicht, dass die alle nicht an Kindererziehung interessiert sind.

    Das ist so die typisch einseitige feministische Sichtweise. Die Männer sind an der Situation schuld. Die Männer müssen sich ändern. Ist ja auch sehr bequem, die Frauen da von jeder Verantwortung freizusprechen und immer mit dem Finger auf die Männer zu zeigen.

  7. @Mirko: Nur, daß ich nichts dergleichen gesagt oder angedeutet habe. Was ich sagte: Die Behauptung, die Bedeutung der Väter werde permanent unterschätzt, ist Unsinn. M.a.W.: Die Bedeutung der Väter wird keineswegs unterschätzt. Nicht unterschätzt. Vielmehr geschätzt. Väter sind wichtig.

  8. Da erhebt Frau von der Leyen den Zeigefinger und richtet Appelle an “die Männer”, sie möchten doch mehr Verantwortung für Familie/Kinder übernehmen, während der Fall Görgülü doch deutlich macht, dass das Maß der Verantwortung, welches vom Vater übernommen werden DARF, gesetzlich ganz selbstverständlich der mütterlichen Gnade unterworfen ist.

    Zudem, solange Männer kriminalisiert werden, nur weil sie die Vaterschaft für sich eindeutig klären wollen, sind solche Appelle reine Heuchelei. Oder ist eine solche Klärung etwa verwerflicher als Abtreibung? Ganz sicher nicht.
    Als Mann habe ich kein Mitspracherecht bei in Frage stehender Abtreibung. Genausowenig darf ich einen (“heimlichen”) Vaterschaftstest machen lassen. Unterhalt zahlen, darf ich aber. Danke schön.

    Achtung Sarkasmus:
    Görgülü ist symptomatisch für väterliche Verantwortungslosigkeit und begründet damit die zutreffende Ausgangssituation des deutschen Gesetzgebers und seiner Exekutive, dass das Kind zur Mutter gehört. Im übrigen eine Gesetzgebung, welche der gesellschaftlichen Entwicklung und dem Forderungskatalog eines Gender Mainstreaming Rechnung trägt und somit geschlechtlichen Stereotypen entgegen wirkt, soll heißen: den “neuen Menschen” zur Entfaltung bringt.

  9. Das Problem sind nicht die paar Väter, die sich gerne um ihre Kinder kümmern würden, aber nicht dürfen, sondern die Masse der Väter, die sich nicht kümmert.
    Der 2. Armutsbericht der Bundesregierung 2005 klärt auf:
    “Rund 1,1 Mio. Bezieherinnen und Bezieher von Sozialhilfe sind Kinder unter 18 Jahren. Mit einer Sozialhilfequote von 7,2% (Ende 2003) weisen sie im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (3,4%) einen deutlich höheren Hilfebedarf auf. 55% von ihnen leben in Haushalten von allein Erziehenden und nur 35% in Zwei-Eltern-Familien…
    Kinder mit erhöhtem Armutsrisiko haben häufiger als nicht arme Kinder gesundheitliche Probleme oder sind in ihrer körperlichen Entwicklung zurückgeblieben. Weitere Merkmale der Ausgrenzung armer Kinder können unregelmäßige Zahlungen von Essensgeld in Kinderbetreuungseinrichtungen, mangelnde körperliche Pflege, Auffälligkeiten im Spiel- und Sprachverhalten oder geringere Teilnahme am Gruppengeschehen sein.
    13 % der deutschen Bevölkerung war im Jahr 2004 armutsgefährdet – das sind 10,6 Mio Menschen, darunter 1,7 Mio Kinder unter 16 Jahren.
    Bei Alleinerziehenden ist dies noch gravierender: ohne Sozialtransfers wären 56 % armutsgefährdet, mit den Sozialtransfers sind es tatsächlich aber immerhin noch 30 %.
    http://www.kinder-armut.de/

  10. Das Problem sind nicht die paar Väter, die sich gerne um ihre Kinder kümmern würden, aber nicht dürfen, sondern die Masse der Väter, die sich nicht kümmert.
    Der 2. Armutsbericht der Bundesregierung 2005 klärt auf:
    [Kinder Alleinerziehender öfter von Armut betroffen, als Kinder mit zwei sorgenden Elternteilen]

    Das sagt nur aus, dass sich zu viele Väter nicht kümmern. Ob sie es gerne würden, aber nicht dürfen oder ob sie es nicht wollen, geht daraus nicht hervor.

    Natürlich sind die Väter die sich nicht kümmern wollen ein Problem. Aber auch die Väter, die sich kümmern wollen, aber nicht dürfen. Und ich bezweifle, dass Erstere die Masse und Letztere ein paar wenige sind.

  11. “In Deutschland lag nach der abweichenden Definition der Europäischen Union (60 % des mittleren Einkommens) die Armutsgrenze im Jahr 2003 bei einem monatlichen Einkommen von 938 Euro.”
    Quelle: Wikipedia

    938 €?
    Der monatliche Selbstbehalt eines (berufstätigen!) Unterhaltspflichtigen liegt in Deutschland bei momentan ca 750 €.
    Ich weiß wovon ich spreche, da ich selbst biologischer Vater von drei Kindern bin. Um 2 davon kann ich mich kaum kümmern, weil die Mutter, des schönen Landlebens wegen, zwischen uns 400 km gebracht hat. Ohne, dass dies irgendwelche Auswirkungen auf die Höhe des zu leistenden Unterhalts gehabt hat.

    Welchem Geschlecht also die Mehrheit der restlichen von 13% Armutsgefährdeter angehört, dürfte bei geltender Privilegierung mütterlicher Rechte leicht erkennbar sein. Selbst in der profeministischen ZEIT war erst kürzlich zu lesen, dass der Männeranteil in der deutschen “Unterschicht” hoch ist. Und das Obdachlosigkeit in Deutschland fast ausschließlich männlich ist, interessiert in diesem Land seltsamerweise keine einzige Gleichstellungsbeauftragte.

  12. Als Mann habe ich kein Mitspracherecht bei in Frage stehender Abtreibung. Genausowenig darf ich einen (”heimlichen”) Vaterschaftstest machen lassen. Unterhalt zahlen, darf ich aber.

    Ja, da liegt in der Tat einiges im Argen. Aber fairerweise muß man eben sagen, daß die meisten Männer bisher nicht verstanden haben, daß ein Geraderücken dieser Probleme nur über die (vor allem von “Fraueninteressenpolitikern” geschaffenen) vor allem staatlichen Institutionen funktionieren wird. So wie Frauen vor 50 Jahren trotz gleicher formaler Rechte bei Fragen der Vormundschaft noch benachteiligt wurden, hat sich die Situation im familienrechtlichen Bereich scheinbar um 180° gedreht. Einen solchermaßen institutionalisierten Rationalitätsmythos erneut zu vehandeln ist keine einfache Sache. Der ganze Bereich GenderMainstreaming scheint mir trotz oftmals offensichtlich damit verbundenem Schwachsinn dafür überaus geeignet. Sobald sich herum gesprochen hat, daß man aus der Abwesenheit einer geschlechtsfreien Realität auch die Forderung nach dem “Playboy” auf der Herrentoilette ableiten kann, wird sich meiner Meinung nach das Verständnis für die nötige politische Vorgehensweise allerdings schon einstellen.

  13. Wir sind ja inzwischen soweit übermensch – also auf dem Weg weg von jedem “tumben Biologismus”, dass Gender-ForscherInnen empfehlen, brunftschreiende Hirsche aus Werbespots zu verbannen, weil dadurch ein maskulines Rollenverhalten verfestigt würde.

    Aber klar, warten wir einfach wieder ab, bis der Schwachsinn vom “neuen Menschen” seinen Höhepunkt erreicht hat. Muss wohl so sein.

    Dazu sei, etwas abgewandelt, an die funkelnden Worte Erich Honneckers (für die Jüngeren: ehemaliger DDR-Staatschef) erinnert:
    “Den Feminismus in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel (noch Hirsch) auf.”

    Gute Nacht.

  14. Weiss jemand, wo ich so ein Shirt mit dem Aufdruck “Ich komm aus Kreuzberg, Du Muschi” herbekomme? Habe ich bis jetzt weder online noch offline gesehen. Aber es wird fest behauptet, dass es welche gibt.

  15. im kreuzberger kino movimento gibt es welche.
    kottbusser damm in berlin.

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