Red Hot (Nochmal: Die schöne Landrätin)
Barbara Vinken, Autorin des einen oder anderen sehr lesenswerten Buches, hat sich für die neue Ausgabe des SZ-Magazins des Phänomens Pauli angenommen. (Wir berichteten mehrfach.)
Vinken beobachtet zweierlei: einerseits, daß Frauen strukturell immer Fremdkörper in der Politik sind:
Irgendwie gehören sie – Frauenquote hin, Frauenquote her – dort nicht hin. Der politische Körper der Republik hat geschlechtlich unmarkiert, also neutral männlich zu sein.
Zum anderen wirft sie einen kurzen Blick auf die Medienreaktionen auf Gabriele Pauli, die sich – wie gesagt – häufig auf ihr Äußeres bezogen.
Die roten Haare von Gabriele Pauli kamen ihnen dabei besonders zupass. [...] Über Frau Pauli wurde immer wieder die Geschichte einer rothaarigen Hexe erzählt, die mit den unredlichen Waffen der Weiblichkeit – Rhetorik, moderne PR und Attraktivität – schamlos um die Gunst des Publikums buhlt.
Denn so sehr manche Menschen rothaarige Frauen so wunderbar finden, daß sie ihnen ganze Bücher widmen, sie scheinen doch – und vielleicht mehr noch, weil ihr Äußeres so auffällig zu sein scheint – vielleicht mehr als Andere an Äußerlichkeiten gemessen und über diese bewertet. Oder doch nicht?
Das Publikum wollte von hysterischen rothaarigen Hexen nichts hören und hielt zu seiner tapferen, schönen Landrätin, die den Mann an der Spitze zu Fall gebracht hat.
Vinken sieht Bewegung
in der politischen Ordnung der Republik und hofft,
dass die Geschlechterordnung, die unsere modernen Demokratien begründet, ins Wanken geraten ist und wir uns auch politisch am Übergang in eine noch unvorstellbare Zeit nach der Moderne befinden. Die Erschütterung der alten Ordnung geht wesentlich tiefer, als sie politische Sachfragen wie der Streit zwischen dem Familienvater Stoiber und der alleinerziehenden Pauli um Familiensplitting versus patriarchalisches Ehegattensplitting ausdrücken können. Sie rührt an die symbolische Ordnung der Moderne selbst: Mutige, schöne Weiblichkeit verbindet sich mit dem Volk, dem sie eine Stimme verleiht, fast basis-demokratisch gegen einen Machtapparat.
Das mag zwar sein; wie tief die Veränderung rührt, muß sich aber noch zeigen. Wie im Fernsehgespräch bei Sandra Maischberger am vergangenen Dienstag immer wieder deutlich wurde, ist zwar vorstellbar, daß Gabriele Pauli ein Thema aufgegriffen hat, das öffentlich zu besprechen sich kein Mann getraut hat – aber ob das konkret auch bedeutet, daß Frauen in der politischen Arena sichtbarer und zahlreicher werden, ist noch nicht ausgemacht. Wie Alice Schwarzer in der Diskussion freundlich (und unwidersprochen) gegenüber Pauli und kritisch gegenüber den Medien anmerkte, sei die rote Farbe in Paulis Haaren doch schon etwas weniger geworden. Und es wäre im Übrigen nicht das erste Mal, daß eine Frau als Symbolfigur für einen Freiheitskampf herhalten darf (auch wenn man glücklicherweise wegen Stoiber keine Revolution durch- oder Guillotine einzuführen müssen meinte).

Und gerade die Französische Revolution hatte, wie auch Vinken weiß, trotz einiger Versuche, dies zu ändern, wenig für die Frauen übrig:
In der Französischen Revolution setzte sich die männerbündlerische Republik gegen die Monarchie und die Frauen durch, deren Präsenz in der Öffentlichkeit das Ancien Régime zu einer weibischen Regierungsform gemacht hätte, gebaut auf leere Rhetorik, Verführung und Schmeichelei.
(Bildquelle: de.wikipedia.org)
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