Eva Herman im wachsenden Größenwahn von Selbstverwirklichung und Prominenz?
Eva Herman regt sich über Silvana Koch-Mehrin auf. Richtig verlinken kann ich das nicht, weil ihr “Blog” keines mehr ist, sondern eine irgendwie seltsame Verlautbarungsseite, bei der man Kommentare nur noch per E-Mail einreichen darf. Das ist albern, aber was soll’s; zur Zeit hier ist Hermans Suada nachzulesen, die den – wie von ihr gewohnt eine vermeintlich rhetorische Frage aufwerfenden – Titel Handelt FDP-Spitzenpolitikerin verantwortungslos? Die Forderung nach mehr “Rabenmüttern” ist ein Skandal! trägt.
Anlaß für Hermans Empörung ist die Verlagsankündigung von Koch-Mehrins neuem Buch Schwestern. Streitschrift für einen neuen Feminismus. Sie erregt sich natürlich nicht darüber, daß Koch-Mehrin hier auf einen fahrenden Zug aufspringt, nachdem im vergangenen Jahr tatsächlich der Feminismus endlich wieder ein wenig in die öffentliche Debatte kam und sie selbst von Thea Dorn für deren Buch Die neue F-Klasse interviewt worden war. Oder darüber, daß es Koch-Mehrin vielleicht mit dem Feminismus gar nicht so ernst meint, sondern nur Geld verdienen und die FDP als feministisch darstellen will. (Man wird sehen, sobald das Buch erschienen ist.)
Im Verlagsprospekt also läßt sich, das entzündet Hermans Zorn, Koch-Mehrin mit den Worten zitieren:

Natürlich (muß ich das erläutern?) ist das ein leicht ironischer Umgang mit dem Wort “Rabenmütter”, und sicher wird Koch-Mehrin nicht propagieren wollen, man solle Kinder möglichst viel und heftig vernachlässigen. Eher wird das vermutlich aus dem Zusammenhang des Buches gerissene Zitat darauf hindeuten, daß Frauen mehr Karriere machen sollten, trotz und mit Kindern, so wie sie selbst etwa. Soviel moralische Einsicht kann man der Abgeordneten doch wohl zusprechen.
Kann Eva Herman natürlich nicht. Sie schäumt und will “Rabenmütter” partout völlig ohne Distanz lesen:
[S]o also ihre Aussage in einer Zeit, in der jede Woche allein drei Kinder in unserem Land sterben, weil sie verhungern, weil sie vernachlässigt und vergessen werden, verwahrlosen oder vorsätzlich von ihren Eltern umgebracht werden.
Wir sollten uns einmal ansehen, wie der Begriff „Rabenmutter“ heute aktuelle Verwendung findet. Er wird im engeren Sinne in Bezug auf Mütter verwendet, die sich nicht um ihre Kinder kümmern. Es sind die Mütter gemeint, die ihre Kinder zur Adoption freigeben oder sie sich selbst überlassen.
Daß Herman hier ganz sprachschnöselig auf (vermeintlich) präzisen Bedeutungen herumhackt, ist eher belustigend. Ist das die gleiche Frau, die wenig später nicht nur ungelenk, sondern grammatisch haarsträubend schreibt:
Die Wissenschaftler fordern, dass Kinder unter drei Jahren nicht in Ganztagesbetreuungen gebracht, sondern von verlässlichen Bindungspersonen, am günstigsten ist die Mutter, doch auch vom Vater oder den Großeltern, versorgt werden müssen.
Mit diesen rätselhaftem Satz will Herman wiedergeben, was einige Bindungsforscher zu Bedenken gegeben haben – es gibt aber eben auch andere Positionen und Meinungen dazu. Für Herman sind Kitas halt schuld, bzw. entscheidend mitverantwortlich für die Zunahme der mentalen Probleme wie Gewalt, Depression, Suizid, usw.
Gewalt als mentales Problem zu sehen, ist zwar irgendwie niedlich; um Hermans Argumentation zu folgen, muß man aber schon vorher ihr alarmistisches, kulturpessimistisches Gefasel vom sichtbaren Auseinanderfallen[] der Gesellschaft in Europa
geglaubt haben.
Im Grunde ist das alles nichts Neues, das steht schon in Hermans Buch. Aber vielleicht fühlt sich Silvana Koch-Mehrin, der Herman immerhin vorwirft, im wachsenden Größenwahn von Selbstverwirklichung und Prominenz
ihre eigene und auch die familienpolitische Verantwortung
(Ah! Diese Eleganz im sprachlichen Ausdruck! Liest denn das niemand Korrektur?) aus den Augen verloren zu haben, angesichts solcher Angriffe einmal bemüßigt, in Ihrem Weblog dazu Stellung zu nehmen. Und sich dort vielleicht doch noch öfter zu feministischen Themen äußern; es würde ihr Buch noch glaubhafter machen.
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Hi,
ich finde das was ich bisher von Eva Herman ja auch ziemlichen Schrott, aber warum Du jetzt da unbedingt auf Grammatik und Stil rumhauen musst, verstehe ich zum einen nicht und finde ich auch arg daneben.
Grüße,
Keywan
In diesem Fall: Weil sie sich selbst als so sprachlich kleinlich zeigt – dann sollte sie wenigstens grob Korrektur lesen. Ihre inhaltlichen Argumente sind nicht neu und sind auch keine, jedenfalls keine unumstrittenen – und da sie sich für Gegenmeinungen eh nicht zu interessieren scheint, mag ich mich gerade nicht damit en detail auseinandersetzen. Wenn Du das gerne machen möchtest, nur zu! :-)
Wer die nächtliche Diskussion mit Eva Herman, Thea Dorn und eben Silvana Koch-Mehrin im ZDF verfolgt haben, dürfte sich verwundert die Augen gerieben haben über die fehlende Souveränität der sich im intellektuellen Vorteil sehenden Dorn und Koch-Mehrin.
Und ihre Reaktion ist ja nur ein Beispiel für die fehlende Souveränität publizierender Weiblichkeit im Umgang mit Dissens aus “dem eigenen Lager” – von der FAZ bis zur ZEIT.
Aus den von ihr selbst angeführten Gründen – “herrschende Produktionsbedingungen” – wird sich das Rad der geschlechtlichen Arbeitsteilung nicht zurückdrehen lassen. Es ist keine Kokettiererei, daß sich Eva Hermann als Anwältin einer Minderheit versteht. Sie vertritt eben eine Minderheitsmeinung.
Wer den Diskurs beherrscht, muß mit Widerspruch umgehen lernen – daß das nicht so einfach ist, wenn der gesamte Gleichstellungsdiskurs auf Viktimisierungsargumenten beruht, ist klar. Da muß die gesamte Argumentationspalette auf den Prüfstand. Dennoch ist es notwendig, denn Eva Herman macht genau das gleiche wie früher Alice Schwarzer – sie provoziert genüßlich.
In beiden Fällen geht es um eine Gerechtigkeits- und damit natürlich auch eine Verteilungsdebatte: Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, Gerechtigkeit zwischen den Generationen (für links: um Nachhaltigkeit).
Egal was Frau Herman im Detail sagen mag (ob mit oder ohne Hand oder Fuß), intergenerationelle Gerechtigkeit ist ein Thema, dem sich heute niemand entziehen kann und auf das zumindest der publizistische Feminismus in seiner Konzentration auf verteilungspolitische Geschlechtergerechtigkeit bisher nicht wirklich eingegangen ist – und dessen Erwähnung er jetzt als diskursive Herausforderung betrachtet.
Diese erweiterte Wertedebatte von sich aus zu führen wäre die angemessene Reaktion, dann würde Eva Herman nämlich als das gesehen, was sie meiner Meinung nach ist: eine Frau, die ein Thema für sich entdeckt hat und anderen davon erzählt. Kein Angriff auf verfassungsmäßige Rechte von Frauen.
Es gäbe keinen Grund für die Hysterie.
Darf ich mal ein bißchen Widerspruch anmelden?
Herman versteht sich als Anwältin einer schweigenden Mehrheit. (Die es wahrscheinlich nicht gibt.)
Der Gleichstellungsdiskurs bewegt sich schon seit einiger Zeit (wenn je) nicht mehr nur auf der Schiene, Frauen seien die armen Opfer und Männer die bösen Täter.
Aber eben auch eine Frau, die andere Meinungen entweder ignoriert oder nicht gelten läßt, die andere Positionen nur verdreht und pervertiert wiedergibt. Das ist schon problematischer, oder?
Den Begriff der sollte man vielleicht tatsächlich mal weiter diskutieren. Was genau willst Du damit fassen?
(Und nein, zur Hysterie besteht kein Anlaß. Bin ich hysterisch? Aber ich kann diese Aussagen halt auch nicht unwidersprochen stehen lassen.)
Sowas bin ich ja eigentlich nicht gewohnt ;)…
Sie geht sicher nicht davon aus, daß die Mehrheit der Frauen nicht nicht mehr arbeiten wollen oder sollen. Sie sieht sich wohl eher als Anwältin der “vernachlässigten Kinder” und derjenigen Mütter, die sich dafür entschieden haben, eine längere berufliche Auszeit zu nehmen. Diese Frauen mag man als “schweigend” bezeichnen – aus offensichtlichen Gründen, sie leben eben zurückgezogen, privat – aber eine Mehrheit werden sie nicht darstellen. Ihre Anzahl ist aber auch eigentlich für die Frage “reverser Diskriminierung”, die Herman in diesem Zusammenhang ja aufwirft, nicht so wirklich relevant. Natürlich sucht auch sie sich ihre Beispiele sorgfältig aus und schmückt sie auch aus, aber es sollte eigentlich nicht angehen, daß eine gutausgebildete Frau, die sich für ein Familienleben im traditionellen Rollenbild entscheidet, sich dafür ausgerechnet vor Frauenrechtlern – “wofür haben wir denn gekämpft!” – rechtfertigen muß.
Ich denke, hier ist eine Differenzierung zwischen verschiedenen Diskursebenen notwendig. Auf der höchsten Diskursebene ist das eine auch meines Erachtens korrekte Aussage, aber auf niedrigeren, vor allem institutionalisierten politischen Ebene ist das meines Erachtens nicht der Fall. Auch im rechtlichen Bereich (Stichwort Vätergruppen) ist die herrschende Meinung meines Erachtens hiervon geprägt. Auch die relative Strafbemessungsentwicklung von Sexualstrafrecht und anderen gravierenden Verletzungstatbeständen ist ein Indiz für die Richtigkeit der Annahme außerhalb des erweiterten akademischen Diskursfeldes. Ich gestehe aber zu, daß sich die Diskussion – meines Erachtens vor allem als Folge der vermehrten öffentlichen Rezeption evolutionspsychologischer Thesen/Erkenntnisse – in den letzten Jahren leicht geöffnet hat.
Ja, klar, problematischer. Aber wie gesagt, für mich ist das eine Konsequenz des Diskussionsniveaus auf dem sich ihre Debatte bewegt. Wenn man das einfach als eine Meinung unter vielen ansehen könnte, wäre schon viel gewonnen. Ich finde die Reaktion vieler öffentlicher Diskutanten/innen auf Frau Hermanns platte Provokationen definitiv hysterisch (eine Demonstrantin fragte sich in Mainz ob sie ein “Fehler der Natur” sei). Das erinnert so ein wenig an Schwarzer/Vilar (was heißt ‘erinnert’… ich war ja nicht dabei damals…) Und der Titel dieses Beitrags spricht auch nicht gerade für humorvollen Umgang mit einem zu belächelnden Phänomen. Vielleicht ist Hermans indirektes Argument, daß die sozialisierte Diskursrealität Frauen in der Hinsicht benachteilige, daß sie sich nicht mehr frei für Kinder und Küche entscheiden können, für die publizistischen Vertreter einer Basistheorie deren fundamentales Axiom die Existenz von subtilen gesellschaftlichen Opressionsstrukturen ist, doch einfach zu problematisch, um souverän zu reagieren. Aber das ist sicher Definitionssache.
Naja, daß Gerechtigkeit eben auch eine intertemporale Komponente hat – siehe “Nachhaltigkeit”. Daß die Frage, wie Kinderbetreeung, Erziehung und Pflege zu verbessern ist, eine überaus berechtigte Frage ist. Daß Kinder zwar die gleichen Menschenrechte haben wie Erwachsene, aber andere Bedürfnisse. Daß man Rechte ggf. gegeneinander abwägen muß. Die Selbstentfaltung von Eltern und Kind ist nie unabhängig voneinander möglich. Ein humanistisches, abstraktes Gleichheitsideal wird der Situation daher wohl nur selten gerecht – das ist ein altes Argument für positive Diskriminierung. Wenn man Familie aber nicht als Nullsummenspiel betrachtet, dann kann die temporäre positive Diskriminierung insgesamt einen positiven Effekt haben. Der auf das Spannungsverhältnis “Mann-Frau” konzentrierte Gleichstellungsdiskurs hat die intertemporale Ebene meines Erachtens weitgehend vernachlässigt.
Das Buch von Koch-Mehrin werde ich mir auf jeden Fall kaufen, “Die neue F-Klasse” von Dorn habe ich neulich erst geschenkt bekommen und gerade eben mit Begeisterung gelesen. “Evchens” Machwerk hatte ich mir zum Glück nur ausgeliehen; und gelesen habe ich es auch nur, weil ich wissen wollte, warum sich so viele über dieses Buch aufregen.
Nun ja, aufgeregt habe ich mich auch. Zumindest beim Lesen. Im Nachheinein kann ich sagen, daß dieser Müll, den die Herman da von sich gibt, weder das Lesen noch die Aufregung wert ist.
Man schaue nur einmal in den “Fan-Blog” zu ihrem Buch und was die Leute dort von sich geben, die “Das Eva-Prinzip” gut finden.
Wie schreibt Luise F. Pusch in ihrem Blog so schön auf eine Mail einer Freundin zum Thema Eva Herman:
“bis jetzt hatte ich Eva Hermans Thesen ignoriert – es gibt so viel Wichtiges zu tun, nicht?”
(Der ganze Post:
http://www.fembio.org/biograph.....r-landet/)