Der Dresscode ist etwas freier
Sabine Resch hat sich für die jüngste Wochenend-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung angesehen, welchen Kleidungsstil die derzeit mächtigeren Frauen in der Welt bevorzugen. Neben Nancy Pelosi (“Missis Proper”), Ségolène Royal (“Polit-Bond-Girl”), Condoleezza Rice (“Polit-Domina”) und Julia Timoschenko (“Polit-Barbie”) bekommt auch die deutsche Bundeskanzlerin einen Spitznamen verpaßt: Doris Day.
Die Physikerin Angela Merkel vertritt den Stiltyp der Asketin (modeimmun). Um aus der Kanzlerin wenigstens eine Funktionale (trendimmun, aber nicht modeimmun) zu machen, bildete sich eine Art Task Force für Merkel-Mode, rekrutiert aus dem Dunstkreis der seriösen Berliner It-Girls wie Sabine Christiansen, Friede Springer und Inga Griese samt Frisör, verantwortlich für gewalztes Haupthaar. Mit dem Ergebnis – Merkel in veritablen, klassischen Hosenanzügen der Hamburger Designerin Bettina Schoenbach – ist die Republik zufrieden.
Die Grande Dame steht zwar dank mitunter gewagter Knallfarben und Knöpfe, deren Durchmesser olympischen Medaillen Konkurrenz macht, neben ihren Koalitionsmitgliedern wie der sprichwörtliche bunte Hund.
Dennoch ist sie die Doris Day der deutschen Politik: ordentlich angezogen, toupierte Ballonfrisur, immer lieb lächelnd und gnadenlos unterschätzt, bis sie unerwartet zuschlägt.
Insgesamt gibt es also für Merkel positive Bewertungen ob ihrer modischen Entwicklung (It-Girls sei Dank!), auch wenn man den Eindruck hat, Resch sympathisiere mehr oder minder insgeheim eher mit den strengen Outfits von Frau Rice oder der modischen Chuzpe von Julia Timoschenko. Ein bißchen mehr hätte ich dennoch gerne darüber erfahren, wie sehr (und ob, und warum) die jeweiligen modischen Entscheidungen das Image der Politikerinnen in der Öffentlichkeit verändern oder gar bestimmen. Wie bewußt sind die Entscheidungen für bestimmte Kleidung? Und wer trifft oder empfiehlt sie wirklich?
Man trennt sich nur ungern von der prinzipiellen Zuweisung der Garderobe bei Mann und Weib; hier erweist sich die vermeintlich flippige Branche kurioserweise als konservativ und starr, gar nicht so trendy, offen und flexibel wie ihr Ruf.
Bei Politikerinnen, stellt Resch fest, ist der Dresscode nicht ganz so strikt wie bei ihren männlichen Kollegen mit den immergleichen dunklen Anzügen. Wer einmal versucht hat, nur etwas extravagantere Herrenbekleidung im “normalen” Handel zu erwerben, weiß um das Dilemma, daß die Mode nicht nur weiterhin “strikte Geschlechtertrennung” betreibt, “Jeans und T-Shirt zum Trotz”, wie Resch schreibt, sondern daß die allgemein erschwingliche Männermode auch schlichtweg langweilig und fad ist: Ein wenig Abwechslung in Schnitt und Farbe, aber um Gottes Willen nichts Buntes!
Man kann das, schlage ich jetzt ein wenig aus dem hohlen Bauch heraus vor, doppelt lesen (und muß wohl mindestens diese zwei Aspekte sehen):
Daß einerseits womöglich Frauen (bei allen Hindernissen) grundsätzlich ein größeres Spektrum an gesellschaftlichen Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet ist, während Männern immer noch vor allem die Rolle des Ernährers und Berufstätigen zugeschrieben und aufgedrückt wird. Hinzu kommt hierbei, daß durch die Emotionalität und andere Eigenschaften, die Frauen zugeschrieben werden, diese dann auch “individueller” auftreten dürfen, sollen und müssen (man denke an den gern bemühten Witz von den zwei Frauen, die auf einer erlesenen Abendgesellschaft zufällig das gleiche “einzigartige” Kleid tragen), während die Männer eigentlich am Besten in der grauen Anzugsmasse verschwinden sollen. Distinktion und Extravaganz ist dann nur noch der teurere Schneider, der Maßanzug.
Daß aber damit Frauen eben auch dazu verdammt sind, object of the gaze zu sein, will sagen: gut aussehen zu müssen, sich herauszuputzen, während es bei den Männern vermeintlich genau darauf nicht ankommt.
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