25.November Tag “Nein zu Gewalt an Frauen”
Am 25.11. wird am internationalen Tag Nein zu Gewalt an Frauen an die Gewalt gegenüber Frauen erinnert. In einer Studie zum Thema Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland wurde die Gewalterfahrung von Frauen untersucht.
“Es stellte sich zunächst heraus, dass Deutschland im europäischen Vergleich nicht etwa auffallend friedlich, zivil, emanzipiert abschneidet, sondern in punkto Prügelquote im “mittleren bis oberen Feld” rangiert. 40 Prozent der Frauen in Deutschland gab an, körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt zu haben – oder beides. Das ist alarmierend – und bestätigte in etwa Dunkelfeldschätzungen der Frauenpolitik und Frauenprojektebewegung – die stets für hoch gegriffen gehalten worden war.” (Schleicher)
Barbara Schleicher: Tatort Wohnzimmer. In: Freitag vom 24.11.2006.
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Der Artikel im “Freitag” ist nicht gerade eine Glanzleistung. Ein Hauptproblem besteht darin, dass der immense Anteil weiblicher Täter darin komplett ausgeblendet wird, nur um Gut und Böse standardmäßig nach weiblich und männlich aufzuteilen. Über die hohe Rate häuslicher Gewalt durch Frauen gibt es seit Jahren eine umfangreiche Bibliographie. Es fehlt nur eine mediale Berichterstattung darüber, die der über Gewalt an Frauen gleichkommen würde.
Während sich der “Freitag” gerne als kritische Zeitung inszeniert, schrieb die Autorin bei diesem Artikel geradezu faszinierend unkritisch alles ab, was ihr die Forscherinnen aufs Blatt diktierten. Nachrecherchieren, hinterfragen? Fehlanzeige. Sehr hübsch ist insofern der Satz: “Das ist alarmierend – und bestätigte in etwa Dunkelfeldschätzungen der Frauenpolitik und Frauenprojektebewegung – die stets für hoch gegriffen gehalten worden war.” Motto: Wir haben´s ja schon immer gesagt, aber jetzt haben wir eine Studie als Beweis. Dass die Studie von denselben Leuten angefertigt wurde, die mit den alarmistischen Schätzungen ihren Kopf bereits weit aus dem Fenster gehängt hatten, bleibt seltsam unberücksichtigt.
Das besonnene Nachfragen, das man sich vom “Freitag” gewünscht hätte, hatte schon zwei Jahre zuvor die “Welt” geleistet und so bei der Bielefelder Studie einige handfeste Kritikpunkte aufgetan: “Auch gut gemeinte Statistiken müssen stimmen. So geht es um die Frage, wie hier welche Phänomene gemessen wurden. Zum einen galt eine Frau als von Gewalt betroffen, wenn sie `eine Gewaltform mindestens einmal im Erwachsenenleben´ erlebt hatte. Da hier – anders als in allen europäischen Vergleichsstudien – auch Frauen bis zum 85. Lebensjahr befragt wurden, tauchen in der Statistik also auch alle schrecklichen, aber historischen Kriegs- und Vertreibungserlebnisse dieser Generation auf. Sie tragen zu der Zahl von `37 Prozent´ bei, die heute so verkauft wurde, als wäre ein Drittel aller Frauen permanenter Gewalt ausgesetzt.” Dass Deutschland als Ergebnis dieser abweichenden Befragung im “mittleren bis oberen Feld” der Gewalt gegen Frauen rangiert, wie der “Freitag” schreibt, verwundert dann nicht mehr. Und weiter: “Zudem wird `Gewalt´ von den Autorinnen der Uni Bielefeld doch sehr weit gefasst. So gilt bereits `Werfen von Gegenständen´ und `wütendes Wegschubsen´ als statistisch relevantes Gewalterlebnis. Das ist zwar alles nicht besonders freundlich – aber ob es die präzise Grundlage für eine heutige Erfassung von Gewalt gegen Frauen ist, ist doch fraglich. So betreibt das Ministerium einen Klassiker moderner Klientelpolitik: Eine Opfergruppe wird künstlich ausgeweitet, auf dass noch mehr Forschungs- und Aktionsgelder fließen. Sicher, so kann man Politik begründen. Seriös ist das jedoch nicht. Und dem Anliegen Tausender tatsächlich auch heute verprügelter Frauen ist damit auch nicht gedient.”
Noch deutlicher wird, ebenfalls in der “Welt”, Professor Gerhard Amendt vom Institut für Geschlechter- und Generationenforschung in Bremen: “Jetzt leiden sie wieder. Was die aktuellen Zahlen zur häuslichen Gewalt über die Forscherinnen aussagen”.
“Gewalt an Frauen ist die wohl stillste aller schweren Menschenrechtsverletzungen” heißt es im “Freitag”. Bei dieser Masse an Forschung, Propaganda und Artikeln darüber ist dieser Satz reiner Nonsens. Die stillste aller Menschenrechtsverletzungen ist noch immer häusliche und sexuelle Gewalt gegen Männer. Auch in diesem Artikel kommt sie mit keiner Silbe vor. Im Gegneteil: Mit der fahrlässigen Dämonisierung von Männern als “das Böse” trägt der “Freitag” einen Gutteil zu solcher Gewalt bei. Ich würde mich freuen, wenn wenigstens dieses Blog nicht darauf einsteigen würde.
Auch die Kriegserlebnisse? Naja. Glaubt man der Bundesregierung, so klingt das etwas anders:
Die Studie gibt es hier.
Natürlich wird auch Gewalt von Frauen gegen Männer ausgeübt. Geschenkt. Auch das wurde untersucht. Und ja, die Zahlen sind ähnlich; inwieweit sie wirklich vergleichbar sind, ist eine andere Frage, für die man doch einmal einen ausführlicheren Blick in die Studien werfen sollte. Und sich auch mit Fragen wie Schwere, Kontext und Formen der ausgeübten Gewalt beschäftigen.
Daß der Freitag da womöglich einseitig argumentiert, mag gerne sein. Sich ausgerechnet mit der Welt und einem Text von Gerhard Amendt gegen ideologische Verblendungen zu wehren, ist allerdings auch nicht unproblematisch. Zum einen stehen beide für andere, aber vielleicht nicht minder ideologische Positionen. Zum anderen stimmt, bedenkt man die beim Ministerium fast zeitgleich publizierten Studien zu Gewalterfahrungen von Frauen und Männern, dieser Satz aus dem von Dir verlinkten Welt-Artikel wohl nicht ganz:
Das ist nicht weniger Dämonisierung als Amendt sie den “Gewaltforscherinnen und ihren Partnerinnen im Familienministerium” (warum sollen das eigentlich alles nur Frauen sein?) in Bezug auf die Männer unterstellt.
Und in Berlin zumindest scheint das Verhältnis der aktenkundigen Fälle von häuslicher Gewalt sehr eindeutig zu sein:
Es ist also alles nicht so einfach. Wenn Terre des Hommes aber schreibt, daß in ganz Deutschland jährlich “rund 45 000 Frauen mit ihren Kindern in Frauenhäuser” fliehen, dann ist der heutige Aktionstag jedenfalls nicht unnötig. Die Männer können sich ja auch einen machen.
(Links z.T. aus dem Hauptstadtblog.)