“Ich bereue weder das eine noch das andere”
Posted in: 8. März 2007, Buchrezensionen, Bücher, Elternschaft

Das Foto auf dem Buchumschlag hat mich schon vor dem Lesen der ersten Beiträge des Bandes Karriere und Kind. Erfahrungsberichte von Wissenschaftlerinnen amüsiert und zugleich positiv eingenommen: Vor einem, offensichtlich mit Sachbüchern vollgestellten Regal sieht man die Arbeitsplatte eines großen, langweiligen Metallbüroschreibtisch. Auf ihm befinden sich zwei aufgeklappte Laptops, die von Ablagestapeln, Unterlagen und vor allem wiederum von Büchern eingebaut sind. Doch offensichtlich machen die beiden hier tätigen Menschen gerade eine Pause oder sind nach Hause gegangen; jedenfalls sitzt niemand an dem Tisch und der linke Computer ist ausgeschaltet. Auf dem rechten hingegen prangt zwischen anderen Buchstaben und Zahlen gut lesbar, wenngleich auch etwas scheps, das Wort „Home“. Scheps deshalb, weil es sich bei diesem Laptop nämlich, anders als bei seinem elektronischen Bruder, um ein Spielzeug handelt, bei dem Ziffern und Buchstaben magnetisch an einer kleinen, aufklappbaren Tafel befestigt werden können.
„Karriere und Kind“ also, in letzter Zeit oft und bis zur Unerträglichkeit verhandelt unter den Schlagworten der „kinderlosen Akademikerinnen“ und der geforderten „besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. „Kind und Karriere“ also, nicht „Kind oder Karriere“ ist das Thema des von Nikola Biller-Andorno, Anna-Karina Jakovljević, Katharina Landfester und Min Ae Lee-Kirsch herausgegebenen Sammelbandes. Zu Wort kommen hier vor allem, aber nicht nur, Wissenschaftlerinnen verschiedenen Alters und auf unterschiedlichen ‚Stufen der Karriereleiter‘, die ihre ganz persönlichen Erfahrungen zu diesem hoch politischen Thema beisteuern.
Die von ihrer fachlichen und geographischen Herkunft sehr unterschiedlichen Autorinnen und Autoren des Bandes wurden von den Herausgeberinnen eingeladen, über ihren Werdegang und Alltag zu berichten. Herausgekommen ist dabei nicht nur eine erhellende und ermutigende Reihe von Stimmen, die zeigen, wie politisch das Private immer noch und immer wieder ist, sondern auch eine Art Maßnahmenkatalog für Hochschule und Politik, der zeigt, wo die Probleme und Bedürfnisse von jungen Eltern im universitären Bereich wirklich liegen.
Dabei wird in dem Band bei weitem kein Lamento von der gestressten, weil mehrfach belasteten Mutter angestimmt. Im Gegenteil: Die Worte, die Petra Gelhaus ihrem Beitrag vorweg schickt, treffen auch den Ton der anderen Erfahrungsberichte: „Ich bereue weder das eine noch das andere, das heißt, ich fühle mich als medizin-ethische wissenschaftliche Assistentin beruflich völlig am richtigen Platz und ich würde meine Tochter Siobhán (gesprochen Schiwón) um nichts in der Welt hergeben.“
Die Berichte zeugen so auch von dem Erfolg, den Wissenschaftlerinnen mit Kindern im Universitätswesen mittlerweile wesentlich selbstverständlicher erleben, als noch vor einer oder zwei Generationen, weshalb allein die Erzählungen von den unterschiedlichen Lebenswegen, die von den Frauen beschritten wurden, das Buch für angehende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler lesenswert macht. Die Varianten reichen dabei von Frauen, die während ihrer Studienzeit Mutter wurden und so die universitäre Karriere bereits mit Kind angetreten haben, bis zu Frauen, die bewusst später Kinder bekommen haben, als bei ihnen und bei ihrem Partner die größten beruflichen Ziele bereits erreicht waren.
Heike L. Pahl beispielsweise weist darauf hin, daß es auch für die Kinder von großem Vorteil sein kann, wenn die Eltern beruflich etabliert sind und als „spät Berufene“ die Kindererziehung ruhiger und ausgeglichner gestalten könnten (ähnlich äußern sich Margit Sutrop und Andrea E. Abele). Andere Wissenschaftlerinnen vergleichen die Situation an deutschen Universitäten mit den Verhältnissen in anderen Ländern, meist den USA, und weisen deutlich darauf hin, daß es an den Universitäten dort kein Problem sei, einen Kindergartenplatz o.ä. zu finden. Wichtig erscheint mir auch der innerdeutsche Vergleich im Rückblick auf die Situation in der DDR, die Dagmar Schipanski ohne verklärenden Blick aber mit deutlichen Worten beschreibt: „Die Betreuung von Kindern war geregelt und stellte auch für Kinder im Alter von zwei Monaten bis zweieinhalb Jahren kein Problem dar. […]. Das muss ich schon einmal so deutlich sagen: Kinder und Familie waren in der DDR groß geschrieben. [….]. Das Schlechte war die Ideologie, die man versucht hat, mit diesen Rahmenbedingungen zu verbinden.“.
Immer wieder wird in den Erfahrungsberichten deutlich, welche Punkte entscheidend für eine geglückte Verbindung von Muttersein und Berufstätigkeit sind. Zuvorderst steht zumeist die Gemeinschaft mit einem selbstverständlich gleichberechtigten und ‚gleichverpflichteten‘ Partner, aber fast ebenso wichtig sind die flexiblen Arbeitszeiten, die Universitäten immer noch zu einem eigentlich idealen Arbeitgeber für Eltern werden lassen. Daneben erleichtert ein aufgeschlossenes und verständnisvolles Umfeld, wie Chefs und Chefinnen, die nach dem Motto „wenig Dienen, viel Freiheit“ (Gertrude Lübbe-Wolff) handeln, oder gut funktionierende Arbeitsgruppen die Entscheidung für ein Leben mit Kindern.
Deutlich wird aber auch, daß berufstätige Mütter besonders stark unter der Tatsache leiden, daß sie bis zum ersehnten Ruf nur befristete Arbeitsverträge an der Universität erhalten; sie müssen sich darüber klar werden, daß man Beruf und Kindern „nicht gleichzeitig hundertprozentig gerecht werden kann.“ (Christiane Wendehorst), und lernen, hin und wieder mit schlechtem Gewissen zu leben.
Unterfüttert werden die persönlichen Berichte von zwei zusammenfassenden Beiträgen und einer empirischen Studie zur Situation von Müttern in der Wissenschaft. Hier findet sich auch weiterführende Literatur zu verschiedenen Aspekten des Themas.
Dieser insgesamt äußerst geglückte Sammelband wurde u.a. durch die Volkswagen-Stiftung und das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert, gibt aber seinen Geldgebern einen klaren Auftrag zurück: Das darin investierte Geld kommt erst vollständig zum Tragen, wenn es sich auch in konkreten politischen und wirtschaftlichen Taten niederschlägt. Die Sammlung der Erfahrungsberichte kann nur ein erster Schritt gegen leere Sonntagsreden und Vereinzelung sein, denn es ist wichtig zu wissen, nicht die einzige zu sein, die nicht mehr länger als „Betroffene“ oder Exotin mit schlechtem Gewissen im immer noch sehr patriarchalen Wissenschaftsalltag Karriere machen möchte.
Foto: Verlag (Ausschnitt des Covers)
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